ArchivDeutsches Ärzteblatt14/2019Nachtrag humangenetischer Gesichtspunkte
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In ihrer Übersichtsarbeit beschreiben Bochtler et al. (1) die Bedeutung genetischer Prädispositionen für hämatologische Neoplasien. Aus humangenetischer Sicht möchten wir die folgenden, klinisch relevanten Aspekte ergänzen:

Wir weisen darauf hin, dass entgegen der Darstellung der Autoren das Gendiagnostikgesetz bei diagnostischen genetischen Untersuchungen vorab keine genetische Beratung fordert. Um ein Verzögern der für die Therapie zum Teil wesentlichen Diagnostik zu vermeiden, können diagnostische genetische Untersuchungen bereits nach angemessener Aufklärung durch einen Arzt erfolgen. Bei Mitteilung des Ergebnisses soll eine genetische Beratung angeboten werden.

Nach der Identifikation von DNA-Varianten in hämatologischen Neoplasien ist DNA aus Fingernägeln nicht dazu geeignet, den konstitutionellen Ursprung von identifizierten Varianten zu beweisen. Bei Patienten nach hämatologischer Stammzelltransplantation wurde DNA des Spenders im Erbgut aus Fingernägeln des Empfängers nachgewiesen (2).

Die alleinige Sequenzierung kodierender und flankierend intronischer Genbereiche ist bei der Suche nach prädisponierenden Genveränderungen nicht ausreichend. Sie muss durch die adäquate Untersuchung auf größere Kopienzahlveränderungen ergänzt werden, um ursächliche konstitutionelle Deletionen oder Duplikationen zu detektieren wie zum Beispiel für RUNX1 empfohlen (3).

Zudem gilt es bei genetischen Untersuchungen auch relevante, tief intronische Regionen (zum Beispiel bei GATA2) oder die Möglichkeit eines „somatic revertant mosaicism“ zu beachten (zum Beispiel bei SAMD9/SAMD9L).

Entgegen der Angaben der Autoren, ist das Brustkrebsrisiko bei Trägerinnen der Anlage für eine Fanconi-Anämie, zum Beispiel bei heterozygoten BRCA2- oder PALB2-Varianten, deutlich mehr als dreifach erhöht (4).

Zusammenfassend zeigen die von Bochtler et al. hervorragend beschriebenen Herausforderungen, wie wichtig eine interdisziplinäre Zusammenarbeit ist. So können Patienten mit einer genetischen Prädisposition für hämatologische Neoplasien rechtzeitig identifiziert sowie die Diagnostik und Betreuung von Betroffenen in Zukunft verbessert werden.

DOI: 10.3238/arztebl.2019.0251a

Dr. med. Tim Ripperger, PhD
Institut für Humangenetik, Medizinische Hochschule Hannover

Prof. Dr. rer. nat. Thomas Illig
Institut für Humangenetik, Medizinische Hochschule Hannover
Hannover Unified Biobank, Medizinische Hochschule Hannover

Prof. Dr. med. Brigitte Schlegelberger
Institut für Humangenetik, Medizinische Hochschule Hannover
Koordinatorin, Subnet Familial Leukemia, European Reference Network PaedCan
Schlegelberger.Brigitte@mh-hannover.de

1.
Bochtler T, Haag GM, Schott S, Kloor M, Krämer A, Müller-Tidow C: Hematological malignancies in adults with a family predisposition. Dtsch Arztebl Int 2018; 115: 848–54 VOLLTEXT
2.
Imanishi D, Miyazaki Y, Yamasaki R, et al.: Donor-derived DNA in fingernails among recipients of allogeneic hematopoietic stem-cell transplants. Blood 2007; 110: 2231–4 CrossRef MEDLINE
3.
Ripperger T, Tawana K, Kratz C, Schlegelberger B, Fitzgibbon J, Steinemann D: Clinical utility gene card for: Familial platelet disorder with associated myeloid malignancies. Eur J Hum Genet. 2016; 24: doi: 10.1038/ejhg.2015.278 CrossRef
4.
Easton DF, Pharoah PD, Antoniou AC, et al.: Gene-panel sequencing and the prediction of breast-cancer risk. N Engl J Med 2015; 372: 2243–57 CrossRef MEDLINE PubMed Central
1.Bochtler T, Haag GM, Schott S, Kloor M, Krämer A, Müller-Tidow C: Hematological malignancies in adults with a family predisposition. Dtsch Arztebl Int 2018; 115: 848–54 VOLLTEXT
2.Imanishi D, Miyazaki Y, Yamasaki R, et al.: Donor-derived DNA in fingernails among recipients of allogeneic hematopoietic stem-cell transplants. Blood 2007; 110: 2231–4 CrossRef MEDLINE
3. Ripperger T, Tawana K, Kratz C, Schlegelberger B, Fitzgibbon J, Steinemann D: Clinical utility gene card for: Familial platelet disorder with associated myeloid malignancies. Eur J Hum Genet. 2016; 24: doi: 10.1038/ejhg.2015.278 CrossRef
4. Easton DF, Pharoah PD, Antoniou AC, et al.: Gene-panel sequencing and the prediction of breast-cancer risk. N Engl J Med 2015; 372: 2243–57 CrossRef MEDLINE PubMed Central

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