ArchivDeutsches Ärzteblatt1-2/2000Humor bedroht skandinavisches Gesundheitswesen

VARIA: Schlusspunkt

Humor bedroht skandinavisches Gesundheitswesen

Dtsch Arztebl 2000; 97(1-2): [80]

Kohler, Marion

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LNSLNS Immer mehr deutsche Ärzte wandern nach Norwegen aus. Warum zieht es sie bloß in dieses Land, in dem Wohlergehen noch größer geschrieben wird als in Deutschland? Kaum zu glauben, daß sich die idealistischen Ärzte nur von geregelten Arbeitszeiten und dem lieben Geld locken lassen. Seit kurzem ist das Rätsel der stetigen Emigration gelöst: Es ist des Lachens wegen. Die in Norwegen ins Leben gerufene Nordische Gesellschaft für medizinischen Humor verabschiedete ihre Satzung; staatlich sanktioniert darf sich in skandinavischen Krankenhäusern ab sofort Lustigkeit breit machen.
Den Gründern, den norwegischen Ärzten Stein Tyrdal und Nils Carl Lønberg, ist es ernst mit der Einführung der Statuten der Spaßgesellschaft in das Gesundheitswesen, denn, so heißt es in der Satzung, Lachen sei gesund. Und das nicht nur für Patienten! Wissenschaftlich untermauert soll diese These von amerikanischen (und demnächst wohl auch skandinavischen) Studien sein, wonach Lebensfreude Lebensgeister wecke. Einmal gerufen, würden sie sich vornehmlich für überarbeitete Ärzte als wahre Helfer erweisen, einsetzbar gegen Frustration, Stress und seelische Entkräftung. Adieu, du allen bekanntes Burnout-Syndrom.
Glücklichere Ärzte und schneller genesende Patienten - das birgt nationalökonomische Gefahren. Vorauszusagen ist ein Anstieg der Arbeitslosigkeit. Wohin mit dem bei geringerer Liegedauer überflüssigen Pflegepersonal, was tun mit all den Psychologen und Rechtsanwälten, die ihre Brötchen bisher durch die gerade bei Ärzten stark erhöhte Scheidungs-, Alkoholiker- und Selbstmordraten verdient haben? Lønberg und Tyrdal nehmen dies skrupellos in Kauf, forcieren eine derartige Entwicklung sogar mit Hilfe eines im Norden äußerst wirksamen Tricks: Da es die liebste Beschäftigung der Skandinavier ist, sich in unzähligen zweckdienlichen Gruppen zu organisieren, haben die beiden ihre Idee sofort durch die Gründung einer Vereinigung vermarktet.
Beruhigend ist, dass das Lachen den Skandinaviern aufgrund ihres doch eher schwermütigen Charakters nicht allzu schnell ins Blut übergehen wird und man dem Ganzen mit geringem Aufwand entgegenwirken kann: Man gründe einfach eine Gesellschaft für medizinischen Ernst. Ins Lot wird dadurch nicht nur das skandinavische Gesundheitswesen kommen, gestoppt wird auch das Bedürfnis vieler deutscher Ärzte, in das Land der Fjorde auszuwandern. Was sollte sie dorthin dann noch locken? Marion Kohler
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