ArchivDeutsches Ärzteblatt PP4/2019Reform der Psy­cho­thera­peuten­aus­bildung: Nachbesserungen notwendig

POLITIK

Reform der Psy­cho­thera­peuten­aus­bildung: Nachbesserungen notwendig

PP 18, Ausgabe April 2019, Seite 155

Bühring, Petra

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Die Psychotherapeuten begrüßen den Kabinettsentwurf für ein Ausbildungsreformgesetz grundsätzlich. Mit einzelnen Punkten sind sie jedoch nicht einverstanden, vor allem fehlt eine zusätzliche Finanzierung der ambulanten Weiterbildung. Ein Überblick.

Vielfältige Reaktionen hat der am 27. Februar vom Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn vorgelegte und mit dem Kabinett abgestimmte Entwurf für ein Psycho­therapeuten­ausbildungs­reform­gesetz in Fachkreisen hervorgerufen. Die Bundes­psycho­therapeuten­kammer (BPtK) betont, dass „der bisherige Sonderweg, der den Zugang zur Ausbildung ungenügend regelt und unseren Nachwuchs in eine prekäre Lebenslage zwingt, beendet wird“, betonte Präsident Dr. rer. nat. Dietrich Munz unmittelbar nach Vorlage des Gesetzentwurfes. Änderungsbedarf in einzelnen Punkten skizzierte er beim 34. Deutschen Psychotherapeutentag in Koblenz (siehe Seite 151).

Auch die psychotherapeutischen Berufsverbände fordern Nachbesserungen in bestimmten Punkten. Einig sind sich alle, dass der Entwurf einer Approbationsordnung möglichst bald vorgelegt werden sollte, um den Gesetzentwurf umfassend einschätzen zu können. Einige Berufsverbände haben sich explizit zu Änderungen im Kabinettsentwurf zu Wort gemeldet. Die Reform der Psy­cho­thera­peuten­aus­bildung sieht Änderungen vor allem im Psychotherapeutengesetz (PsychThG) und im Sozialgesetzbuch (SGB) V vor. Zur besseren Übersicht wird jeweils auf die Paragrafen zu den umstrittenen Punkten verwiesen.

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  • Berufsbezeichnung § 1, Abs. 1 PsychThG: Die Bezeichnung „Psychotherapeutin/Psychotherapeut“ kann künftig von allen nach dem PsychThG Approbierten und auch von Ärztinnen und Ärzten verwendet werden. Der Zusatz „ärztlich“ kann von Letzteren optional ergänzt werden.

Der Bundesverband der Vertragspsychotherapeuten (bvvp), ein mit ärztlichen und Psychologischen Psychotherapeuten gemischter Verband, begrüßt, dass Ärzte weiterhin den Titel Psychotherapeut tragen können und dass der Zusatz „ärztlich“ nicht obligatorisch verwendet werden soll. Ähnlich äußert sich die ebenfalls gemischte Deutsche Gesellschaft für Psychoanalyse, Psychotherapie, Psychosomatik und Tiefenpsychologie (DGPT). Sie kritisiert aber, dass die Berufsbezeichnung „durch die Breite der Verwendung inhaltlich wenig bestimmt bleibt“. Die Deutsche PsychotherapeutenVereinigung (DPtV) findet die neue Berufsbezeichnung hingegen „stimmig“, weil der Begriff bereits im allgemeinen Sprachgebrauch verwendet werde und dadurch deutlich würde, dass es sich bei PP und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten (KJP) um eine einheitliche Berufsgruppe handelt. Der Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen (BDP) fordert hingegen, dass die Berufsbezeichnung Psychologischer Psychotherapeut nicht aufgegeben werden sollte. „Psychologie bildet heute und in Zukunft die wissenschaftliche Basis für die Psychotherapie – diese sollte sich auch in der Berufsbezeichnung wiederfinden, fordert Prof. Dr. phil. Michael Krämer, Präsident des BDP.

  • Berufsausübung (Legaldefinition) § 1, Abs. 2 PsychThG: Ausübung der heilkundlichen Psychotherapie ist jede mittels wissenschaftlich geprüfter und anerkannter psychotherapeutischer Verfahren vorgenommene Tätigkeit zur Feststellung, Heilung oder Linderung von Störungen mit Krankheitswert.

