ArchivDeutsches Ärzteblatt14/2019Arztzahlen: Zuwachs nicht ausreichend

POLITIK

Arztzahlen: Zuwachs nicht ausreichend

Dtsch Arztebl 2019; 116(14): A-674 / B-552 / C-543

Maybaum, Thorsten

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Die Zahl der Ärzte in Deutschland ist im vergangenen Jahr minimal angewachsen. Für die Versorgung einer immer älter werdenden Bevölkerung und damit einhergehend einer zunehmenden Inanspruchnahme der Medizin reicht das allerdings nicht aus.

Die Bundes­ärzte­kammer (BÄK) hat angesichts eines zu geringen Zuwachses an Ärzten in Deutschland den Ruf nach mehr Studienplätzen in der Humanmedizin erneuert. „Wir zehren seit Jahren von der Substanz“, sagte BÄK-Präsident Prof. Dr. med. Frank Ulrich Montgomery anlässlich der neuesten Ärztestatistik der BÄK. Wenn die Politik nicht endlich gegensteuere, werde der demografische Wandel zu erheblichen Engpässen bei der gesundheitlichen Versorgung führen.

Die Bevölkerung in Deutschland sei eine der ältesten weltweit, und sie werde immer älter. „Es liegt auf der Hand, dass damit auch der Behandlungsbedarf immer größer wird“, sagte Montgomery. Er verwies darauf, dass die Zahl der Behandlungsfälle allein zwischen 2009 und 2017 in den Krankenhäusern von 17,8 auf 19,5 Millionen gestiegen sei. Hinzu kämen etwa eine Milliarde Arztkontakte jährlich in den Arztpraxen.

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Zahl der Köpfe steigt nicht schnell genug an

Nach Angaben des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung arbeiten niedergelassene Vertragsärzte im Durchschnitt etwa 50 Stunden pro Woche. In den Krankenhäusern sind Wochenarbeitszeiten zwischen 60 und 80 Stunden der BÄK zufolge keine Seltenheit. Die vom Gesetzgeber geplante Ausweitung der Sprechstundenzeiten mit dem Terminservice- und Versorgungsgesetz bezeichnete Montgomery im Hinblick auf die Zahlen daher auch als „Affront gegen die vielen Kolleginnen und Kollegen, die jeden Tag am Limit arbeiten“. „Die Zahl der Köpfe steigt. Aber sie steigt nicht schnell genug, um den wachsenden Behandlungsbedarf abzudecken“, sagte Montgomery mit Blick auf die aktuellen Daten. Demnach waren im vergangenen Jahr 1,9 Prozent mehr Ärztinnen Ärzte in Deutschland berufstätig als noch 2017. Die Zahl stieg auf 392 402. Der Anteil der berufstätigen Ärztinnen erhöhte sich dabei erneut. Er belief sich Ende 2018 auf 47,2 Prozent. Ärzte ohne Gebietsbezeichnung bildeten die größte Gruppe (115 466), gefolgt von der Inneren Medizin (54 982) und der Allgemeinmedizin (43 697). Ebenfalls groß ist die Gruppe der Chirurgen (37 853), der Anästhesisten (24 970) und der Gynäkologen (18 622). Zu den kleinsten Facharztgruppen zählen Hautärzte (6 057), Urologen (6 075) und Hals-Nasen-Ohren-Ärzte (6 383).

Bezogen auf 82 792 351 Millionen Einwohner muss einer der 392 402 berufstätigen Ärzte in Deutschland im Durchschnitt rund 211 Einwohner versorgen. Es gibt dabei aber bundesweite Schwankungen: So muss sich ein Arzt in Brandenburg um 249 Menschen kümmern, während es in Hamburg lediglich 137 sind. Die meisten Bundesländer liegen über dem Schnitt. In Niedersachsen versorgt ein Arzt 242 Einwohner, in Sachsen-Anhalt 236, in Sachsen 228, in Thüringen 226, in Hessen und Schleswig-Holstein 215, in Nordrhein-Westfalen 213 und in Mecklenburg-Vorpommern 212. Bayern (202), das Saarland (196), Bremen (165), Berlin (156) und Hamburg liegen unter dem Mittel.

Berufstätige Ärztinnen und Ärzte nach Arztgruppen zum 31. Dezember 2018
Berufstätige Ärztinnen und Ärzte nach Arztgruppen zum 31. Dezember 2018
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Berufstätige Ärztinnen und Ärzte nach Arztgruppen zum 31. Dezember 2018

Die angestellten Ärzte haben sich versechsfacht

Große Veränderungen hat es im vergangenen Jahr bei den angestellten Ärzten gegeben. Die Zahl der im ambulanten Bereich angestellten Ärzte hat sich seit 1996 den BÄK-Daten zufolge fast versechsfacht. Sie stieg 2018 im Vergleich zum Vorjahr auf 39 816 (+ 10,6 Prozent). 1996 lag die Zahl noch bei 6 900 angestellten Ärzten – und 2008 bei 12 576. Den Trend zur Anstellung statt einer Zulassung untermauern auch Daten des Bundesarztregisters der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) von Ende 2018. Diese zeigen einen Anstieg von 2009 bis 2018 um 192 Prozent. Im gleichen Zeitraum ist die Zahl der Zulassungen um neun Prozent gesunken.

