ArchivDeutsches Ärzteblatt13/2019Hepatitis C und Drogenkonsum: Versorgung besser vernetzen

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Hepatitis C und Drogenkonsum: Versorgung besser vernetzen

Dtsch Arztebl 2019; 116(13): A-643

Zart, Rüdiger

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Aktuell gibt es in Deutschland wenige Angebote für Menschen mit langjährigem Drogenkonsum und der Begleiterkrankung Hepatitis. Die Initiative PLUS hat das Ziel, die gesundheitliche und psychosoziale Versorgungssituation der Betroffenen in ihrem Lebensumfeld zu verbessern.

Menschen mit intravenöser Drogenabhängigkeit gehören zur Hochrisikogruppe für eine Infektion mit dem Hepatitis-C-Virus (HCV). Im Jahr 2016 wurden 76 % der neu diagnostizierten HCV-Fälle durch injizierenden Drogengebrauch übertragen (1). Damit liege, wie die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Marlene Mortler, auf der Podiumsdiskussion „Sucht PLUS Hepatitis C – eine Herausforderung“ in Berlin ausführte, die HCV-Prävalenz in dieser Gruppe über 200-mal höher als in der deutschen Allgemeinbevölkerung.

Gleichzeitig sind die Chancen auf eine innovative Hepatitis-C-Therapie für Suchtpatienten, die sich in einer Substitutionstherapie befinden, nur halb so hoch wie die der Menschen ohne Suchtproblematik (2). Vor diesem Hintergrund schlossen sich im Jahr 2014 der Caritasverband für Stuttgart, die Deutsche Leberhilfe und AbbVie Deutschland zusammen und gründeten das Aktionsbündnis PLUS für eine vernetzte Versorgung von Suchterkrankten mit Hepatitis C.

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Auch der chronische Verlauf wird lange Zeit übersehen

In etwa 75 % der Fälle verläuft eine HCV-Infektion im Akutstadium unbemerkt oder mit unspezifischen, grippeähnlichen Symptomen, erklärte Prof. Dr. Christoph Sarrazin, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Leberhilfe und Chefarzt in Wiesbaden. Eine Diagnose in diesem frühen Stadium sei daher unwahrscheinlich. Ohne Therapie nimmt die Infektion in bis zu 85 % der Fälle einen chronischen Verlauf, der jedoch ebenfalls klinisch wenig charakteristisch ist und oft lange Zeit übersehen wird. Dabei kann eine Hepatitis C heute in nahezu allen Fällen geheilt werden. Bleibt die Infektion jedoch unentdeckt und unbehandelt, was bei vielen Suchterkrankten nach wie vor der Fall ist, kann es im Verlauf zu schweren Folgeerkrankungen wie Leberzirrhose und Leberzellkarzinom kommen.

Im Jahr 2015 lag die Zahl der mit dem Hepatitis-C-Virus Infizierten in Deutschland einer europäischen Modellstudie zufolge bei 204 800 (95-%-KI 90 100–313 400) (3). Die WHO und die Bundesregierung haben sich zum Ziel gesetzt, die Hepatitis C bis zum Jahr 2030 zu eliminieren. Um dieses zu erreichen, gehe es nicht ohne besondere Anstrengungen und maßgeschneiderte Angebote in den Hochrisikogruppen, so Dr. med. Patrick Horber, Geschäftsführer AbbVie Deutschland.

Da derzeit keine Impfung existiert, die vor einer erneuten Infektion schützen könne, ist auch eine kontinuierliche psychosoziale Begleitung zur langfristigen Stabilisierung und Sicherung der Behandlungserfolge wichtig. Dabei zeigen die Erfahrungen, dass die Adhärenz von Substitutionspatienten nicht zuletzt wegen des intensiven Betreuungs- und Unterstützungsgrads womöglich besser ist als in der Allgemeinbevölkerung (4).

Ziel der Initiative PLUS ist es, suchtkranke Menschen in ihren komplexen Problemsituationen nachhaltig zu unterstützen. Innovativ an der PLUS-Initiative ist die Einbeziehung der Suchtbetroffenen in die regionale Gestaltung der Projekte. Dieser partizipative Ansatz (Peer-to-Peer) soll die Motivation der Betroffenen an der Teilnahme des Programms stärken. Auch könne nur so sichergestellt werden, dass die Maßnahmen an den aktuellen Bedürfnissen von Drogenkonsumierenden, Substitutionspatienten und Abstinenzwilligen ausgerichtet und zielführend in ihrer Wirkung sind, wie Dr. rer. soc. Klaus Obert vom Caritasverband für Stuttgart hervorhob. Bei starkem Engagement der Betroffenen können diese individuell gefördert und selbst zu Peers werden, die eigenständig Projekte gestalten können.

Eine regionale Initiative mit Modellcharakter

Inzwischen ist die Initiative PLUS in 8 Städten aktiv, mit 10 weiteren Städten sei man im Gespräch, sagte Christoph Hagenlocher, Gesundheitswissenschaftler und Leiter Public Health & Policy bei AbbVie Deutschland. Gleichzeitig fördert die Initiative die Vernetzung bestehender Einrichtungen und stärkt die öffentliche Aufmerksamkeit für die Themen Sucht sowie Hepatitis C. Langfristiges Ziel ist die Überführung des Modells in die Regelversorgung. Rüdiger Zart

Quelle: Podiumsdiskussion „Sucht PLUS Hepatitis C – eine Herausforderung“ am 21. November 2018 in Berlin. Veranstalter: AbbVie

1.
Robert Koch-Institut (RKI): Drogen und chronischen Infektionskrankheiten in Deutschland – DRUCK-Studie. Abschlussbericht. Berlin 2016: 15–7. http://daebl.de/WM75 (last accessed on 13 March 2019).
2.
Razavi H, et al.: J Viral Hepat 2014; 21 (Suppl 1): 34–593 CrossRef CrossRef CrossRef CrossRef MEDLINE
3.
European Union HCV Collaborators: Lancet Gastroenterol Hepatol 2017; 2 (5): 325–36.
4.
Peitz A, Schäfer-Walkmann S: PLUS – Ein Forschungsbericht, 2017. http://daebl.de/EY94 (last accessed on 13 March 2019).
1. Robert Koch-Institut (RKI): Drogen und chronischen Infektionskrankheiten in Deutschland – DRUCK-Studie. Abschlussbericht. Berlin 2016: 15–7. http://daebl.de/WM75 (last accessed on 13 March 2019).
2. Razavi H, et al.: J Viral Hepat 2014; 21 (Suppl 1): 34–593 CrossRef CrossRef CrossRef CrossRef MEDLINE
3. European Union HCV Collaborators: Lancet Gastroenterol Hepatol 2017; 2 (5): 325–36.
4.Peitz A, Schäfer-Walkmann S: PLUS – Ein Forschungsbericht, 2017. http://daebl.de/EY94 (last accessed on 13 March 2019).

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