ArchivDeutsches Ärzteblatt11/2019Digitale Medizin: Es gelingt nur gemeinsam

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Digitale Medizin: Es gelingt nur gemeinsam

Dtsch Arztebl 2019; 116(11): A-515 / B-420 / C-416

Schmitt-Sausen, Nora

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Gesundheits- und IT-Experten sind Mitte Februar in Orlando zusammengekommen, um über die Digitalisierung der Medizin zu sprechen. Probleme in der Praxis kamen dabei deutlich zur Sprache. Besuch bei der HIMSS in Orlando/Florida, Teil 1.

Mehr als 43 000 Teilnehmer informierten sich auf der Konferenz der Healthcare Information Management Systems Society. Fotos: Oscar & Associates for HIMSS19
Mehr als 43 000 Teilnehmer informierten sich auf der Konferenz der Healthcare Information Management Systems Society. Fotos: Oscar & Associates for HIMSS19

Orange County Convention Center, Orlando, Florida. Vor den Glastüren am Eingang des Westteils fahren im Minutentakt Reisebusse vor. Aus allen Himmelsrichtungen werden mehr als 43 000 Teilnehmer der Konferenz der Healthcare Information Management Systems Society (HIMSS) von ihren Hotels zu den Vorträgen und der Ausstellung gebracht. Einst eine Messe ausschließlich für IT-Nerds, hat sich die HIMSS zu einem globalen Branchentreffen für digitale Entwicklungen im Gesundheitswesen gemausert. US-Medizinorganisationen halten Bildungsprogramme ab, das Ge­sund­heits­mi­nis­terium nutzt die Aufmerksamkeit, um neue Politik zu verkünden, Unternehmen präsentieren ihre neusten Entwicklungen, Universitäten zeigen ihr digitales Know-how.

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Fünf Tage lang dreht sich alles um die Themen, die in den USA und der Welt aktuell die Debatte um die Digitalisierung der Medizin dominieren: Big Data, künstliche Intelligenz, Präzisionsmedizin, Patientenaktivierung, Patientenzentrierte Versorgung und Value-based Care. Es geht jedoch nicht nur um die Verheißungen der digitalen Medizin. Nicht allein um ein Showlaufen der IT-Branche. Sondern auch um eine kritische Reflektion der Erfahrungen aus den ersten Jahren der Digitalisierung.

Probleme, Grenzen und Hürden der digitalen Medizin kommen bei dem Megaevent ungeschminkt auf den Tisch. Zum Beispiel diese: vermehrte Burnout-Fälle bei Ärzten; Lücken bei der Cybersicherheit; Grenzen bei der Implementierung der Telemedizin; Überforderung von Patienten; die mangelnde Benutzerfreundlichkeit elektronischer Gesundheitsakten; das oft noch nicht gelöste Problem der Honorierung digitaler Leistungen.

Das Bildungsprogramm in Orlando ist vollgepackt. Es umfasst mehr als 300 Vorträge. „Altern und Technology: Was uns die Daten erzählen“; „Künstliche Intelligenz und Bildgebung: Daten als strategischer Vorteil“; „Cybersecurity Check-up: Leistung erreichen und messen“; „Wie praktisches Big Data-Management den Wert im Gesundheitswesen steigern kann“. So lauten nur einige der Themen, die diskutiert werden.

US-Regierung macht großen Schritt bei Big Data

Dienstagmorgen, 8.30 Uhr. Zu einem der besonders stark besuchten Events zählt naturgemäß die Eröffnungsveranstaltung. Im riesigen Valencia-Ballroom bleibt kaum ein Sitz leer. Drei große Leinwände sind neben und hinter der Bühne aufgebaut, zwei weitere hängen von den Decken. Alle sollen mitbekommen, was hier gesprochen wird. Eine Liveband samt Chor bringt die Zuhörer trotz morgendlicher Frühe in Stimmung. Dann wird es politisch: Passgenau zum Auftakt der Megakonferenz hatte die Regierung Trump so etwas wie eine Bombe platzen lassen. Sie hatte lange erwartete Regularien zum Umgang mit Gesundheitsdaten verkündet.