Die BPtK fordert eine andere Legaldefinition. Die vorliegende sei „ein nicht akzeptabler Eingriff in die berufliche Selbstverwaltung und in unsere Berufshoheit“, sagte BPtK-Präsident Munz beim Psychotherapeutentag. Behindert werde die wissenschaftliche Forschung und die Weiterentwicklung der Profession. Die BPtK schlägt folgende Änderung des Paragrafen vor: „Ausübung der Heilkunde ist jede berufsmäßig vorgenommene Tätigkeit zur Feststellung von psychischen Erkrankungen sowie zur Heilung oder Linderung von Störungen mit Krankheitswert, bei denen Psychotherapie indiziert ist.“

Auch die DPtV fordert eine offenere Legaldefinition. „Für die Beschreibung der beruflichen Tätigkeit ist dies sehr eng“, sagte Bundesvorsitzende Barbara Lubisch bei einer Pressekonferenz des Verbandes. Zwar sei es richtig, dass in der psychotherapeutischen Behandlung gesetzlich krankenversicherter Patienten nur wissenschaftlich anerkannte Verfahren zur Anwendung kommen dürften. Die Breite des Berufsbildes umfasse aber mehr, etwa die Erforschung von Innovationen, die Erstellung von Gutachten oder die Prävention. „Dies muss sich in der Definition des Berufes wiederfinden“, fordert Lubisch. Dass die Heilkundeerlaubnis nicht auf die Behandlung gesetzlich Krankenversicherter beschränkt sein sollte, ist auch ein Anliegen des bvvp. Den künftigen Psychotherapeuten sollte es möglich sein, „neue Verfahren, Methoden und Techniken zu entwickeln, zu erforschen und anzuwenden, wie dies auch bei anderen Heilberufen möglich ist“. Die DGPT hingegen findet die Bezugnahme auf wissenschaftlich anerkannte psychotherapeutische Verfahren sehr wichtig. „Das bedeutet für die Aus- und Weiterbildung eine unabdingbare Vorgabe“, heißt es in der Stellungnahme des Verbandes.

  • Dauer, Struktur und Durchführung des Studiums, § 9, PsychThG: Das Studium der Psychotherapie darf nur an Universitäten oder diesen gleichgestellten Hochschulen angeboten werden. Es dauert in Vollzeit fünf Jahre und ist in einen Bachelor- und einen darauf aufbauenden Masterstudiengang aufgeteilt.

Vor allem die Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten lehnen eine ausschließliche Verortung des Studiums an den Universitäten ab. Sie fordern, die zu beteiligen, die auch bisher die meisten KJP vorgebildet haben. Die Hochschulen für angewandte Wissenschaften (HAW) „können in besonderer Weise die notwendige Verknüpfung von Forschung, Lehre und Praxis gewährleisten“, heißt es in einem „Appell“ des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten (bkj) und der Vereinigung Analytischer Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten (VAKJP), der von zehn weiteren Verbänden unterstützt wird. Der bkj stellt in eigener Stellungnahme zudem infrage, dass an den Universitäten „angesichts der Dominanz der Verhaltenstherapie an den Psychologiefakultäten“ alle wissenschaftlich anerkannten Psychotherapieverfahren gleichermaßen mit Strukturqualität gelehrt werden könnten. An den HAW hingegen seien „sehr wohl andere psychotherapeutische Verfahren im Lehrpersonal vorhanden“. Auch der bvvp fordert, dass die HAW die Möglichkeit erhalten sollten, einen Approbationsstudiengang anzubieten, sofern sie eine hochwertige akademische Strukturqualität erfüllten. Das ist auch im Sinne der BPtK, wenn diese gleichwertige Voraussetzungen anbieten könnten. Zudem müsse eine längere Dauer des Studiums möglich sein, sodass noch ein Praxissemester absolviert werden könnte.

Die DPtV hält eine Dauer von mindestens fünf Jahren Studium für sinnvoll. „Dies würde die Möglichkeit eröffnen, ein elftes Semester einzuführen, das als Praxissemester in einer stationären Einrichtung der Regelversorgung abzuleisten ist“, betonte Lubisch. Auch der bvvp bezeichnet die vorgesehenen praktischen Qualifizierungsanteile als „nicht ausreichend“ und fordert ein zusätzliches Praxissemester. Zudem sollte die erklärte Absicht des Gesetzgebers, die Vielfalt der Psychotherapieverfahren schon im Studium zu gewährleisten, im Gesetz eindeutig formuliert werden. Bkj und VAKJP wollen sichergestellt sehen, dass im Studium hinreichend Praxisanteile in allen Altersgruppen durchgeführt werden: „Nur dann ist eine altersumfassende Approbation als Psychotherapeut gerechtfertigt“, heißt es in dem Appell.