Kaum Veränderung bei den Krankenhausärzten

Wie die Statistik der BÄK weiter zeigt, ist die Zahl der niedergelassenen Ärzte im vergangenen Jahr um 884 auf 117 472 zurückgegangen. Dies entspricht einem Minus von 0,7 Prozent. Der Anteil der im Krankenhaus tätigen Ärzte ist hingegen bezogen auf alle ärztlich Tätigen fast unverändert geblieben und beläuft sich auf 51,4 Prozent (Vorjahr: 51,5 Prozent).

„Bund und Länder haben sich jahrelang durchgemogelt und sich darauf verlassen, dass die Ärztinnen und Ärzte es schon richten werden“, unterstrich der BÄK-Präsident. Es sei richtig, dass der ärztliche Nachwuchs dieses Spiel nicht mehr mitspiele und nicht mehr bereit sei, über seine Belastungsgrenze zu gehen. Dabei helfe ihnen auch das verschärfte Arbeitszeitgesetz, das der routinemäßigen Ausbeutung des ärztlichen Krankenhauspersonals in Endlosschichten einen Riegel vorgeschoben habe. In Anbetracht der angespannten Versorgungslage reiche es allerdings nicht mehr aus, Masterpläne anzukündigen. „Die Politik muss endlich liefern. Die einzig seriöse Antwort auf den Ärztemangel heißt: Mehr Studienplätze. Und zwar nicht irgendwann, sondern jetzt“, so Montgomery. Doch obwohl sich die Lücken in der Versorgung schon länger abzeichneten, ist die Zahl der Studierenden in der Humanmedizin seit der Wiedervereinigung deutlich zurückgegangen. Wie aus den Zahlen des Statistischen Bundesamtes hervorgeht, gab es im Wintersemester 1990/1991 noch mehr als 95 000 Studierende. Ihre Zahl sank bis zum Wintersemester 2015/2016 auf knapp unter 90 000.

Entwicklung der im ambulanten Bereich angestellten Ärztinnen/Ärzte
Entwicklung der im ambulanten Bereich angestellten Ärztinnen/Ärzte
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Entwicklung der im ambulanten Bereich angestellten Ärztinnen/Ärzte

Mehr Ärzte sind arbeitslos und in Elternzeit

Ein leichtes Plus verzeichnet die Ärztestatistik bei den Facharztanerkennungen. Im vergangenen Jahr wurden 13 336 Anerkennungen ausgesprochen. Damit lag die Zahl über den 12 947 Anerkennungen des Vorjahres. Die meisten Anerkennungen wurden mit 2 051 für die Facharztbezeichnung Innere Medizin erworben. Die Zahl der Anerkennungen in den Fächern Allgemeinmedizin sowie Innere und Allgemeinmedizin (Hausarzt) ist gegenüber dem Vorjahr von 1 415 auf 1 567 gestiegen. Daten des KBV-Bundesarztregisters zufolge gab es im vergangenen Jahr 51 803 Hausärzte. Erhöht hat sich zuletzt die Zahl der Ärzte ohne ärztliche Tätigkeit. Sie stieg laut BÄK um 2,0 Prozent auf 123 231. 85 338 davon befinden sich im Ruhestand (+ 2,6 Prozent). 7 862 sind arbeitslos (+ 0,9 Prozent) und 7 576 (+ 2,7 Prozent) befinden sich in Elternzeit.

Etwas Entlastung schafft der BÄK zufolge der Zuzug von Ärzten aus dem Ausland. Die Zahl der in Deutschland gemeldeten ausländischen Ärzte ist 2018 um rund 3 500 auf annähernd 55 000 gestiegen. Die größte Zahl berufstätiger ausländischer Ärzte kommt aus Rumänien (4 312), Syrien (3 908) und Griechenland (2 777), gefolgt von Österreich (2 309). Dem Zuzug stehen 1 941 ursprünglich in Deutschland tätige Ärzte gegenüber, die ins Ausland abgewandert sind. Die beliebtesten Auswanderungsländer sind – wie schon in den vergangenen Jahren – die Schweiz (590), Österreich (254) und die USA (105). Thorsten Maybaum

Berufstätige Ärztinnen und Ärzte nach Arztgruppen zum 31. Dezember 2018
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Berufstätige Ärztinnen und Ärzte nach Arztgruppen zum 31. Dezember 2018
Entwicklung der im ambulanten Bereich angestellten Ärztinnen/Ärzte
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Entwicklung der im ambulanten Bereich angestellten Ärztinnen/Ärzte

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