ArchivDeutsches Ärzteblatt12/2019Krebsfrüherkennung: Defizite bei der Aufklärung

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Krebsfrüherkennung: Defizite bei der Aufklärung

Dtsch Arztebl 2019; 116(12): A-572 / B-469 / C-461

Richter-Kuhlmann, Eva

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Krebsfrüherkennungsuntersuchungen können nicht nur einen hohen Nutzen, sondern auch individuelle Nachteile haben. Doch darüber würden Patienten zu selten oder nicht umfassend genug informiert, zeigt eine neue Versichertenbefragung für den Versorgungs-Report des Wissenschaftlichen Instituts der AOK.

Das Mammografie- Screening gilt als ein positives Beispiel: Gute Informationen hätten bereits zu einer bewussteren Auseinandersetzung und Entscheidung der Frauen für oder gegen eine Teilnahme geführt. Foto: pixelfit iStock
Das Mammografie- Screening gilt als ein positives Beispiel: Gute Informationen hätten bereits zu einer bewussteren Auseinandersetzung und Entscheidung der Frauen für oder gegen eine Teilnahme geführt. Foto: pixelfit iStock

Noch immer eine „riesige Baustelle“ ist für Prof. Dr. med. Norbert Schmacke, Institut für Public Health und Pflegeforschung der Universität Bremen, die Aufklärungssituation der Bevölkerung über Krebsfrüherkennungsuntersuchungen. Zu selten oder nicht umfassend genug werde über den Nutzen, aber vor allem auch über mögliche Nachteile der Untersuchungen aufgeklärt, sagte Schmacke in Berlin bei der Vorstellung des „Versorgungs-Reports Früherkennung“ des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO), dessen Mitherausgeber er ist.

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Eine WIdO-Befragung von mehr als 2 000 gesetzlich Versicherten habe ergeben, dass nur etwa 55 Prozent der Frauen über die Vorteile der Früherkennung von Gebärmutterhalskrebs und sogar nur 25 Prozent über mögliche Nachteile der Untersuchung informiert wurden wie über falsch positive Befunde.

Ähnliche Defizite bei der Aufklärung zeigten sich auch bei der Darmkrebsvorsorge: Die Information über die Nachteile einer Koloskopie (36 Prozent) erfolgte dem Report zufolge deutlich seltener als die Aufklärung über den Nutzen der Untersuchung (75 Prozent). „Die Befragungsergebnisse zeigen, dass die Voraussetzungen für eine informierte Entscheidung der Versicherten oft fehlen“, konstatierte Schmacke.

Appell geht besonders an Ärzte

Der Nationale Krebsplan habe 2010 das Ziel formuliert, die Versicherten zu einer Entscheidung unter Berücksichtigung aller Vor- und Nachteile zu befähigen. „Der Versorgungs-Report zeigt jedoch, dass wir davon – nicht nur in Deutschland – weit entfernt sind: Der Nutzen von Krebsfrüherkennungsuntersuchungen wird in der Ärzteschaft wie auch bei den Bürgerinnen und Bürgern in der Regel deutlich überschätzt, die Risiken demgegenüber deutlich unterschätzt“, sagte Schmacke.

Bei der Förderung der informierten Entscheidung seien die Ärztinnen und Ärzte besonders gefragt, meint der AOK-Bundesverband. Sie sollten sich noch stärker als bisher mit dem Nutzen, aber auch den möglichen Risiken und Nachteilen der Früherkennung auseinandersetzen und diese ihren Patienten vermitteln, erklärte ein Sprecher. Sowohl den Nutzen als auch mögliche Nachteile der Früherkennung in der Kommunikation angemessen zu berücksichtigen, sei „eine echte Herausforderung“. Hier müssten auch die Krankenkassen besser werden, räumte er ein. Die AOK wolle entsprechende Aufklärungsmaterialien verbreiten, die zum Beispiel vom Gemeinsamen Bundes­aus­schuss bereitgestellt würden.

