ArchivDeutsches Ärzteblatt13/2019Masern in den USA: Impfraten variieren stark

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Masern in den USA: Impfraten variieren stark

Dtsch Arztebl 2019; 116(13): A-628 / B-514 / C-506

Schmitt-Sausen, Nora

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Wie viele europäische Länder kämpfen auch die Vereinigten Staaten vermehrt gegen Ausbrüche von Masern. Dabei hatte das Land das Virus eigentlich im Griff.

Schlagzeilen wie diese häufen sich: „New York erlebt stärksten Masernausbruch seit Jahrzehnten.“ „Washington State vermeldet Fälle von Masern.“ „Masernwarnung für Reisende am Flughafen New Jersey.“ „Gesundheitsbehörde vermeldet Fälle von Masern in zehn US-Bundesstaaten.“ „In Minnesota grassiert Masernepidemie.“

Auch aktuell kämpfen die USA wieder mit Masern. Im noch jungen Jahr 2019 sind bereits 127 Fälle von Masern dokumentiert und damit bereits jetzt mehr als im gesamten Jahr 2017. Die Zahlen gehen auf fünf Ausbrüche in New York State (2), New York City, Washington State und Texas zurück. Inzwischen sind an der hochansteckenden Infektionskrankheit Menschen in zehn Bundesstaaten erkrankt.

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Reisende und Impfgegner sind das Problem

Die derzeitigen Ereignisse reihen sich ein in eine Entwicklung, die jenseits des Atlantiks seit einigen Jahren zu beobachten ist: In das Reise- und Transitland USA schleppen Touristen oder heimkehrende US-Amerikaner immer wieder die Masern ein – und renitente Impfgegner machen dies zu einem Konflikt für das ganze Land.

Das Problem: Zwar gelten in den USA landesweit Impfstandards für Kindergarten- und Grundschulkinder. Doch in fast allen der 50 US-Bundesstaaten ist es möglich, sich aus persönlichen, religiösen oder philosophischen Gründen dem Impfen zu entziehen – und eine über die Jahre angewachsene Anzahl von Impfgegnern macht davon Gebrauch. Das Resultat: Die Impfraten variieren innerhalb des Landes von Bundesstaat zu Bundesstaat teils erheblich und können sich dort noch einmal von Region zu Region stark unterscheiden – je nach dortiger Bevölkerungsstruktur.

Zu einer Art Wachrütteljahr wurde 2014. Damals gab es 667 dokumentierte Fälle von Masern in 23 verschiedenen Bundesstaaten. Ein Wert so hoch wie seit Jahren nicht. Zum Vergleich: Zwischen 2000 und 2014 gab es in den USA landesweit durchschnittlich lediglich 60 dokumentierte Fälle jährlich.

Ein Fall aus dieser Zeit wird bis heute diskutiert: Ein an Masern erkrankter Tourist besuchte im Dezember 2014 den Vergnügungspark Disneyland im kalifornischen Anaheim. Er infizierte wohl noch im Park fast 40 andere Besucher – und in der Folge erkrankten mehr als 150 Menschen in sieben verschiedenen US-Bundesstaaten. Die Masern grassierten in den USA mehrere Monate.

Dass die Masern damals so um sich greifen konnten, da sind sich Experten einig, lag an teils sehr niedrigen Impfraten im liberalen Kalifornien. 70 Prozent der kalifornischen Kinder lebten einer Analyse der New York Times vom vergangenen Sommer nach in Gemeinden, in denen die Impfquote unter den 95 Prozent liegt, die nötig sind, um eine gute Herdenimmunität zu erreichen. An einzelnen Schulen hätten die Impfraten gerade einmal knapp über zehn Prozent gelegen, berichtete das Blatt.

Ausnahmen nur noch aus medizinischen Gründen

Kalifornien zog nach dem Disneyland-Ausbruch Konsequenzen. Der Bundesstaat brachte 2015 ein Gesetz auf den Weg, das Ausnahmen vom Impfen nur noch aus medizinischen Gründen gestattet. Andere Einwände zählen nun nicht mehr. Kalifornien wandelte sich damit von einem der Bundesstaaten mit relativ laxen Impfvorgaben hin zu einem Akteur, der nun USA-weit die striktesten Vorschriften macht. Andere betroffene Bundesstaaten, wie aktuell Washington State, wollen nun ebenfalls härter gegen Impfgegner vorgehen und entsprechende Gesetze erlassen.

Allerdings: Der Widerstand gegen eine gesetzlich verankerte Impfpflicht groß. Trotz der bekannten Gefahren von Masern laufen vielerorts Debatten, die sicherstellen sollen, dass Eltern weiterhin die Freiheit haben werden, über das Impfen selbst zu entscheiden. Manche haben Sorgen, Kinder durch Impfungen einer chemischen Substanz auszusetzen und dadurch ein Risiko einzugehen. Auch hält sich das Gerücht, die Masern-Mumps-Röteln-Impfung könne Autismus auslösen, jenseits des Atlantiks genauso hartnäckig wie in Europa. Einige US-Bürger glauben außerdem, eine Masernimpfung sei heutzutage nicht mehr notwendig. Nora Schmitt-Sauen

aerzteblatt.de

Foto: nortonrsx/iStock
Foto: nortonrsx/iStock

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