ArchivDeutsches Ärzteblatt PP4/2019Ausbildungsreform: Zugang zum Beruf für sozioemotional offene Menschen
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Zur Ausbildungsreform möchte ich gerne folgende Erfahrungen und Gedanken mitteilen. Seit zwölf Jahren gebe ich Seminare zur Psychotherapie von Schizophrenie mit Erwachsenen sowie Kindern und Jugendlichen an Ausbildungsinstituten.

Erlauben Sie mir einen Exkurs zum Thema Stigmatisierung aus unten genanntem Grund. Bekanntlich stigmatisieren Angehörige aller in der Psychiatrie tätigen Berufsgruppen Menschen mit schizophrenen Störungen in gleichem Maße wie die Gesamtbevölkerung. Stigmatisierung insgesamt verstärkte sich, wie 2013 festgestellt wurde. (...)

Bei den Seminaren, die ich gebe, traf ich neben vielen hoch interessierten und engagierten Ausbildungsteilnehmern auch manche, die die therapeutische Arbeit mit an schizophrenen Störungen Leidenden eher vermeiden zu wollen schienen. Manche stellten die Möglichkeit der Psychotherapie der Schizophrenie trotz aller gegenteiligen wissenschaftlichen Ergebnisse grundsätzlich infrage. An einem Institut, das die Zugangsschwelle hinsichtlich der Vorbildung niedriger hielt, begegnete mir diese Stigmatisierung von Menschen mit Schizophrenie durch Psychotherapeuten jedoch nie! Hier fanden sich angehende Kolleginnen und Kollegen, die bei unterschiedlichen vorausgehenden beruflichen Tätigkeiten ihre Begabung für die Psychotherapie erlebt haben. Daher hoffe ich, dass diesen angehenden Psychotherapeuten aus einem breiteren Spektrum an Vorbildungen, wissenschaftlich vielleicht nicht immer so hoch qualifizierten, aber sozioemotional häufig offeneren Menschen zumindest der Zugang zum Beruf des Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten erhalten bleibt. Ohne Zweifel kann natürlich auch ein guter Psychotherapeut oder Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut werden, wer Menschen mit schizophrenen Störungen nicht behandeln möchte. Mir ist es, wie vielen anderen, aber auch ein Anliegen, dass Psychotherapie bei Menschen mit schizophrenen Störungen genauso erfolgt wie bei anderen Störungen. Daher hoffe ich, dass das neu zu entwickelnde Studium der Psychotherapie offen bleiben wird für Menschen mit den genannten Qualitäten. Das aus anderen sozialen und pädagogischen Berufen bekannte Problem, dass die Befähigung zum Beruf an der Universität nicht immer festgestellt oder vermittelt werden kann, wird dann das Studium der Psychotherapie stärker betreffen, weil der Beginn in einem jüngeren Alter erfolgt. Wird es gelingen, bei der Konzipierung dieses neuen Studiengangs zum Psychotherapeuten, Auswahlkriterien zu finden, die dieses Problem verringern?

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Dr. rer. medic. Michael J. Hemmerle, 12587 Berlin

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