ArchivDeutsches Ärzteblatt PP4/2019Sexueller Kindesmissbrauch: Weiter wirksam bekämpfen

EDITORIAL

Sexueller Kindesmissbrauch: Weiter wirksam bekämpfen

PP 18, Ausgabe April 2019, Seite 145

Bühring, Petra

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Sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen zu verhindern, muss nach wie vor im Fokus der verantwortlichen Stellen von Politik und Gesellschaft stehen. Der aktuelle Missbrauchsfall auf einem Campingplatz im Westfälischen Lügde zeigt, wie schlecht die Zusammenarbeit zwischen Jugendämtern, Polizei, Kitas und Schulen immer noch funktioniert, wenn genügend kriminelle Energie, Inkompetenz oder Gleichgültigkeit im Spiel ist. Über Jahre wurden dort Kinder sexuell missbraucht und endsprechendes Material ins Internet gestellt. Der Hauptverdächtige durfte sogar Pflegevater eines kleinen Mädchens werden. Laut Polizeilicher Kriminalstatistik wurden 2017 rund 13 500 Kinder und Jugendliche Opfer von sexualisierter Gewalt und Ausbeutung. Die Dunkelziffer dürfte viel höher sein. Die Welt­gesund­heits­organi­sation geht für Deutschland von einer Million betroffener Mädchen und Jungen aus. Sexueller Missbrauch in der Kindheit belastet die Betroffenen meist ein Leben lang – viele begeben sich als Erwachsene in psychotherapeutische Behandlung.

Es ist deshalb gut, wenn mit der dauerhaften Einrichtung des Amtes des Unabhängigen Beauftragten für Fragen des Sexuellen Kindesmissbrauchs und des Betroffenenrates auf bundespolitischer Ebene ein Zeichen gesetzt wird. Bun­des­fa­mi­lien­mi­nis­terin Franziska Giffey hat gerade Johannes-Wilhelm Rörig für die nächsten fünf Jahre in diesem Amt bestätigt. Auch die Unabhängige Aufarbeitungskommision soll ihre Arbeit zunächst bis Ende 2023 fortsetzen. Rörig, dem das Amt im Dezember 2011 übertragen wurde, hat mit seinem Team kompetent und themensensibel getan, was ihm auf dieser Stelle möglich war. Doch nur durch die enge Kooperation und Vernetzung aller gesamtgesellschaftlichen Kräfte wird man Missbrauch wirksam bekämpfen können, das weiß auch der Missbrauchsbeauftragte. Er fordert deshalb zum einen die Länder auf, zügig ebenfalls Missbrauchsbeauftragte zu installieren, weil viele Zuständigkeiten in den Bereichen Prävention und Intervention auf Landesebene stattfinden, dort aber nach Ansicht von Rörig „noch sehr unkoordiniert“. Das hat der Fall in Lügde gerade wieder gezeigt. Zum anderen soll ab November dieses Jahres zusätzlich zu den bestehenden Gremien ein „Nationaler Rat gegen sexuelle Gewalt an Kindern und Jugendlichen“ einberufen werden. Ziel ist, gemeinsam mit Experten aus Bund und Ländern, Wissenschaft und Fachpraxis, dem Betroffenenrat und der Aufarbeitungskommission „wirksame und ressortübergreifende Vorhaben hinsichtlich Prävention, Schutz und Hilfen“ zu erarbeiten und zu erforschen. Der Ansatz klingt gut – die Ergebnisse bleiben abzuwarten.

Kooperation und Kommunikation in Belangen des Kinderschutzes sind auch zwischen dem Gesundheitswesen und der Jugendhilfe nach wie vor noch optimierungsbedürftig. Ärzte und Psychotherapeuten sprechen häufig nicht die gleiche Sprache wie die Jugendamtsmitarbeiter oder haben gar keinen Kontakt, wenn es notwendig wäre. Die mit dem Bundeskinderschutzgesetz 2012 eingeführte Möglichkeit, bei Verdachtsfällen auf Kindeswohlgefährdung eine „insoweit erfahrene Fachkraft“ beim Jugendamt zu kontaktieren, wird nur von wenigen wahrgenommen. Zwischengeschaltet ist deshalb seit knapp zwei Jahren die „Medizinische Kinderschutzhotline“, die auch Psychotherapeuten bei allen Fragen anrufen können: 0800 19 210 00.

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