ArchivDeutsches Ärzteblatt12/2019Berühmte Entdecker von Krankheiten: Iwan Pawlow erforschte mehr als den Pawlow-Reflex

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Berühmte Entdecker von Krankheiten: Iwan Pawlow erforschte mehr als den Pawlow-Reflex

Dtsch Arztebl 2019; 116(12): [52]

Schuchart, Sabine

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1904 erhielt er für seine Arbeiten zur Physiologie der Verdauung als erster russischer Gelehrter den Nobelpreis für Medizin. Noch berühmter wurde der Arzt durch seine Erkenntnisse zur Konditionierung von Mensch und Tier, die quasi als Nebeneffekt entstanden.

Es war keine neue Krankheit, die er beschrieb, sondern ein Phänomen, das noch universellere Bedeutung hatte, weil es den Grundstein für die moderne Verhaltenstherapie legte: den Pawlow-Reflex. Sein Namensgeber, der russische Forscher Iwan Pawlow, beharrte allerdings stets darauf, dass er Physiologe und kein Psychologe sei. Er beschäftigte sich zwar wissenschaftlich mit Themen wie Hypnose und Paranoia und seine Erkenntnisse zur klassischen Konditionierung spielten in den 1920er-Jahren eine wichtige Rolle für die Entstehung des Behaviorismus, dem – alles Subjektive in der Psychologie ablehnenden – Gegenmodell zur Freudʼschen Lehre. Aber Pawlow, der zunächst ein Priesterseminar besuchte, dann aber durch die Ideen Darwins zur Naturwissenschaft und Medizin fand, interessierte sich zeitlebens für physische Prozesse und speziell das Verdauungssystem. Eher zufällig stieß er dabei auf sein berühmtes Konditionierungsmodell, durch das Begriffe wie Reiz und Reflex in die Psychologie Einzug hielten.

Iwan Petrowitsch Pawlow wird 1849 als ältestes von zehn Kindern eines russisch-orthodoxen Priesters 200 Kilometer südöstlich von Moskau geboren. Die Familie ist arm, der Sohn soll in die Fußstapfen des Vaters treten. Doch gegen Ende seiner Theologieausbildung rebelliert er und schreibt sich gegen den Willen der Eltern an der Universität St. Petersburg für ein Studium der Tierphysiologie und Chemie ein, das er 1875 abschließt. Danach arbeitet er am Lehrstuhl für Physiologie der Militärmedizinischen Akademie St. Petersburg und wird Assistent von Sergei Botkin, dem Begründer der modernen Medizin in Russland. Gleichzeitig studiert er noch Humanmedizin, 1879 legt er sein zweites Examen ab. Er schreibt seine Doktorarbeit „Über die zentrifugalen Nerven des Herzens“ und habilitiert sich ein Jahr später. In diese Zeit fällt auch seine Familiengründung mit der Pädagogikstudentin Serafima Wassiljewna, eine Liebesheirat. Aus der Ehe gehen drei Söhne und eine Tochter hervor. Die Finanzlage der jungen Familie ist angespannt, denn Pawlow gibt alles Geld, das er zur Verfügung hat, für Versuche aus und lehnt besser dotierte Stellenangebote ab, weil diese nicht seinen Vorstellungen entsprechen. Von 1884 bis 1886 geht er zu Studienzwecken nach Deutschland, er arbeitet für den Physiologen Carl Ludwig in Leipzig und den Drüsenspezialisten Rudolf Heidenhain in Breslau. Da genießt er wegen seiner Arbeiten zur Herztätigkeit bereits internationale Anerkennung.

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1890 hat er es geschafft. Mit 41 Jahren erhält Pawlow einen Lehrstuhl zunächst für Pharmakologie, später für Physiologie an der Militärmedizinischen Akademie. Er verfügt nun über einen gut bezahlten Posten, ein großzügig ausgestattetes Laboratorium und kann sich voll und ganz auf seine Studien zum Verdauungssystem, zu Gehirn und Verhalten konzentrieren. 1903 hat er alle wesentlichen Abläufe der Verdauung erforscht und erhält dafür im Jahr darauf den Medizin-Nobelpreis. Auch die kommunistische Regierung nach der Oktoberrevolution 1917 schätzt den Prestigegewinn durch den berühmten Forscher. Obwohl sich Pawlow von den Kommunisten distanziert und das Regime aufgrund seines internationalen Ruhms kritisieren und straffrei die „Säuberungen“ des Wissenschaftsapparats anprangern kann, avanciert er in der Folgezeit zur naturwissenschaftlichen Ikone der Sowjetunion und zum Vorzeigewissenschaftler. Seine Reflexlehre soll den neuen, perfekt funktionierenden sozialistischen Menschen ermöglichen. Noch bis 1935, da ist er 85 Jahre alt, arbeitet Pawlow täglich in seinem Forschungsinstitut, das die Sowjetunion in Anerkennung seiner Verdienste für ihn und seine Mitarbeiter errichtet hat. Am 27. Februar 1936 stirbt er an einer Lungenentzündung. Sabine Schuchart

Foto: Wikipedia
Foto: Wikipedia

1890 begann Iwan Pawlow (1849–1936) seine Experimente zur klassischen Konditionierung von Hunden. Zufällig hatte er beobachtet, dass deren Speichelfluss bereits vor der Fütterung einsetzt. Er suchte nach einer Erklärung und erkannte, dass nicht nur der Anblick des Futters, sondern fast jedes mit der Fütterung gekoppelte Signal diese Wirkung hervorrufen konnte. Pawlow selbst sprach nicht von Reflexen, sondern von bedingten (konditionalen) Reaktionen durch Lernen. Er zeigte, dass dieses Verhalten gegenüber äußeren Stimuli – bei Menschen wie bei Tieren – auf komplexen Prozessen in der Großhirnrinde beruht und zahlreiche physiologische Vorgänge und emotionale Verhaltensmuster erklärt. Humanexperimente wiesen später nach, dass zum Beispiel asthmatische Reaktionen auf Rosen schon durch den Anblick von Plastikrosen ausgelöst werden können und Pawlows Signallernen auch beim Immunsystem funktioniert.

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