ArchivDeutsches Ärzteblatt14/2019Assistenzärzte: Zu wenig Zeit für die Patienten

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Assistenzärzte: Zu wenig Zeit für die Patienten

Dtsch Arztebl 2019; 116(14): A-671 / B-550 / C-541

Hillienhoff, Arne; Osterloh, Falk

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Der Hartmannbund hat Assistenzärzte nach ihren Arbeitsbedingungen gefragt. Das Ergebnis: Vieles liegt im Argen. In vielen Krankenhäusern gibt es zu wenig Ärzte und Pflegekräfte, oft werden die Überstunden nicht dokumentiert und die Digitalisierung steckt noch in den Kinderschuhen.

Foto: Image Source/iStock
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Die Arbeitszeit darf acht Stunden pro Tag nicht überschreiten. So lautet die Grundregelung des Arbeitszeitgesetzes, das in Deutschland seit 1994 gilt und mit dem der Gesundheitsschutz der Arbeitnehmer sichergestellt werden soll. In der Praxis sieht es jedoch ganz anders aus. Neue Zahlen dazu liefert eine Umfrage des Hartmannbundes (HB), an der sich 1 437 Assistenzärztinnen und Assistenzärzte beteiligt haben – 70 Prozent waren Frauen.

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So werden der Umfrage zufolge nur in 51 Prozent der Fälle Überstunden „konsequent dokumentiert und vollständig anerkannt“. Die Frage, wie kompliziert es sei, Überstunden zu dokumentieren, sollten die Assistenzärzte mit einer Zahl zwischen 1 (Dokumentation barrierefrei möglich) bis 5 (Dokumentation nicht möglich) beantworten. Eine 1 vergaben 33 Prozent, eine 2 vergaben 23 Prozent, 22 Prozent wählten eine 3, zwölf Prozent eine 4 und elf Prozent eine 5.

Viele der Teilnehmer beschrieben zudem die Situation in ihrem Krankenhaus. „Prinzipiell dürfen Überstunden notiert werden, sind jedoch nicht gerne gesehen, und wenn Kollegen auf meiner Station diese nicht aufschreiben, mache ich das auch nicht“, erklärte ein Assistenzarzt. Ein anderer schrieb: „Dokumentation wäre möglich, aber wer ‚zu viele‘ Überstunden aufschreibt, kriegt Probleme (und sehr wahrscheinlich keinen neuen Vertrag).“ Und ein weiterer erklärte: „Es ist sehr leicht, die Überstunden einzutragen in unserem System. Leider werden Überstunden nicht gewünscht, daher ist die Hemmschwelle, Überstunden einzutragen, sehr groß.“

Personaldecke ist zu dünn

In anderen Krankenhäusern gibt es hingegen keine Probleme bei der Dokumentation von Überstunden. So schrieb ein Assistenzarzt: „Ein Anruf beim diensthabenden Oberarzt/-ärztin oder Chefarzt/-ärztin ist erforderlich. Dann nach Genehmigung allerdings problemlose Anerkennung.“ Und ein weiterer: „Bis zu zwei Stunden kann die Chefsekretärin Überstunden eintragen.“

Probleme gibt es der Umfrage zufolge auch beim Bereitschaftsdienst. Hier arbeitet fast jeder Zweite regelwidrig länger als 50 Prozent seiner regulären Arbeitszeit. Zur ärztlichen Personalausstattung erklärten 48 Prozent der Assistenzärzte, die Personaldecke sei bei Normalbesetzung ausreichend, bei Personalausfällen träten jedoch immer wieder große Probleme auf. Weitere 27 Prozent meinten, die Personaldecke sei mangelhaft und „wir sind eigentlich permanent zu knapp besetzt“. Nur ein Prozent erklärte, die Personaldecke sei sehr gut und Personalausfälle könnten problemlos kompensiert werden. Rund 75 Prozent der befragten Berufseinsteiger gaben zudem an, sie seien regelmäßig mit Situationen konfrontiert, auf die sie sich „nicht vorbereitet“ sähen.

Ein Großteil dieser Gruppe habe durch diesen Umstand bereits patientengefährdende Fehler wahrgenommen, warnte Dr. med. Wenke Wichmann aus dem Lenkungsgremium des Ausschusses der Assistenzärzte im HB. Sie sieht alle beteiligten Player gemeinsam in der Pflicht, Abhilfe zu schaffen – Politik, Krankenhausträger und Verantwortliche in den Kliniken selbst.

„Wir sehen uns in erster Linie nicht in der Rolle des Anklägers, sondern wollen – soweit es geht konstruktiv – daran mitwirken, notwendige Veränderungen zu gestalten“, betonte sie. Für grundsätzlich inakzeptabel hält sie es allerdings, wenn gesetzlich klar definierte Regelungen vom Arbeitgeber nicht eingehalten würden. „In dieser Grauzone sind die Weiterbildungsassistenten meistens das schwächste Glied in der Kette und gezwungen, Regelverstöße mehr oder weniger hinzunehmen. Das darf nicht sein“, kritisierte Wichmann.

Arbeitszeitgesetz einhalten

So sieht es auch der HB-Vorsitzende Dr. med. Klaus Reinhardt: „Das Arbeitszeitgesetz darf auch in Zeiten von Personalmangel nicht zur Makulatur verkommen. Da braucht es Verlässlichkeit. Es nützen im Zweifelsfall am Ende die von uns geforderten Personalschlüssel nichts, wenn es keine effektiven Möglichkeiten der Durchsetzung und Kontrolle gibt.“ Hier seien vor allem die Aufsichtsbehörden gefordert, ihre Kontrollfunktion konsequenter wahrzunehmen.

