ArchivDeutsches Ärzteblatt13/2019Genom Editing: WHO will Register einführen

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Genom Editing: WHO will Register einführen

Dtsch Arztebl 2019; 116(13): A-622 / B-511 / C-503

Gießelmann, Kathrin

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Eine weitere Keimbahnintervention beim Menschen wollen die meisten Wissenschaftler verhindern – zumindest in den kommenden Jahren. Die Welt­gesund­heits­organi­sation (WHO) will jetzt internationale Standards entwickeln und ein Forschungsregister einführen.

Foto: vchalup/stock.adobe.com
Foto: vchalup/stock.adobe.com

Nach Berichten über genmanipulierte Babys in China hatte die WHO im Dezember 2018 einen Fachausschuss einberufen. Mitte März tagte das Gremium erstmals in Genf und präsentierte Handlungsempfehlungen für das Genom Editing beim Menschen. Unter anderem sprachen sich die Experten für eine Registrierung der Forschungsprojekte aus. Eine eigene Expertengruppe solle Details für das Register ausarbeiten, um in dem umstrittenen Wissenschaftsbereich möglichst viel Transparenz herzustellen, sagte Dr. Margaret Hamburg, stellvertretende Vorsitzende der Expertenrunde.

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Den Vorstoß der WHO, Standards für Eingriffe am menschlichen Erbgut vorzulegen, befürwortet auch die Medizinethikerin Prof. Dr. med. Alena M. Buyx von der Technischen Universität München. Sie ist Mitglied des Deutschen Ethikrats und nimmt im WHO-Expertengremium als Vertreterin Deutschlands teil. Das Register sei ein erster Schritt, sagte sie dem Deutschen Ärzteblatt. Es soll Forschung zu Eingriffen an der menschlichen Keimbahn umfassen sowie zur somatischen Genom Editierung mit klinischem Anwendungsziel. Nicht registriert werden solle laut Buyx hingegen Grundlagenforschung zum somatischen Genom Editing.

„Vorerst wird die Registrierung freiwillig sein. Allerdings haben wir empfohlen, dass sie zukünftig eine Bedingung für die Publikationen in wissenschaftlichen Fachjournalen wird, sowie für die Förderung durch Drittmittelgeber“, berichtet Buyx. Dadurch würde die Registrierung Zähne bekommen, ist sie überzeugt und kündigt an: „Die WHO wird dazu mit den großen Wissenschaftsförderern Kontakt aufnehmen sowie mit dem International Committee of Medical Journal Editors.“ In den nächsten 18 Monaten soll das WHO-Gremium ein Regulierungskonzept für internationale Governance entwickeln. Dabei gebe es noch erheblichen Diskussionsbedarf, schätzt Buyx.

Moratorium gefordert

Erst kürzlich hatte eine Gruppe von 18 Forschern und Ethikern aus sieben Ländern um die Mikrobiologin Prof. Dr. Emmanuelle Charpentier vom Berliner Max-Planck-Institut ein Moratorium vorgeschlagen. Darin fordern sie eine freiwillige Verpflichtung aller Nationen, vorerst auf den klinischen Einsatz von Keimbahninterventionen zu verzichten. Nach einem festgelegten Zeitraum – die Rede ist von fünf Jahren – soll dieses für einige Nationen gelockert werden. Voraussetzungen für eine Anwendung in einzelnen Fällen sollten nach Ansicht der Autoren genug Zeit für öffentliche Diskussionen, eine wissenschaftlich und gesellschaftlich begründete Anwendung und ein gesellschaftlicher Konsens über die Zulassung sein. Die Verpflichtung beziehen die Forscher nur auf die klinische Anwendung der Keimbahntherapie und nicht auf somatische Gentherapien. Der Internationale Bioethik-Ausschuss der UNESCO hat in seinem Bericht zum menschlichen Genom und zu Menschenrechten schon 2015 ein Moratorium für Genveränderungen der menschlichen Keimbahn gefordert. Die erneute Forderung nach einem Moratorium begrüßt die Vorsitzende des Europäischen Ethikrates, Prof. Dr. med. Christiane Woopen. Sie vermisse aber Sanktionen für den Fall, dass sich Wissenschaftler über eine solche Vereinbarung hinwegsetzen. Prof. Dr. iur. Jochen Taupitz sieht zudem Probleme bei der politisch-praktischen Umsetzung: „In Staaten, in denen es kein rechtlich verbindliches, etwa gesetzliches Verbot der Keimbahnintervention gibt, kann eine Regierung jedenfalls nach unserem Rechtsverständnis nicht einfach ein – wenn auch zeitlich begrenztes – Verbot aussprechen“, sagt der Vorsitzende der Zentralen Kommission zur Wahrung ethischer Grundsätze in der Medizin und ihren Grenzgebieten bei der Bundes­ärzte­kammer.

Auch der Deutsche Ethikrat hatte bereits 2017 in einer Stellungnahme gefordert, einen internationalen politischen Prozess zu beginnen, um verbindliche Standards für Keimbahneingriffe zu erarbeiten. Eine weitere Stellungnahme zu Keimbahneingriffen solle im Mai erscheinen, kündigte Buyx an. Kathrin Gießelmann

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