Positiv bewertet der Versorgungsreport verschiedene evidenzbasierte Entscheidungshilfen zur Teilnahme an der Brustkrebsfrüherkennung. Die teilnehmenden Frauen würden ausgewogen über Nutzen und Risiken der Mammografie aufgeklärt. Als Vorbild für eine gute Patienteninformation nannte Schmacke explizit die Entscheidungshilfe des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) zur Mammografie: „Sie hat das Pro und Kontra auf dem Boden vorhandener Studien mit modernen Kommunikationsmethoden aufgearbeitet“, lobte er. Ansätze, wie der Versuch des IQWiGs das Thema „Überdiagnosen“ in einem kurzen Film zu verdeutlichen, müssten ausgebaut werden. Zudem müsse den Menschen Zeit gegeben werden, damit sie in Ruhe entscheiden könnten, ob ihnen eine Untersuchung nutzt, betonte Schmacke. Bei Früherkennungsuntersuchungen bestehe schließlich kein unmittelbarer Zeitdruck.

Ein Fortschritt ist es dem Report zufolge, wenn in den Entscheidungshilfen Nutzen und Risiken in absoluten Zahlen präsentiert werden, die auch für medizinische Laien gut verständlich sind. Beispiel Brustkrebs: Von 1 000 Frauen, die zwischen dem 50. und 69. Lebensjahr regelmäßig am Brustkrebs-Screening teilnehmen, werden etwa zwei bis sechs vor dem Tod durch Brustkrebs bewahrt, während etwa neun bis zwölf Frauen unnötigerweise operiert oder bestrahlt werden. Doch nicht immer seien die unzähligen verfügbaren Entscheidungshilfen seriös und für die Aufklärung geeignet, konstatiert der Versorgungs-Report. Gleichzeitig listet er Anbieter auf, die im Sinne einer evidenzbasierten Medizin informieren. Zu diesen gehört die Entscheidungshilfe des Ärztlichen Zentrums für Qualität in der Medizin (ein Service von Bundes­ärzte­kammer und Kassenärztlicher Bundesvereinigung) „Patienten-Information.de“. Auch sie arbeitet mit absoluten Zahlen: Bei der Information über die Sigmoidoskopie erwähnt sie beispielsweise explizit, dass von 1 000 Menschen mit Darmspiegelung zwölf an Darmkrebs erkranken, ohne Darmspiegelung 16. Es werde also bei vier von 1 000 Menschen Darmkrebs verhindert. Gleichzeitig würden bei etwa 62 von 1 000 Untersuchten Darmpolypen entdeckt, die als gefährlich eingestuft werden, sich aber ohne Früherkennung zeitlebens nicht bemerkbar gemacht hätten.

Hohe Teilnahmeraten

Die neuen Langzeitauswertungen der AOK-Abrechnungsdaten zeigen auch, dass viele AOK-Versicherte die Früherkennungsuntersuchungen tatsächlich regelmäßig in Anspruch nehmen: So nahmen 78 Prozent der Versicherten über 60 Jahre zwischen 2007 und 2016 entweder den Stuhltest, die Koloskopie oder die Beratung zur Darm­krebs­früh­erken­nung in Anspruch, erklärte Christian Günster, Leiter des Bereichs Qualitäts- und Versorgungsforschung beim WIdO und ebenfalls Herausgeber des Reports. Im Umkehrschluss hieße das, dass jeder fünfte ältere Versicherte im Zeitraum von zehn Jahren nicht vom Screening erreicht wurde.

Bei der Brustkrebsfrüherkennung per Mammografie sei die Teilnahme in den Zeiträumen von 2007 bis 2009 und 2014 bis 2016 verglichen worden, erklärte Günster. Im zweiten Zeitraum sei zwar der Anteil der Frauen, die eine Mammografie erhielten, um fünf Prozentpunkte auf 61 Prozent gestiegen, gleichzeitig hätten aber 22 Prozent der anspruchsberechtigten Frauen von 60 bis 69 Jahren gar nicht an der Mammografie teilgenommen. „Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass die Informationen zu einer bewussteren Auseinandersetzung und Entscheidung der Frauen führen“, erläuterte Günster. Die Befragung zeigt zudem, dass sich die Versicherten vor allem per Internet über das Thema Früherkennung informieren. Dies gaben 51 Prozent der befragten Frauen und 47 Prozent der Männer an. Eine fast ebenso große Rolle spielt der Hausarzt: 40 Prozent der befragten Frauen und 50 Prozent der Männer nennen ihn als Informationsquelle.

Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann

Literatur im Internet:
www.aerzteblatt.de/lit1219
oder über QR-Code.

Fachgesellschaft veröffentlicht „Roadmap 2019“

Auch für die Deutsche Gesellschaft für Hämatologie und Medizinische Onkologie (DGHO) sind insbesondere Prävention und Früherkennung von Krebserkrankungen von entscheidender Bedeutung. Die systematische Prüfung des Stellenwerts und die Durchführung von genetischer Risikoerkennung und Prävention benennt die Fachgesellschaft explizit als eine Forschungspriorität. Programme im Rahmen der „Nationalen Dekade gegen Krebs“ sollten dazu finanzielle Mittel für größere Kohortenstudien bereitstellen, regt sie in ihrer „Roadmap 2019 für die Erforschung von Krebs- und Bluterkrankungen in Deutschland“ an, die sie bei ihrer Frühjahrstagung in Berlin vorstellte.

Das in seinen Grundzügen bereits vorliegende Papier gibt konkrete Empfehlungen, wie in den nächsten fünf bis zehn Jahren durch eine strategische Wissenschaftsförderung der Anschluss an die Weltspitze in den Forschungsgebieten der Hämatologie und Onkologie sichergestellt werden kann. Zwar finde auf dem Gebiet der Krebs- und Blut-erkrankungen derzeit ein extrem rasanter Fortschritt statt, doch Deutschland spiele bei der Entwicklung von Innovationen auf diesem Sektor bislang keine herausragende Rolle, kritisiert die DGHO. Entwicklungen kämen vor allem aus den USA. Diesem Trend müsse und wolle man aktiv begegnen. „Andernfalls müssten wir Innovationen beispielsweise in Form kostenintensiver Medikamentenimporte oder Datenmanagementkonzepte teuer bezahlen“, erläuterte Prof. Dr. med. Michael Hallek von der Universität Köln, Geschäftsführender Vorsitzender der DGHO. Die Roadmap könne ein Ansatz sein, um Deutschland wieder zu einer der führenden Wissenschaftsnationen werden zu lassen.

„Bei der Hämatologie und Medizinischen Onkologie handelt es sich um eine sehr breite und extrem innovative Fachdisziplin. Das wird an dem ausgedehnten Themenportfolio unserer Roadmap deutlich“, erklärte Prof. Dr. med. Carsten Bokemeyer vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, Vorsitzender der DGHO. Die Forschungsprioritäten lägen unter anderem in den Bereichen Prävention und frühzeitige Diagnose von Krebserkrankungen, Genomic Profiling und Big Data, der immunologischen Behandlung von Krebserkrankungen, bei den neuen Möglichkeiten zur therapeutischen Korrektur von vererbten Bluterkrankungen sowie bei epigenetischen Mechanismen. ER

Krebsfrüherkennungsuntersuchungen können nicht nur einen hohen Nutzen, sondern auch individuelle Nachteile haben. Doch darüber würden Patienten zu selten oder nicht umfassend genug informiert, zeigt eine neue Versichertenbefragung für den Versorgungs-Report des Wissenschaftlichen Instituts der AOK.

1.
https://www.wido.de/publikationen-produkte/buchreihen/versorgungs-report/frueherkennung
2.
https://www.dgho.de/publikationen/stellungnahmen/klinische-forschung/forschungs-roadmap/dgho_forschungs-roadmap_20190313.pdf
1.https://www.wido.de/publikationen-produkte/buchreihen/versorgungs-report/frueherkennung
2.https://www.dgho.de/publikationen/stellungnahmen/klinische-forschung/forschungs-roadmap/dgho_forschungs-roadmap_20190313.pdf

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