In Kürze beinhalten diese: Das US-Ge­sund­heits­mi­nis­terium macht den Weg frei für den digitalen Datenaustausch. Gesundheitseinrichtungen müssen künftig dafür Sorge tragen, dass digitale Gesundheitsdaten von Patienten problemfrei von einem System ins andere wandern können – etwa auch auf die Smartphones von Patienten. Es soll ein vernetztes Umfeld „für den sicheren Austausch von Informationen“ entstehen. Zugleich sind die neuen Bestimmungen ein Aufruf an die Industrie, ihre Systeme anwenderfreundlicher und effektiver zu machen. Damit soll ein lang bekanntes Problem gelöst werden: dass IT-Systeme bislang nicht miteinander kommunizieren konnten und ein Datenfluss nicht möglich war.

Der Umgang mit Daten bereitet noch Kopfschmerzen

Die Entscheidung der Regierung von Donald Trump brächte „den Patienten in das Zentrum der Versorgung“, sagte Seema Verma, führender Kopf der Gesundheitsbehörde „Centers for Medicare & Medicaid Services“ auf dem Podium im Valencia-Ballroom; sie würden nun zum Herrn über ihre Gesundheitsdaten. Der lange vorbereitete Schritt, ein „Marathon“ wie es Verma formuliert, befähige Patienten, zu einem gleichberechtigteren Partner in der Versorgung zu werden.

Daten, Daten, Daten. Um sie drehen sich viele der Gespräche in Orlando. Selbst dann noch, wenn sich die Konferenzbesucher erschöpft von all dem Input zur Kaffeepause in einem Sessel oder einfach irgendwo in einer ruhigen Ecke auf dem Boden niederlassen.

Daten haben viel Potenzial in der Gesundheitsversorgung von morgen. So viel steht fest. Doch: Wie komme ich an all die Daten meiner Patienten heran? Wie bekommen wir die neuen Datenmassen sortiert? Wie gewinnen wir aus Daten Informationen? Wie vermeiden wir Fehler bei der Auswertung? Wie machen wir die Daten für die Patienten nutzbar? Es waren häufig gestellte Fragen in Florida – und sie bereiten nicht wenigen noch Kopfschmerzen.

Doch während die praktische Debatte um Gesundheitsdaten noch längst nicht zu Ende debattiert ist, sind IT-Experten, Entwickler und Forscher schon dabei, das nächste große Feld aufzumachen.

Hal Wolf, Präsident und Vorstandsvorsitzender of HIMSS, hieß die Teilnehmer willkommen.
Hal Wolf, Präsident und Vorstandsvorsitzender of HIMSS, hieß die Teilnehmer willkommen.

Gefühlt über Nacht hat ein neues Zauberwort die Medizin beflügelt: künstliche Intelligenz. Es war auch eines der großen Themen in Orlando. Die Hoffnungen klingen – einmal mehr – vielversprechend. Vor allem hier: Künstliche Intelligenz (KI) könne dabei helfen, den Wust von Gesundheitsdaten aufzubereiten, auszuwerten und zu interpretieren. Die weiteren Hoffnungen: KI könne Patienten bei Selbstdiagnosen helfen, Röntgenbilder interpretieren, Behandlungsergebnisse voraussagen. Mancherorts passiert dies bereits – mit teils beeindruckenden Resultaten.

Doch wieder gibt es Fragen: Was ist Hype und was können die Algorithmen wirklich leisten? Wie steht es um noch viele unbeantwortete ethische Fragen rund um künstliche Intelligenz und maschinelles Lernen? Wie ist die Fehleranfälligkeit in den Griff zu bekommen? Wie steht es um die Evidenz, die in der Medizin so wichtig ist, in der digitalen Medizin aber so häufig noch fehlt? Es sind in weiten Teilen noch offene Fragen. Und sie sind auch in Orlando noch offengeblieben.

Antworten und Praxisnähe gab es in der HIMSS-Woche auch. Ebene 3, Saal 304. Während die Palmen draußen vor den Türen des Convention Centers gegen Feuchte und Regen kämpfen, drängen sich in den klimatisierten Saal so viele, dass in dem großen Raum längst nicht jeder einen Platz findet. Die HIMSS-Teilnehmer sind gekommen, um den Vortrag von Dr. med. S. David McSwain (Medizinische Universität South Carolina) und Julie Hall-Barrow (Children’s Health Texas) zu hören.