Die DGPT fordert die Ergänzung der Studieninhalte um ein praktisches Jahr. „Die vorgesehenen Praxisanteile reichen nicht aus, um die Erteilung einer Approbation nach dem Studium zu rechtfertigen.“ Darüber hinaus fehle die Vorgabe einer Strukturqualität der Verfahrenslehre und der berufspraktischen Einsätze. Hochschullehrer sollten über eine Fachkunde in dem von ihnen unterrichteten Psychotherapieverfahren verfügen, so der Verband. Zudem kritisiert die DGPT, dass „eine Rückkehr der Psychoanalyse an die Hochschulen durch dieses Gesetz nicht gewährleistet ist“. Dazu bedürfe es klarerer Vorgaben für eine künftige Approbationsordnung.

  • Weiterführen alter Berufsbezeichnungen § 26 PsychThG: Die bisherigen Berufsbezeichnungen PP und KJP sollen beibehalten werden. Letztere sollen ausschließlich Patienten bis zum 21. Lebensjahr behandeln dürfen.

Die Bundes­psycho­therapeuten­kammer und alle Berufsverbände fordern, dass Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten, die nach alter Approbationsordnung die Ausbildung abgeschlossen haben, die Möglichkeit erhalten, berufsrechtlich über alle Altersbereiche heilkundlich tätig zu sein. Vorstellbar seien zum Beispiel Nachqualifizierungen oder Anpassungslehrgänge zum Erwerb der fehlenden Kompetenzen in der Erwachsenenbehandlung.

  • Abschluss begonnener Ausbildung § 27 PsychThG: Die Übergangsfristen für Studienanfänger vor Inkrafttreten des Reformgesetzes betragen zwölf Jahre.

Die Berufsverbände fordern einhellig eine Verlängerung der Übergangsfristen, damit begonnene Ausbildungen abgeschlossen werden können. Der bvvp ebenso wie die DGPT fordern eine Frist von 15 Jahren, damit diejenigen, die ihre Ausbildung nach dem alten Psychotherapeutengesetz begonnen haben, diese ohne Zeitdruck beenden können. Ebenso sollten Härtefallregelungen vorgesehen werden.

  • Ambulante Weiterbildung § 117 Abs. 3, SGB V: Ambulanzen an Einrichtungen, die für die Weiterbildung zugelassen sind, sollen zur ambulanten psychotherapeutischen Behandlung von Versicherten ermächtigt werden.

Der Gesetzentwurf leiste mit der Ermächtigung der Ausbildungsinstitute zur ambulanten Weiterbildung einen sehr wichtigen Beitrag zur Qualität der Ausbildung, betont die DPtV. So könne die Koordinierung der Weiterbildung und die Verbindung von angeleiteter Therapie mit Supervision, Theorie und Selbsterfahrung unter dem Dach der Weiterbildungsinstitute gewährleistet werden. Bedauerlich sei allerdings, dass im Gesetzentwurf nur die Vergütung der Weiterbildungstherapien vorgesehen ist. Die Kosten für das Betreiben der Ambulanz und für die übrigen Weiterbildungsanteile wie Supervision, Theorie und Selbsterfahrung seien so nicht zu erwirtschaften. Das sehen auch die anderen Verbände so: „Die Folge ist, dass weiterhin ein erheblicher Selbstfinanzierungsanteil der Weiterbildungsteilnehmer an den Kosten droht“, heißt es vom bvvp, der deshalb „die Sicherstellung einer soliden Finanzierung“ der Weiterbildung fordert. Die DGPT fordert eine Zusatzfinanzierung der ambulanten Weiterbildung analog zu § 75 a SGB V. Darin ist geregelt, dass die Kassenärztlichen Vereinigungen und die Krankenkassen die Kosten der Förderung für die ambulante Weiterbildung in der Allgemeinmedizin je zur Hälfte tragen. Die DPtV schlägt vor, Psychotherapie-spezifische Regelungen zur Finanzierung in einen neuen § 75 b SGB V zu verorten. Der 34. Deutsche Psychotherapeutentag fordert in einer Resolution eine Weiterbildung ohne eine Selbstbeteiligung durch die angehenden Psychotherapeuten. Dafür sei ein gesetzlich geregelter Zuschuss notwendig, der Psychotherapeuten in Weiterbildung ein Einkommen in Höhe des Tarifgehalts in Krankenhäusern sichert. Petra Bühring

