ArchivDeutsches Ärzteblatt11/2019Prävention von späten Fehlgeburten: Sensibilisierung Schwangerer für die Bewegungen des Kindes nicht zu empfehlen

MEDIZINREPORT: Studien im Fokus

Prävention von späten Fehlgeburten: Sensibilisierung Schwangerer für die Bewegungen des Kindes nicht zu empfehlen

Dtsch Arztebl 2019; 116(11): A-529 / B-435 / C-429

Leinmüller, Renate

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Foto: Sebastian Kaulitzki/stock.adobe.com
Foto: Sebastian Kaulitzki/stock.adobe.com

Lässt sich das Risiko für späte Totgeburten reduzieren über ein Maßnahmenpaket, das auf veränderten Kindsbewegungen im Mutterleib aufbaut? Diese Hypothese haben britische Geburtshelfer überprüft.

In der AFFIRM-Studie (1) wurde ein Interventionsprogramm implementiert. Die Schwangeren wurden angehalten, ab der 24. Schwangerschaftswoche (SSW) auf verminderte kindliche Bewegungen zu achten und ab der 28. SSW bei einer Verminderung der Bewegungen die Klinik aufzusuchen. Das Krankenhauspersonal wurde geschult, die Gesundheit der Feten zu erheben und bei hohem Risiko die Geburt einzuleiten.

Einer Kontrollperiode von 2 Monaten nach Implementierung des Programms folgte eine „Wash-out-Periode“ von 2 Monaten, danach die Interventionsperiode. Die Zuordnung der 33 Kliniken erfolgte randomisiert. Mehr als 400 000 Schwangerschaften gingen ein.

Primäres Zielkriterium war die Inzidenz an intrauterinem Fruchttod. Dabei ergab sich kein signifikanter Effekt: Nach Adjustierung lag der Wert in der Interventionsperiode bei 4,06 pro 1 000 Lebendgeburten (Kontrollzeitraum: 4,40 pro 1 000; adjustierte Odds Ratio: 0,90; 95-%-Konfidenzintervall: 0,75; 1,07). Auch die perinatale Mortalität verringerte sich nicht. Zusatzdaten weisen sogar auf eine höhere Zahl von postnatalen Todesfällen in der Interventionsperiode hin.

Der sekundäre Endpunkt, der Anteil von Neugeborenen in Woche 40 und höher mit einem Geburtsgewicht unterhalb der 10. Perzentile, lag in der Interventionsgruppe zwar signifikant niedriger (p = 0,001). Diesem potenziellen Nutzen gegenüber stehen allerdings signifikant mehr Kaiserschnitte (28,4 % Interventions-, 25,5 % Kontrollperiode) und vorzeitige Geburtseinleitungen (40,7 % vs. 35,9 %).

Die Ausgangshypothese hat sich damit nicht bestätigt. Die Autoren hoffen jedoch auf positive Ergebnisse aus 2 noch laufenden Studien.

Fazit: „Die verstärkte Beobachtung von Kindesbewegungen durch die Schwangere schadet mehr als sie nützt“, heißt es im Editorial (2). Dieser Meinung ist auch Prof. Dr. med. Ekkehard Schleußner aus Jena. „Nicht die Anzahl der Bewegungen, sondern deren Dauer können zwar ein Vorwarnzeichen sein, allerdings ein sehr unspezifisches“, so Schleußner.

Selbst in großen Kohortenstudien zur Prädiktion des intrauterinen Fruchttods bei Plazenta-Insuffizienz sei der Verlust an Kindesbewegungen erst knapp vor dem Ereignis relevant geworden (3). „Dagegen nahm die Dauer der kindlichen Bewegungen bei noch gleicher Frequenz früher ab – wohl um die fetalen Ressourcen zu schonen.“

Diese Veränderungen im Muster der Bewegungen seien jedoch schwer zu quantifizieren, betont der Geburtshelfer: „Nicht selten bewegen sich die Feten gerade wenige Stunden vor einem Fruchttod besonders viel.“ Darauf weise auch eine internationale Kohortenstudie hin (4) und eine Untersuchung aus Schweden (5). In den deutschen Leitlinien fänden sich folgerichtig zum derzeitigen Stand der Erkenntnis keine entsprechenden Empfehlungen.

Dr. rer. nat. Renate Leinmüller

  1. Norman JE, et al.: Awareness of fetal movements and care package to reduce fetal mortality (AFFIRM): a stepped wedge, cluster-randomised trial. Lancet 2018; 392: 1629–38.
  2. Walker KF, Thronton JG: Encouraging awareness of fetal movements is harmful. Lancet 2018; 392: 1601–2.
  3. Baschat AA, Gembruch U, Harman CR: The sequence of changes in Doppler and biophysical parameters as severe fetal growth restriction worsens.Ultrasound Obstet Gynecol 2001; 18: 571–7.
  4. Warland J, et al.: An international internet survey of the experiences of 1,714 mothers with a late stillbirth: the STARS cohort study. BMC Pregnancy Childbirth 2015; 15: 172.
  5. Linde A., Pettersson K and Radestad I: Women’s Experiences of Fetal Movements before the Confirmation of Fetal Death--Contractions Misinterpreted as Fetal Movement. Birth 2015; 42: 189–94.

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