Telemedizin funktioniert in der Praxis

Die beiden Referenten geben Praxiseinblicke in ein Feld, in dem die digitale Medizin bereits in der Lage ist, Ergebnisse zu liefern – wenngleich selbst hier vielerorts noch immer Zurückhaltung herrscht: die Telemedizin.

Ein kurzer Überblick: Zu Children’s Health Texas gehören Krankenhäuser und Praxen, darunter das Children’s Medical Center in Dallas mit 490 Klinikbetten. Mehr als 1 000 Ärzte sind in dem Verbund beschäftigt. In einem Zeitraum von fünf Jahren ist innerhalb des Einrichtungsnetzes eine breite telemedizinische Struktur entstanden, Hall-Barrow hat sie maßgeblich mit aufgebaut. Es gibt Angebote wie das „School-Based Telehealth“-Programm. Darüber konsultieren Ärzte des Netzwerks Schüler an inzwischen 118 texanischen Schulen virtuell, wenn diese sich mit Beschwerden bei der Krankenschwester der Schule melden. Oder dies: den „TeleER“. Dieser macht es möglich, Spezialisten des Netzwerkes via Telemedizin zur Untersuchung von auffälligen Neugeborenen in entfernten kleineren Krankenhäusern hinzuzuschalten. Oder das „Remote Patient Monitoring“. Es erlaubt beispielsweise Chirurgen und dem medizinischen Team, Patienten nach Eingriffen zu Hause zu betreuen.

Jedem ist klar: Bis eine solche Struktur etabliert ist, ist es ein weiter Weg. Es mussten Hürden überwunden werden, mehr als eine. „Es ist sehr viel Arbeit“, sagt Hall-Barrow auf der Vortragsbühne klar. Doch diese Barrieren könnten überwunden werden. Und: Von Skeptikern, schwierigen Prozessen, komplexen Regeln und fehlenden Guidelines solle man sich nicht abbringen lassen. Denn der Aufwand lohne.

Die Referenten können mit ihren eigenen Erfahrungen im Rücken mit noch gängigen Bedenken aufräumen. Viele Probleme, die einst noch Probleme waren, seien in der Telemedizin heute keine mehr.

Die Patienten wollen Telemedizin

„Die Technik ist kein Problem mehr“, sagen McSwain und Hall-Barrow unisono. „Das haben wir vor einigen Jahren noch nicht gesagt.“ Auch sei es kein Problem, Patienten für diese neue Art der Versorgung zu gewinnen. Im Gegenteil: Die Patienten wollten die Telemedizin. „Ich habe noch nie mit einem Patienten gesprochen, der nein gesagt hat, wenn ich ihm angeboten habe, dass er unterstützende Versorgung auch zu Hause erhalten kann“, sagt Hall-Barrow.

Auch die Finanzierung sei letztendlich kein Problem – wenn man die Entscheider von dem Mehrwert der Telemedizin überzeugen könne. Was bis heute nicht immer einfach wäre. „Man muss von Beginn an das Potenzial zur Kostenersparnis aufzeigen.“ Wichtig sei: Ergebnisse müssten im hier und jetzt messbar sein, nicht erst eine Vision für die Zukunft.

Nach Meinung McSwains, Mitgründer des „Medical University of South Carolina՚s Center for Tele-health“, ist eines zentral: Wer dauerhaft Erfolg mit der Telemedizin haben wolle, braucht ein gutes Prozessmanagement. „Stellen Sie sicher, dass das ganze Wissen nicht nur bei einer Person liegt. Schreiben Sie es irgendwo nieder. Dokumentieren Sie Ihre Erfahrungen und teilen Sie Ihr Wissen vom ersten Tag an“, rät er. Laufende Weiterbildung sei ebenso unverzichtbar.

Für Hall-Barrow liegt der Schlüssel zum Erfolg in der Telemedizin vor allem im Team. „Ein großartiges Team zu haben, das die Technologie in Ihr Versorgungssystem einbringt, darauf kommt es an“, sagt sie. Mehr noch: „Man kann das nur machen, wenn das gesamte Team mit an Bord ist.“

Dass die digitale Medizin auch mit sehr viel weniger Aufwand große Effekte haben kann, macht Dr. med. Richard Milani aus New Orleans/Louisiana in seinem engagierten Vortrag „Erneuerung der Gesundheitsversorgung durch Innovation“ deutlich, den er bei einem Symposium für Ärzte hielt.

