ArchivDeutsches Ärzteblatt14/2019Impfpflicht gegen Masern: Es geht um den Schutz für alle

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Impfpflicht gegen Masern: Es geht um den Schutz für alle

Dtsch Arztebl 2019; 116(14): A-659 / B-539 / C-531

Maibach-Nagel, Egbert

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Egbert Maibach-Nagel, Chefredakteur
Egbert Maibach-Nagel, Chefredakteur

Für die Welt­gesund­heits­organi­sation (WHO) zählt Impfgegnerschaft zu den zehn größten weltweiten Bedrohungen menschlicher Gesundheit. Und obwohl die Zahl offensiver Impfgegner – bei einer geschätzten Menge von zwei bis fünf Prozent der Bevölkerung – eine ausnehmend kleine Minderheit darstellt: In digitalen Zeiten reicht deren öffentliche Breitenwirkung leider aus, eine nicht unbedeutende Anzahl von Menschen über die Notwendigkeit des Impfens zu verunsichern.

Die Folgen liegen auf der Hand: Epidemiologische Angänge, beispielsweise Masernviren durch hochprozentig-flächendeckende Impfungen auszurotten, werden durch die sachlich weitestgehend falschen, dafür emotional um so lautstärker ausgeführten Argumente der Impfgegner immer wieder massiv behindert. Entsprechend ist in Deutschland beispielsweise die Zahl der Masernfälle in jüngerer Zeit wieder enorm gestiegen. Wird es angesichts eklatanter Folgeschäden bis zur Todesfolge also Zeit für drastischere Maßnahmen?

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Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn (CDU) und Familienministerin Frankziska Giffey (SPD) fordern jedenfalls die Einführung einer Impfpflicht gegen Masern – ein Vorgehen, dass Bundes­ärzte­kammerpräsident Prof. Dr. med. Frank Ulrich Montgomery aus fachlicher Sicht befürwortet hat.

Eine solche Vorgehensweise wäre auch in unserem Land der größtmöglichen individuellen Freiheit überhaupt nicht abwegig, wie viele Bürger meinen: Eine im Auftrag der Bild am Sonntag durchgeführte Emnid-Umfrage zeigt, dass aktuell 77 Prozent der Bevölkerung eine gesetzliche Verpflichtung unterstützen würden. Trotzdem: Ein Fünftel wäre mit einer Impfpflicht nicht einverstanden.

Dabei sieht sich auch dieses Fünftel schon heute im gelebten Alltag mit indirekt verordneter Pflicht konfrontiert: Kindertagesstätten, Schulen und kommunale Aufsichten reagieren angesichts der wachsenden Masernausbrüche mit dem Einfordern von Impfnachweisen für die Schüler und Vorschüler.

Wer als Eltern das nicht kann, darf seine Kinder, so ist es in verschiedenen Teilen Deutschlands inzwischen gängige Praxis, nicht am Geschehen von Kindertagesstätten und Schulen teilnehmen lassen, um andere zu schützen. Was ist mit Schulpflicht, mit dem Recht auf vorschulische Erziehung? Die Antwort gibt hier das praktische Leben. Insofern wäre die gesetzgeberische Maßnahme aus Sicht Jens Spahns letztlich eine die medizinischen Notwendigkeiten flankierende Antwort zur Eindämmung von Epidemien und Abwehr zunehmender Folgeschäden.

Unzweifelhaft unberührt davon bleibt aber eine damit hoffentlich weiterhin einhergehende vorsorgliche Aufklärung zur Unterstützung der medizinischen Vorsorge. Wie in anderen Bereichen ist auch und gerade in medizinischen Fragen der sachlichen Information als Grundlage demokratischer Willensbildung der nötige, möglichst breite Raum zu gewähren.

Bei allen angesichts solcher Schritte zu erwartender und auch nachvollziehbarer Mahnungen, dass eine Bevormundung durch den Gesetzgeber verhindert werden muss: Aus medizinischen Gründen geht es um Gefahrenabwehr, aus ethischen Gründen nach Kantschem Freiheitsbegriff um die Gewährung der Freiheit anderer. Schlicht: Wer geimpft ist, kann seine Mitmenschen nicht in (Lebens-)Gefahr bringen.

Egbert Maibach-Nagel
Chefredakteur

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