Laut der Umfrage sind ein Drittel der Assistenzärzte „unzufrieden“ bis „sehr unzufrieden“ mit ihrer beruflichen Situation. Ein Grund dafür ist zu wenig Zeit für den Patienten – nur jeder Vierte sieht diese als ausreichend an. Außerdem kritisierten die Assistenzärzte Defizite bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf: Rund 40 Prozent sehen Schwierigkeiten bei der Umsetzung des Wunsches nach Teilzeit, mangelnde Angebote an flexiblen Arbeitszeitmodellen oder fehlende Betreuungsangebote noch immer als größte Hindernisse einer ausgewogenen Work-Life-Balance. Zwei Drittel der Befragten sehen negative Auswirkungen ihrer Arbeit auf Privatleben und soziale Kontakte, jeder Fünfte befürchtet gesundheitliche Beeinträchtigungen.

Mehr als die Hälfte der Befragten benotet die Qualität und den Umfang ihrer Einarbeitung zum Berufsstart mit den Noten 4 und 5. Und gerade einmal jeder vierte Assistenzarzt beschreibt seine Weiterbildung als „strukturiert“ – zum Beispiel durch einen verlässlichen Rotationsplan, der alle relevanten Inhalte abdeckt.

Rund 60 Prozent der Befragten kritisierten zudem „ineffiziente Formen“ der Digitalisierung an ihrem Krankenhaus. Dass vier von fünf Assistenzärzten den Anteil von Bürokratie an ihrer Arbeitszeit mit über 50 Prozent beziffern, dürfte laut HB maßgeblich diesem Umstand geschuldet sein – der Verband spricht von einer „dramatischen Verschwendung ärztlicher Ressourcen“.

Weitere Kommentare im Rahmen der Umfrage konkretisieren die Defizite bei der Digitalisierung: Die Befragten berichteten zum Beispiel von Radiologiebefunden, die von Patienten auf CD gebrannt mitgebracht würden, da es keinen Austauschserver mit den niedergelassenen Ärzten gebe. Weitere Beispiele sind externe schriftliche Befunde, die eingescannt werden und damit als Bilddatei in der Krankenakte verfügbar sind – mit denen allerdings nicht weitergearbeitet werden kann, weil die Befunde nicht kopierbar sind sowie Medikamentenpläne, die trotz QR-Code abgeschrieben werden müssen, weil es an Software fehlt, die den QR-Code-Datensatz ins Krankenhausinformationssystem überspielen kann.

Reinhardt zufolge stehen die Probleme der Ärzte in Weiterbildung auch stellvertretend für die schwierige Situation des gesamten ärztlichen Personals und der Pflege in den Krankenhäusern. „Es leiden alle Beteiligten gleichermaßen unter dem Korsett der Ökonomie. Diese Fessel gilt es zu sprengen, statt sich ihr immer stärker anzupassen“, forderte er.

Mehr Zeit für die Weiterbildung

Abschließend wurden die Assistenzärzte gefragt, was sich ändern müsse, damit man in ihrem Krankenhaus von guten Arbeitsbedingungen sprechen könne. Viele hatten darauf die gleiche Antwort: mehr Personal, sowohl im ärztlichen als auch im pflegerischen Dienst. „Mehr Personal, weniger Zeitdruck – und somit Zeit für Weiterbildung“, schrieb zum Beispiel einer der Assistenzärzte.

Ein weiterer, häufig geäußerter Wunsch ist: „Einhalten und Kontrollieren des Arbeitszeitgesetzes“, wie einer der Teilnehmer schrieb. „Wir verstoßen seit Monaten geplant (keine akute Krankheit etc.) gegen das Arbeitszeitgesetz, und die Personalabteilung oder der Chefarzt handeln nicht.“

Dr. med. Arne Hillienhoff, Falk Osterloh

Weitere Umfragen

Zu ähnlichen Ergebnissen wie der Hartmannbund kommen auch Umfragen anderer Verbände. So erklärten
82 Prozent der 13 900 Medizinstudierenden, die im Rahmen des von der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) in Auftrag gegebenen „Berufsmonitorings Medizinstudierende“, dass sie sich geregelte Arbeitszeiten wünschten. Zudem gaben sie Gründe an, die gegen eine angestellte Tätigkeit im Krankenhaus sprechen: eine hohe Arbeitsbelastung (78 Prozent machten diese Angabe), starker ökonomischer Druck (68 Prozent) sowie wenig Freizeit (61 Prozent) (www.aerzteblatt.de/n100772).

2018 befragte der Marburger Bund (MB) 1 296 Medizinstudierende zum Praktischen Jahr (PJ). Demnach verbrachte fast zwei Drittel der Befragten im ersten PJ-Tertial 40 bis 50 Stunden pro Woche im Krankenhaus, acht Prozent sogar 50 bis 60 Stunden. „Die hohen wöchentlichen Anwesenheitszeiten der PJler verstoßen gegen die Approbationsordnung und widersprechen eklatant dem Ausbildungscharakter des PJ“, kritisierte der Zweite MB-Vorsitzende Dr. med. Andreas Botzlar. „Es kann nicht sein, dass Medizinstudierende als billige Hilfskräfte missbraucht werden, weil die Kliniken zu wenig Personal vorhalten.“ Der MB-Monitor aus dem Jahr 2017 ergab, dass sich die Klinikärzte mehr Zeit für Privatleben und Familie, Abbau von Bürokratie und mehr Personal im ärztlichen wie pflegerischen Dienst wünschen. So will der MB zurzeit in den Tarifverhandlungen mit den kommunalen Arbeitgebern eine automatische Zeiterfassung und mindestens zwei freie Wochenenden im Monat durchsetzen (www.aerzteblatt.de/n95855).

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