ArchivDeutsches Ärzteblatt13/2019Genom-Editing: Grenzen setzen

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Genom-Editing: Grenzen setzen

Dtsch Arztebl 2019; 116(13): A-605

Schmedt, Michael

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Michael Schmedt, Stellv. Chefredakteur
Michael Schmedt, Stellv. Chefredakteur

Was die Medizin heute an Diagnostik und Therapie leistet, war vor Jahrzehnten unvorstellbar. Ethische Diskussionen, welche Folgen zu erwarten sind und welche Grenzen der Anwendung neuer Verfahren zu setzen sind, folgen zwangsläufig.

Nehmen wir die Genschere CRISPR/Cas. Die Methode ermöglicht es, Erbgutabschnitte mit einer sehr hohen Genauigkeit gezielt zu entfernen und auszutauschen. Für die Landwirtschaft ein großer ökonomischer Faktor, der auch der Bevölkerung zugutekommen kann. Ertragreichere und widerstandsfähigere Pflanzen könnten helfen, Hungersnöte zu vermeiden. Allerdings werden Organismen verändert. Dementsprechend stellte sich die Frage, ob die „neuen“ Pflanzen auch als gentechnisch verändert gekennzeichnet werden müssen.

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Beim Menschen angewandt wirft die CRISPR/Cas-Technik ganz andere Fragen auf. Die Hoffnung, Genmutationen zu korrigieren, neue Therapieansätze zu finden und Erbkrankheiten zu heilen, ist nachvollziehbar. Auf der anderen Seite steht die Gefahr des Eingriffs in die menschliche Keimbahn, mit der Veränderungen an potenzielle Nachkommen weitergegeben werden. Die Folgen sind bislang nicht absehbar. Ethisch betrachtet können Menschen jetzt optimiert, ja passender gemacht werden. Das Wort des Designerbabys machte schnell die Runde. Dann verkündete der chinesische Biophysiker Jiankui He im vergangenen Herbst, er habe mithilfe der Genschere HIV-resistente Babys geschaffen. Die Büchse der Pandora schien geöffnet, die Empörung weltweit groß. Inzwischen ist es eher wieder ruhig um CRISPR/Cas geworden. Daher ist es wichtig, dass die Welt­gesund­heits­organi­sation jetzt Handlungsempfehlungen zum Gen-Editing verabschiedet hat und eine Registrierung der Forschung fordert (Seite 622). Das Register soll ein erster Schritt sein, eine unkontrollierte Anwendung der Technik zu verhindern. Wie groß diese Befürchtung ist, macht die Stellungnahme von 18 Forscherinnen und Forschern in der Fachzeitschrift Nature deutlich – unter ihnen auch die Biologin Emmanuelle Charpentier und der Bioingenieur Feng Zhang, die beide an der Entwicklung des Mechanismus maßgeblich beteiligt waren. Sie streiten zwar, wer den Ruhm und damit das Patent für die Technik einstreichen kann. Im Falle der Veränderung der DNA in Spermien, Eizellen oder Embryonen sind sich die Forscher aber einig: Sie fordern ein globales Moratorium, dass zunächst einen festen Zeitraum definiert, in dem kein klinischer Eingriff in die Keimbahn zulässig ist. Es sei bislang nicht absehbar, wie sich Veränderungen des Erbguts in künftigen Generationen (schädlich) auswirken können. Daher sei eine breite gesellschaftliche Debatte notwendig. Diese Entscheidungen dürften nicht von einzelnen Akteuren getroffen werden – weder von Wissenschaftlern, Ärzten, Krankenhäusern oder Unternehmen noch von Wissenschaft oder Medizin. Den Autoren des Aufrufs ist durchaus bewusst, dass solch ein Moratorium die Geschwindigkeit der weiteren Forschung auf diesem Gebiet behindert. Das Risiko aber, Patienten zu schaden und das öffentliche Vertrauen zu verlieren, wäre viel schlimmer.

Dies kann man nur unterschreiben. Wenn sich ein medizinisches Verfahren mit solch weitreichenden Änderungen durchsetzen und Positives bewirken soll, muss die notwendige Akzeptanz über einen breiten gesellschaftlichen Diskurs herbeigeführt werden, der zugleich die notwendigen Grenzen setzt.

Michael Schmedt
Stellv. Chefredakteur

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