ArchivDeutsches Ärzteblatt13/2019Impfberatung in der Praxis: Kein Selbstzweck
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„Ich bin geimpft“ – Gegen was? Es geht nicht um „ja“ oder „nein“. Grundsätzlich sind Impfungen von epidemiologischer Relevanz, wie etwa die Masernimpfung, unter den gegenwärtigen Lebensbedingungen notwendig und können für den Besuch öffentlicher Einrichtungen vorgeschrieben werden.

Was die ganze Impfdiskussion derzeit so ermüdend macht, ist, dass es immer – so auch in dem Artikel – um Impfen „ja“ oder „nein“ geht, nicht aber um die Frage, welche Impfung für wen und wann. Hier sind risikogerechte Vorgehensweisen notwendig, so wie wir das etwa in der Reisemedizin selbstverständlich praktizieren. Der Artikel lässt jegliche Kritik an überreichlichen und unnötigen Impfungen vermissen, es geht offensichtlich um das Impfen an sich und um jeden Preis.

Das macht uns Ärzte unglaubwürdig, wenn wir wissen, dass unser im internationalen Maßstab sehr reichhaltiges Impfprogramm in vielen Nachbarländern sehr viel entspannter gesehen wird.

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Als Stichwort sei die Tetanus-Auffrischung alle 10 Jahre (die WHO sagt, 5 Impfungen im Leben reichen) oder die Grundimmunisierung von Säuglingen genannt, die in Frankreich, Österreich und in der Schweiz nach dem sogenannten 2+1-Schema, bei uns aber nach wie vor nach dem seit spätestens 2005 überholten 3+1-Schema empfohlen wird. FSME-Risikogebiete werden ständig ausgeweitet, indem Nachbarkreise mit einbezogen werden, und Regionen, in denen die epidemiologischen Kriterien schon seit Jahren nicht mehr erfüllt sind, nicht herausgenommen werden, wie etwa unser Landkreis Marburg-Biedenkopf. Die äußerst bescheidenen Erfolge der jährlichen Grippeimpfungen muss man im Kleingedruckten suchen; sie werden ebenso wenig lauthals kommuniziert wie die Zurücknahme von Oseltamivir aus der WHO-Liste der „essential drugs“ – ein milliardenschwerer Skandal.

So gibt es im Impfwesen viel zu überdenken. Ich schlage ein Ampelsystem mit Muss- und Kann-Impfungen vor, z. B. Rot für Masern, Gelb für DT-Polio, Grün etwa für Reiseimpfungen – man muss ja nicht verreisen. Im Übrigen gibt die Patientenrechtegesetzgebung im § 630 e BGB (Aufklärungspflichten) unmissverständlich vor, was zu tun ist, und so muss auch z. B. über reduzierte Impfpläne aufgeklärt werden. Impfen um jeden Preis und mit allen verbalen Tricks darf kein Selbstzweck sein.

Dr. med. Stephan Heinrich Nolte, 35039 Marburg/Lahn

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