ArchivDeutsches Ärzteblatt51-52/1999Medizinische Obduktion: Aufklärung tut not

POLITIK: Leitartikel

Medizinische Obduktion: Aufklärung tut not

Dtsch Arztebl 1999; 96(51-52): A-3281 / B-2637 / C-2389

Gerst, Thomas

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LNSLNS Nicht nur in England, auch in Deutschland wurden toten Kindern Organe entnommen, ohne daß die Eltern über den Sachverhalt genau aufgeklärt waren.


Kaum waren die Meldungen über die englischen Vorkommnisse aus den Schlagzeilen verschwunden, präsentierte das ARD-Magazin "Panorama" den entsprechenden deutschen Skandal. Offenbar ohne hinreichende Aufklärung der Eltern sind die Herzen von Kindern, die am plötzlichen Kindstod verstorben waren, zum Gegenstand wissenschaftlicher Forschung gemacht worden. Das Ergebnis der öffentlichen Untersuchung in England steht noch aus. Diese konzentriert sich vor allem auf die Frage, ob die Einwilligung der Angehörigen zur Obduktion zugleich als Zustimmung zur Entnahme und weiteren wissenschaftlichen Nutzung der Organe angesehen werden kann. Die geltenden rechtlichen Bestimmungen in Großbritannien sind in dieser Hinsicht unklar und bedürfen nach Ansicht des Vorsitzenden der Untersuchungskommission einer gründlichen Überarbeitung.
Auch in Deutschland ist die Rechtslage alles andere als eindeutig. Im Gegensatz zum Transplantationsgesetz ist das Obduktionsrecht nicht bundeseinheitlich geregelt. Lediglich in Berlin gibt es ein Gesetz zur Regelung des Sektionswesens; das sächsische Bestattungsgesetz läßt die innere Leichenschau zu, sofern sie "durch ein beachtliches Interesse an der vorherigen Diagnose oder durch ein gewichtiges medizinisches Forschungsinteresse gerechtfertigt ist". Hier wie in Berlin muß der Verstorbene zu Lebzeiten der Obduktion zugestimmt haben, oder aber die nächsten Angehörigen müssen sich mit einer solchen Maßnahme einverstanden erklären. Die gesetzlichen Regelungen beschränken sich in den übrigen Bundesländern im wesentlichen auf Obduktionen gemäß Bundesseuchengesetz oder Strafprozeßordnung (bei Verdacht auf Fremdverschulden) ohne Widerspruchsmöglichkeit. Rechtliche Grundlage für die Durchführung der medizinischen Sektion sind hier die Obduktionsklauseln in den Aufnahme- und Behandlungsverträgen der Krankenhäuser.
Diese sind mehr oder weniger hervorgehoben in den Allgemeinen Vertragsbedingungen abgedruckt. Sie unterscheiden sich in Nuancen - was manchmal entscheidend sein kann - hinsichtlich der Zustimmungsbedingungen. Wissen schadet nicht
Nach den Skandalen um illegalen Handel mit Organteilen Mitte der 90er Jahre hat sich in der Pathologie mit wenigen Ausnahmen eine "Skandalvermeidungshaltung" durchgesetzt. Zumeist wird auch dort, wo die Obduktionsklausel anderes zuläßt, eine klinische Obduktion nur dann durchgeführt, wenn die Zustimmung der nächsten Angehörigen dokumentiert ist und eine gegenteilige Bestimmung des Verstorbenen nicht bekannt ist. Die Unterschrift unter den Behandlungsvertrag wird in der Regel nicht mehr als ausreichend erachtet; sind keine direkten Angehörigen vorhanden, sieht man zumeist grundsätzlich von einer Obduktion ab.
Wie weit die Aufklärung über das Obduktionsverfahren im Detail gehen sollte, ist nicht festgelegt - durchaus verständlich angesichts der Trauer und psychischen Belastung, die der Tod eines nahen Angehörigen ohnehin mit sich bringt. Wer einer medizinischen Obduktion zustimmt, weiß oft nicht, daß dabei auch Organe entnommen werden und daß diese nicht in den Leichnam zurückgelegt werden müssen. Im Runderlaß des Ministeriums für Wissenschaft und Forschung des Landes Nordrhein-Westfalen vom 23. März 1994 heißt es dazu allerdings unmißverständlich: "Eine Obduktion ist regelmäßig mit der Entnahme der erkrankten Organe verbunden. . . . Wer eine Obduktion gestattet bzw. ihr nicht widerspricht, gestattet damit auch die Entnahme einzelner Leichenteile zum Zweck der näheren Untersuchung und Demonstration in den klinisch-pathologischen Besprechungen." Der Pathologe ist für die entnommenen Organe verantwortlich; er hat dafür zu sorgen, daß diese die Klinik nicht verlassen. Nicht mehr benötigte Organe oder Organteile werden vorschriftsgemäß der Hochtemperaturverbrennung ohne Aschereste zugeführt. Einer dauerhaften Aufbewahrung als Lehr- und Anschauungsmaterial stehen keine Vorschriften entgegen. !
Der Pathologe, der nach schriftlich dokumentierter Zustimmung zur Obduktion ein Organ entnimmt, handelt rechtmäßig. Ob dies bei nur mangelhafter Aufklärung über das Wesen einer Obduktion ethisch zu verantworten ist, steht auf einem anderen Blatt. Die Aufklärungspflicht gegenüber dem Patienten und dessen Angehörigen sollte auch in bezug auf Obduktionen so verstanden werden, daß nicht mit dem Begriff "Entnahme von Gewebeproben" euphemistisch ein Sachverhalt verschleiert, sondern vielmehr offen um Verständnis für die beabsichtigten Maßnahmen geworben wird. Ein Beispiel für den offeneren Umgang mit dem prekären Thema ist der Aufnahme- und Behandlungsvertrag der Städtischen Kliniken Dortmund. Hier wird zweimal fettgedruckt auf die mögliche Entnahme von Organen bei Obduktionen hingewiesen. Mögliche Kommunikationsprobleme können so von vornherein ausgeräumt, einer reißerischen Berichterstattung in den Medien die Grundlage entzogen werden. Zu wenige Obduktionen
Die qualitätssichernde Funktion der Obduktion in der Medizin ist unumstritten. Gerade für die interne Qualitätssicherung in Krankenhäusern scheint sie unverzichtbar. Von der dafür notwendigen Obduktionsrate ist man inzwischen sehr weit entfernt. Gemessen an der Gesamtzahl aller Verstorbenen wird die Obduktionsrate in Deutschland derzeit auf ein Prozent geschätzt; im Jahr 1985 lag diese Rate noch bei 5,6 Prozent. Zum Teil bereitet es bereits Probleme, angehende Pathologen mit der Obduktion vertraut zu machen. Trotz aller Fortschritte in der klinischen Diagnostik geht man auch heute noch davon aus, daß klinische und pathologischanatomische Diagnose in den Krankenhäusern bei rund 40 Prozent der Todesfälle nicht übereinstimmen. Vor diesem Hintergrund wäre eine öffentliche, nicht nur innerhalb der Ärzteschaft geführte Diskussion über Sinn und Nutzen medizinischer Obduktionen wünschenswert. Auch medizinische Laien würden dann sicher verstehen, was "Hic mors vivos docet" - "Hier lehrt der Tod die Lebenden" - bedeutet. Dr. Thomas Gerst

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