ArchivDeutsches Ärzteblatt13/2019Medizingeschichte: Neue Ausstellung zeigt Sauerbruch zwischen Medizin und Mythos

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Medizingeschichte: Neue Ausstellung zeigt Sauerbruch zwischen Medizin und Mythos

Dtsch Arztebl 2019; 116(13): A-645

Kahl, Kristin

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Lange Zeit war das Bild des Chirurgen Ferdinand Sauerbruch überwiegend positiv geprägt. Dass hinter der Koryphäe eine ambivalente und streitbare Person lag, machten erst spätere Forschungen sichtbar. Mit der neuen Sonderausstellung „Auf Messers Schneide“ will das Berliner Medizinhistorische Museum (BMM) der Charité anhand von über 280 Exponaten den „ganzen Sauerbruch“ zeigen und die Person zwischen Medizin und Mythos einordnen. Die Schau ist der dritte Teil des Projekts „Gedenkort Charité“, das sich auf verschiedene Weise mit der historischen Verantwortung des Instituts auseinandersetzt.

Eine Auswahl der Exponate: das Gemälde „Thorakoplastik“ mit Sauerbruch im Zentrum (oben) und eine Unterarmprothese mit Schmuckhand (unten). Fotos: Thomas Bruns
Eine Auswahl der Exponate: das Gemälde „Thorakoplastik“ mit Sauerbruch im Zentrum (oben) und eine Unterarmprothese mit Schmuckhand (unten). Fotos: Thomas Bruns
Foto: Christoph Weber
Foto: Christoph Weber
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Der Rundgang durch die Ausstellung orientiert sich am Werdegang Sauerbruchs: von der Kindheit in kleinbürgerlichen Verhältnissen über erste Erfolge als Mediziner in Breslau, Zürich und München bis hin zum umworbenen Chirurgen in Berlin und Nationalpreisträger im sogenannten Dritten Reich. Eine abschließende Station behandelt den Mythos Sauerbruchs als „Halbgott in Weiß“.

Die Schau würdigt die medizinischen Erfolge des Arztes wie die von ihm entwickelte Unterdruckkammer zur Operation des Thorax, die Konstruktion aktiv beweglicher Prothesenarme für Kriegsversehrte nach dem Ersten Weltkrieg oder seine Beiträge zur Operationsmethode der Umkipp-Plastik. Sie thematisiert, dass Sauerbruch bei Patienten und Studierenden beliebt war, sich aber auch als autoritärer Chef profilierte. Cholerische Anfälle, Beleidigungen und Rausschmisse aus dem Operationssaal sind überlieferte Zeugnisse seines teilweise despotischen Gebarens.

Die Ausstellung macht zudem deutlich, wie Sauerbruch sein Wirken immer weiter auf den politischen und militärischen Bereich ausweitete. Er verkehrte mit frühen Vertreterinnen und Vertretern der völkischen Bewegung, operierte in Lazaretten und ließ 1923 nach dem gescheiterten Novemberputsch Adolf Hitler durch einen Assistenten behandeln. Zwar wird gezeigt, dass Sauerbruch kein Antisemit war – er pflegte freundschaftliche Kontakte mit dem jüdischen Maler Max Liebermann und verhalf Kollegen wie seinem Stellvertreter Rudolf Nissen ins Exil. Doch er begrüßte auch gemeinsam mit anderen Hochschullehrern 1933 in einer schriftlichen Niederlegung die Machtergreifung Hitlers. Und als medizinischer Fachgutachter im Reichsforschungsrat gingen zahlreiche Anträge und Berichte – auch zu Menschenversuchen in Konzentrationslagern – über seinen Tisch, zu denen er schwieg.

„Die weit gefächerten Facetten der Sauerbruchschen Persönlichkeit bieten in ihrer spannungsreichen Ambivalenz die ideale Grundlage für eine Diskussion darüber, was ein Leben für Medizin und Wissenschaft in Verantwortung bis heute ausmacht,“ sagt Prof. Dr. med. Thomas Schnalke, Direktor des BMM. So soll die Ausstellung, die noch bis zum 2. Februar 2020 zu sehen ist, ein Angebot zum Dialog auch über die Gegenwart sein. kk

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