Milani konzentrierte sich dabei auf das Management von chronischen Erkrankungen. Wie eigentlich jeder wüsste, verlaufe dieses oft nicht erfolgreich. Die Gründe dafür? Laut Milani sind das nicht Aspekte wie ein Mangel an Engagement seitens der Ärzte oder fehlendes Wissen, sondern Fehler in der Organisation der Versorgung. „Wir finden für viele Patienten nicht die richtigen Medikamente, wir überwachen sie nicht gut und es gelingt uns nicht, bei ihnen Verhaltensveränderungen herbeizuführen“, legt Milani den Finger in die Wunde. Dass Ärzte sehr wenig Zeit für den einzelnen Patienten hätten, sei einer der zentralen Faktoren, die dabei eine Rolle spielten.

Den Gesundheitszustand per Smartwatch überwachen

Doch genau hier könne die digitale Medizin ein Segen sein – etwa in Form von Smartphone-Apps, die helfen, chronische Erkrankungen wie Bluthochdruck oder Diabetes besser zu managen. Veränderungen beim Patienten könnten beispielsweise allein schon durch den regelmäßigen Versand unterstützender Text-Botschaften herbeigeführt werden. „Gute Apps können das leisten“, sagt Milani. Der Mediziner weiß, wovon er spricht. Sein Arbeitgeber, der Gesundheitsdienstleister Ochsner Health, war vor vier Jahren die erste Einrichtung in den USA, die mithilfe von einer Smartwatch den Gesundheitsstatus von Patienten überwachte, auch wenn dieser nicht in der Praxis saß.

Milanis Vision für die Digitalisierung der Medizin ist einfach – und schnell formuliert. „Patienten und Ärzte arbeiten Seite an Seite. Das ist das Ziel“. Er formulierte damit – gewollt oder ungewollt – genau eine der zentralen Botschaften, die auch die HIMSS in Orlando verbreitete. Nora Schmitt-Sausen

HIMMS – Ein kurzer Überblick

Foto: Nora Schmitt-Sausen
Foto: Nora Schmitt-Sausen

Die Healthcare Information Management Systems Society (HIMSS) ist eine globale, gemeinnützige Organisation, deren Ziel es ist, die Gesundheitsversorgung durch Information und Technologie zu verbessern. Zentrale Vision der HIMSS ist ein Gesundheitssystem, das sich an den Bedürfnissen der Patienten ausrichtet – und in denen die Versorger dank qualitativ hochwertiger und gut analysierter Daten in ihren Entscheidungsprozessen unterstützt werden.

HIMSS wurde 1961 am Georgia Institute of Technologie gegründet, Hauptsitz ist heute in Chicago im US-Bundesstaat Illinois. Dazu hat die Organisation weitere Büros in den USA, Europa und Asien. Zu der HIMSS-Gemeinschaft gehören nach eigenen Angaben mehr als 70 000 Einzelpersonen, von denen der Großteil bei Gesundheitsdienstleistern, staatlichen und gemeinnützigen Organisationen weltweit arbeitet. Dazu kommen mehr als 600 Unternehmen und 450 Partnerorganisationen, die das Ansinnen der HIMSS teilen. Zu den leitenden Köpfen der HIMSS gehören viele Ärzte.

Die Jahreskonferenz ist eine der größten Konferenzen für digitale Medizin weltweit. Die mehr als 43 000 Besucher von 2019 kamen aus 90 Ländern. Das Bildungsprogramm umfasste mehr als 300 Vorträge. Auf der begleitenden Industrieausstellung präsentieren die Amazons, Googles und IBMs dieser Welt Seite an Seite mit traditionellen Gesundheitsunternehmen und Start-ups ihre Neuheiten. 1 300 Unternehmen aus aller Welt zeigen sich. Zu den Besuchern der Konferenz zählen Ärzte, Pflegekräfte, Wissenschaftler, Klinikverantwortliche, Krankenversicherer und Politiker.

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