Berufsgruppenübergreifende koordinierte Versorgung

Mit dem Kabinettsentwurf zur Psychotherapieausbildungsreform wird der Gemeinsame Bundes­aus­schuss (G-BA) beauftragt, in einer Ergänzung der Psychotherapierichtlinie, „Regelungen für eine berufsgruppenübergreifende, koordinierte und strukturierte Versorgung sowie zur weiteren Förderung der Gruppentherapie und der weiteren Vereinfachung des Gutachterverfahrens“ zu erarbeiten. (§ 92 Abs. 6 a SGB V). Ein etwas anders formulierter, aber in der Sache vergleichbarer Passus war zuvor, nach massiven Protesten und einer erfolgreichen Bundestagspetition, aus dem Terminservice- und Versorgungsgesetz gestrichen worden. In demselben § 92 Abs. 6 a soll ergänzt werden, dass der G-BA dabei Regelungen treffen kann, „die diagnoseorientiert und leitliniengerecht den Behandlungsbedarf konkretisieren“.

In einer gemeinsamen Pressemitteilung fordern 23 psychotherapeutische Berufs- und Fachverbände eine „Präzisierung“ des Auftrags an den G-BA zur Ergänzung der Psychotherapierichtlinie. „Es sollte deutlich gemacht werden, dass für die geplante berufsgruppenübergreifende strukturierte Versorgung leitliniengerecht bestimmte Diagnosen auszuwählen sind“, heißt es. Keinesfalls sei es aber sachgerecht, Behandlungsumfang, -intensität und -art für jede Diagnose festzulegen. Überrascht zeigen sich die Verbände von der Verortung dieser berufsgruppenübergreifenden Regelung in einem Gesetz, das die berufsrechtlichen Belange einer spezifischen Berufsgruppe betrifft.

Neben den Verbänden begrüßt auch die Bundes­psycho­therapeuten­kammer eine bessere berufsgruppenübergreifende Versorgung für schwer psychisch Kranke nachdrücklich. „Psychotherapeuten könnten ihre koordinierenden Aufgaben künftig noch umfassender wahrnehmen, wenn sie zusätzlich neben Soziotherapie auch Ergotherapie und Psychiatrische Krankenpflege verordnen dürften, erklärt die Kammer. Diese Befugnisse sollten deshalb nicht nur den nach dem neuen Gesetz ausgebildeten Psychotherapeuten zustehen, sondern auch den derzeit Versorgenden.

Was sich in der Ausbildung ändert

Kernstück der Reform der Psy­cho­thera­peuten­aus­bildung ist ein fünfjähriges Hochschulstudium der Psychotherapie, das aus einem dreijährigen Bachelorstudium und einem zweijährigen Masterstudiengang an einer Universität oder gleichgestellten Hochschule besteht. Hochschulische Lehre und berufspraktische Einsätze sollen in einer – noch ausstehenden – Approbationsordnung näher vorgegeben werden.

Damit wird künftig zugunsten eines Direktstudiums auf die postgraduale Ausbildungsstruktur für Psychologische Psychotherapeuten und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten verzichtet und eine verfahrensbreite Ausbildung zum/zur „Psychotherapeut/-in“ eingeführt. Die Approbation nach einer bundeseinheitlichen staatlichen Prüfung kann künftig bereits nach dem Psychotherapiestudium erworben werden. In der anschließenden Weiterbildung zum „Fachpsychotherapeuten“ werden die Fachkunde in einem wissenschaftlich anerkannten psychotherapeutischen Verfahren erworben sowie Schwerpunkte in der Behandlung von Erwachsenen beziehungsweise Kindern und Jugendlichen gesetzt. Danach kann der Eintrag in das Arztregister erfolgen und die Zulassung zur vertragsärztlichen Versorgung beantragt werden. Die ambulante Weiterbildung soll an den bewährten Ausbildungsinstituten und -ambulanzen erfolgen, die dann in Weiterbildungsinstitute umbenannt werden. Die stationäre Weiterbildung soll künftig im Rahmen eines Angestelltenverhältnisses mit einer entsprechenden Vergütung erfolgen. Aufgrund der in der neuen Aus- und Weiterbildung vermittelten Kenntnisse erhalten künftige Fachpsychotherapeuten zudem Befugnisse zur Verordnung von Ergotherapie und psychiatrischer Krankenpflege.

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