ArchivDeutsches Ärzteblatt15/2019Hochwertige Studien in der Komplementär- und Alternativmedizin notwendig
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Die Autoren beschreiben eine Studie zur Behandlung von chronischen Rückenschmerzen mit Blutegeln (1). Komplementärmedizinische klinische Forschung ist sicher begrüßenswert, jedoch muss auf die Qualität geachtet werden. Primärer Kritikpunkt an der Studie ist die nicht ausgewogene Symptomlast der Patienten zwischen den Gruppen. Während in der Kontrollgruppe > 90 % bereits negative Erfahrungen mit Verfahren der Komplementär- und Alternativmedizin gemacht hatten, lag dieser Anteil in der Verumgruppe bei 50 %. Zusätzlich bestand in der Kontrollgruppe vor der Intervention ein wesentlich höherer Medikamentenverbrauch.

Ein weiterer Kritikpunkt betrifft den Statistikplan der Autoren, der keinerlei Angaben zu Zielgrößen enthält. Je mehr Skalen und Fragebögen verwendet werden, desto mehr Unschärfen entstehen. Der Bias in der Beurteilung des Effekts wird auch nicht dadurch kleiner, dass die Autoren ihn wegzupostulieren suchen.

Patienten, die an einer Studie teilnehmen, investieren viel: Zeit, Hoffnung, Verzicht auf eine andere Therapie außerhalb der Studie. Es muss sichergestellt werden, dass diese Investition sinnvoll ist, indem die Studie für die Patienten gute Therapien in allen Armen beinhaltet und indem sie durch ihr Ergebnis zum Erkenntnisgewinn beiträgt. Eine Arrodierung der klugen Vorgehensweisen der evidenzbasierten Medizin schadet allen medizinischen Fachrichtungen und erhöht die Unsicherheit und das Misstrauen von Patienten gegenüber Ärzten und „dem System“.

Auch führt die Publikation (und Anerkennung) von Studien geringer Qualität im Bereich der Komplementärmedizin zu einer systematischen Abwertung des Faches (2), was im Extrembeispiel seit der Schaffung der Besonderen Therapierichtungen und damit dem Verzicht auf einen Nachweis der Wirksamkeit einer Therapie dazu geführt hat, dass eine qualitativ hochwertige Forschungskultur in der Komplementärmedizin nur schwer zu entwickeln ist.

DOI: 10.3238/arztebl.2019.0268b

Prof. Dr. med. Jutta Hübner
Universitätsklinikum Jena
Klinik für Innere Medizin II
Hämatologie und Internistische Onkologie
jutta.huebner@med.uni-jena.de

Prof. Dr. med. Oliver Micke
oliver.micke@franziskus.de

Prof. Dr. med. Jens Büntzel
Jens.buentzel@shk-ndh.de

Interessenkonflikt

Prof. Büntzel ist Mitglied der AG „Prävention und integrative Onkologie“ (PRIO) der Deutschen Krebsgesellschaft.

Die übrigen Autoren erklären, dass kein Interessenkonflikt besteht.

1.
Hohmann CD, Stange R, Steckhan N, Robens S, Ostermann T, Paetow A, Michalsen A: The effectiveness of leech therapy in chronic low back pain—a randomized controlled trial. Dtsch Arztebl Int 2018; 115: 785–92 VOLLTEXT
2.
Huebner J, Micke O, Muecke R, Prott FJ, Stoll C, Muenstedt K: Comparison of reviews in complementary and alternative medicine (CAM) in oncology: do results depend on methodology? Trace Elem Electrolytes 2013; 30: 139–45 CrossRef
1.Hohmann CD, Stange R, Steckhan N, Robens S, Ostermann T, Paetow A, Michalsen A: The effectiveness of leech therapy in chronic low back pain—a randomized controlled trial. Dtsch Arztebl Int 2018; 115: 785–92 VOLLTEXT
2.Huebner J, Micke O, Muecke R, Prott FJ, Stoll C, Muenstedt K: Comparison of reviews in complementary and alternative medicine (CAM) in oncology: do results depend on methodology? Trace Elem Electrolytes 2013; 30: 139–45 CrossRef

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