ArchivDeutsches Ärzteblatt10/2019Rota- und Entero-Viren: Virusimpfung als Diabetesschutz

MEDIZINREPORT

Rota- und Entero-Viren: Virusimpfung als Diabetesschutz

Dtsch Arztebl 2019; 116(10): A-478 / B-389 / C-385

Lenzen-Schulte, Martina

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

In einer Population von Kleinkindern, die gegen Rota-Viren geimpft wurden, kam es seltener zu Typ-1-Diabetes als in einem Kollektiv, dass nicht gegen diese Viren geschützt war. Diese Meldung bekräftigt die Hypothese, dass Erreger an der Entwicklung des Typ-1-Diabetes beteiligt sind.

Der Rotavirusimpfstoff wird für die Schluckimpfung aufgezogen. Foto: picture alliance
Der Rotavirusimpfstoff wird für die Schluckimpfung aufgezogen. Foto: picture alliance

Die von der Ständigen Impfkommission STIKO seit 2013 auch in Deutschland für Kleinkinder empfohlene Rotavirusimpfung gegen Durchfälle und Magen-Darm-Erkrankungen hat womöglich noch einen Schutzeffekt. Seit Einführung dieser Impfung kam es in Australien zu einem Rückgang des Typ-1-Diabetes bei jüngeren Kindern (1).

Die Arbeitsgruppe um den Immunologen Prof. Dr. Leonard C. Harrison vom Walter and Eliza Hall Institute in Melbourne hat dies aufgrund einer Zeitreihenanalyse festgestellt. Die Studie beruht auf 16.159 Neuerkrankungen an Typ-1-Diabetes im Zeitraum zwischen 2000 und 2015. Verglichen wurden die Inzidenzen 8 Jahre vor und nach Einführung der Impfung in Australien im Jahr 2007. Die Impfquote lag bei 84 %.

Es zeigte sich, dass die Inzidenz des Typ-1-Diabetes erkennbar zurückging. Bei den jünger als 4 Jahre alten Kindern sank sie um 14 % signifikant, der Trend hält an (Rate ratio 0,86; 95-%-Konfidenzintervall 0,74–0,99; p = 0,4). Dies stützt indirekt die Vermutung, dass Virusinfekte an der Entstehung der Autoimmunerkrankung beteiligt sind.

Dr. Teresa Rodriguez-Calvo, die am Diabetes-Institut des Helmholtz Zentrums in München die Forschungsgruppe „Typ-1-Diabetes Pathologie“ leitet, ist solchen Viren bereits länger auf der Spur. „Wir wissen, dass Enteroviren in der Bauchspeicheldrüse von Patienten mit Typ-1-Diabetes einen Fingerabdruck hinterlassen“, erklärt Rodriguez-Calvo, „und solange wir noch Beta-Zellen finden, ist auch Virusprotein nachweisbar. Das spricht dafür, dass die Erreger etwas mit den chronischen Entzündungs- und Zerstörungsprozessen zu tun haben“.

Wissenschaftler nutzen hierfür weltweit Pankreasgewebe aus einer Biobank (https://www.jdrfnpod.org/about/), für die Patienten mit Typ-1-Diabetes speziell dieses Organ spenden. Verunglückt ein kürzlich erkranktes Kind mit Typ-1-Diabetes tödlich, so ermöglicht dies zum Beispiel, den Infektionsstatus in einem sehr frühen Stadium zu untersuchen.

Wie Viren daran beteiligt sind, dass Immunzellen irgendwann körpereigene Betazellen angreifen, ist nicht genau bekannt. Hierbei könnte die sogenannte „molekulare Mimikry“ eine Rolle spielen, etwa wenn Peptide des Virus den Antigenenstrukturen der Betazellen ähneln, sodass sich zum Beispiel T-Zellen später gegen Betazellen wenden. Bei an Typ-1-Diabetes erkrankten Kindern korreliert der Titer von bekannten Antikörpern gegen Inselzellen des Pankreas (GAD65 und anti-IA-2) mit dem IgG-Titer gegen Rota-Viren.

„Wir konzentrieren uns in München auf Entero-Viren“, erläutert Rodriguez-Calvo. Hier stehen speziell die Coxsackie-B-Viren (CVB) unter Verdacht. Dies nicht nur, weil einschlägige Virusspuren bei Patienten nachgewiesen worden sind, auch weil in Tierversuchen CVB häufig zum Betazell-Verlust führen. Zudem ist bekannt, dass Kinder von Müttern, die nach einer eigenen CVB-Infektion schützende Antikörper weitergeben können, seltener an Typ-1-Diabetes erkranken. Erst vor wenigen Monaten ist es zumindest im Mausversuch gelungen, für eine Anti-CVB-Impfung eine Schutzwirkung gegen Typ-1-Diabetes nachzuweisen (2). Die Firma Provention Bio hat bereits ein großes Coxsackie-B-Impfprogramm aufgelegt. Eine klinische Humanstudie gibt es jedoch noch nicht. „Man muss jedenfalls im Kindesalter ansetzen, denn die Viren triggern den Betazellverlust in jungen Jahren“, so Rodriguez-Calvo. Enterovirusinfektionen kommen bei kleinen Kindern gehäuft vor und Typ-1-Diabetes entwickelt sich in der Regel im Kindesalter. Die Typ-1-Diabetesinzidenz bei Kindern nimmt derzeit in Europa um 3,4 % pro Jahr zu, besonders rasant in Polen, in der Region Katowice zum Beispiel um 6,6 % (EURODIAB-Registerdaten). Für die USA wurde zuletzt ein Anstieg um 1,8 % pro Jahr beschrieben, für Kanada 1,3 und für Australien 0,3 %. In China nimmt die Zahl der Kinder mit Typ-1-Diabetes derzeit noch dramatischer zu – hier sind es 12,0 % im Jahr.

Dr. med. Martina Lenzen-Schulte

1.
Perrett KP, Jachno K, Nolan TM, et al.: Association of Rotavirus Vaccination With the Incidence of Type 1 Diabetes in Children. JAMA Pediatr. Published (online) Jan 22, 2019. https://jamanetwork.com/journals/jamapediatrics/fullarticle/2721243.
2.
Stone VM, Hankaniemi MM, Svedin E, et al.: A Coxsackievirus B vaccine protects against virus-induced diabetes in an experimental mouse model of type 1 diabetes. Diabetologia 2018; 61 (2): 476-481 CrossRef MEDLINE
1.Perrett KP, Jachno K, Nolan TM, et al.: Association of Rotavirus Vaccination With the Incidence of Type 1 Diabetes in Children. JAMA Pediatr. Published (online) Jan 22, 2019. https://jamanetwork.com/journals/jamapediatrics/fullarticle/2721243.
2.Stone VM, Hankaniemi MM, Svedin E, et al.: A Coxsackievirus B vaccine protects against virus-induced diabetes in an experimental mouse model of type 1 diabetes. Diabetologia 2018; 61 (2): 476-481 CrossRef MEDLINE

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Themen: