ArchivDeutsches Ärzteblatt12/2019Historische Reflexion: Arznei der Worte
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Mit Interesse, vorzugsweiser Konzentration und Dankbarkeit, aber auch mit vorbehaltlosem Consensus habe ich die Abhandlung „Verlust medizinhistorischer Reflexion, traurig, aber wahr“ von Professor Koehler rezipiert. Während meiner langen ärztlichen Tätigkeit seit 1964, davon fast vier Jahrzehnte als Chirurg an einer Universitätsklinik, bin ich mit Strukturwandlungen, Herausforderungen, Grenzen und Geboten meines mit großer Leidenschaft praktizierten Fachgebietes konfrontiert worden. Dabei verdanke ich meine kritische, aber betont aufgeschlossene Anschauungsweise meinen ersten ärztlichen Lehrern, die einer ansehnlich renommierten Jenenser Schule entstammen, und mich frühzeitig prägten. Die zunehmende Berufs- und Lebenserfahrung mit fortschreitender Individualität in exaltierter Zeit macht dann auch deutlich und verständlich, dass neben berufsspezifischem Wissen und Können, Nutzung modernster biologischer Erkenntnisse und naturwissenschaftlicher Erfahrungen, Anwendung hochmoderner Technik, die wir uns nützlich machen, ohne uns jedoch im Horizont und Handlungsumfang einschränken zu lassen, unter allen Umständen der kranke Mensch im Zentrum von Betrachtung und Bemühen stehen muss. Die vorgenannten zweifelsohne relevanten Fundamente unserer „Heilkunst“ dürfen aber auch keinesfalls bewährtes medizinisches Gedankengut vergessen lassen, wie es bereits vom alexandrinischen Gelehrten Origines (185–253 ) im übertragenen Sinne postuliert wurde: er nannte es „die Arznei der Worte“. Heute würden wir von Verstehen, menschlicher Zuwendung, Vertrauen und Empathie, Respekt und Würde sprechen. Der „Verlust medizinhistorischer Reflexion“ wird in heutiger überreizter Zeit wohl nicht universell zu verhindern sein. Aber einen gewissen Prozess zu Besinnung und Wertschätzung der Verdienste von Pionieren und Klassikern meines Faches durch Studenten und Kollegen habe ich durch meine umfänglichen diesbezüglichen Publikationen wahrnehmen können; aber auch dadurch, dass ich in langen Jahren Vorlesungstätigkeit in allen Teilgebieten der Chirurgie jeweils die erste akademische Stunde der historischen Entwicklung meines Fachgebietes im Allgemeinen, sowie den Leistungen weltberühmter Giganten unserer Leipziger Chirurgenschule widmete. So fand auch eine größere Anzahl interessierter Doktoranden zu mir. „Ratio praeteritiscire futura facit“ – die Würdigung der Vergangenheit befähigt zum Erkennen der Zukunft.

Univ.-Prof. em. Dr. med. C. Schwokowski, 04288 Leipzig

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