ArchivDeutsches Ärzteblatt13/2019Rechtsreport: Diagnoseirrtum ist nicht immer ein Behandlungsfehler

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Rechtsreport: Diagnoseirrtum ist nicht immer ein Behandlungsfehler

Dtsch Arztebl 2019; 116(13): A-652 / B-532 / C-524

Berner, Barbara

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Nicht jeder Diagnoseirrtum stellt einen Behandlungsfehler dar. Das hat das Oberlandesgericht (OLG) Sachsen-Anhalt entschieden. Im vorliegenden Fall klagte eine Mittdreißigerin nach der Rückkehr von einer Feier, bei der sie auch Alkohol getrunken hatte, über plötzliche Schmerzen in der Brust. Der herbeigerufene Notarzt untersuchte die Frau und fertigte ein 12-Kanal-EKG. Im Einsatzprotokoll hielt er als Diagnose „vertebragene Schmerzen vom HWS ausgehend“ fest und verordnete Wärme sowie die Einnahme von Ibuprofen. Sollte keine Besserung eintreten, empfahl er, den kassenärztlichen Bereitschaftsdienst zu rufen. Kurz darauf fand der Ehemann die Frau leblos vor. Der alarmierte Notarzt reanimierte sie. Im Krankenhaus wurde ein Herzstillstand aufgrund eines akuten Vorderwandherzinfarktes diagnostiziert. Infolge des Herz- und Kreislaufstillstandes erlitt die Frau einen hypoxischen Hirnschaden mit symptomatischer Epilepsie.

Ein Gutachten für die Schlichtungsstelle für Arzthaftpflichtfragen der norddeutschen Ärztekammern kommt zu der Einschätzung, dass der Notarzt lediglich eine minderschwere Verletzung der Sorgfaltspflicht begangen habe, denn die Beschwerden seien mehrdeutig gewesen und hätten weiterer Diagnostik bedurft. Nach Ansicht der Schlichtungsstelle wäre eine Krankenhauseinweisung nicht zwingend gewesen, die Überweisung der Patientin in eine internistische Praxis hingegen schon. Dieser Fehler habe sich jedoch durch den eine halbe Stunde später eintretenden Herzstillstand auf den weiteren Verlauf nicht ausgewirkt. Die von dem Notarzt gestellte Diagnose sei zwar objektiv unzutreffend. Ihm ist jedoch nach Überzeugung des OLG kein Behandlungsfehler vorzuwerfen. Das Erkennen von Krankheiten unterliege keinen starren Regeln, sondern sei sehr individuell durch den Patienten und den unmittelbaren Eindruck des Arztes geprägt. Dem Arzt müsse deshalb bei der Diagnoseerstellung ein Beurteilungsspielraum bleiben, den auch das Haftungsrecht nicht nachträglich verkürzen dürfe. Ein Verschulden des Arztes liege nur dann vor, wenn er zum Zeitpunkt der Diagnosestellung Anlass zu Zweifeln an deren Richtigkeit hatte und diese nicht beachtete. Das sei hier nicht der Fall. Es habe nur eine sehr niedrige Wahrscheinlichkeit für eine koronare Herzerkrankung bestanden. Daher sei eine notfallmäßige Einweisung in ein Krankenhaus nicht geboten gewesen.

OLG Sachsen-Anhalt, Urteil vom 16. April 2018, Az.: 1 U 64/17 RAin Barbara Berner

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