ArchivDeutsches Ärzteblatt PP4/2019Ausbildungsreform: Gesetzgeber nimmt zentrale Forderungen nicht auf
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Wenn das DÄ/PP titelt „Start im Wintersemester 2020“ ist das ein Affront gegen das im Grundgesetz verankerte Gesetzgebungsverfahren – Gesetze werden nicht vom Kabinett, sondern vom Bundestag verabschiedet (und in diesem Fall ist Zustimmung des Bundesrats erforderlich).

Der vorliegende Kabinettsentwurf nimmt zentrale Forderungen der vom Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter wiederholt eingeforderten Expertise der Psychotherapeutenschaft nicht auf. So ist der Anteil der Praxiseinsätze (Arbeit mit Patienten/-innen) im Approbationsstudium völlig unzureichend, die erteilte Approbation entspräche damit nicht den Erfordernissen der Patientensicherheit. Weiterhin sind Mindeststandards der Qualität der Lehre aufgrund einer fehlenden Regelung zur Fachkunde der Hochschullehrer/-innen in dem von ihnen unterrichteten Psychotherapieverfahren nicht erfüllt. Auf diese Weise wird die bereits seit Langem herrschende Dominanz der Verhaltenstherapie an den psychologischen Fakultäten weiter zementiert.

Drastischer noch ist der Umstand, dass die notwendige Finanzierung der ambulanten Weiterbildung nach dem Studium, trotz – intensiver Verhandlungen im Vorfeld und von der Bundes­psycho­therapeuten­kammer vorgelegter Gutachten – weiterhin nicht bundesgesetzlich geregelt ist. Auf dieser Grundlage könnten die bisherigen Ausbildungs- und künftigen Weiterbildungsinstitute die angehenden Fachpsychotherapeuten/-innen nicht adäquat entlohnen. Dies gilt umso mehr für die Institute, die psychoanalytische begründete Verfahren lehren, da hier, bedingt durch die notwendige Supervision und Lehranalyse bzw. -therapie im Einzelsetting, höhere Kosten entstehen.

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Damit stehen wir vor einem Gesetzentwurf, der die Beschlüsse des 25. Deutschen Psychotherapeutentags zum Direktstudium und der Weiterbildung konterkariert. Bedroht sind nicht nur die Patientensicherheit und die Strukturqualität der Lehre im Approbationsstudium, sondern auch die psychotherapeutische Versorgung durch Fachpsychotherapeuten/-innen. Schon in den letzten zehn Jahren entfielen im Bereich der Erwachsenenpsychotherapie 81 Prozent der Approbationen auf die Verhaltenstherapie, der verbleibende Rest auf die psychoanalytisch begründeten Verfahren (im Bereich Kinder und Jugendliche sind es 70 Prozent).

Der vorliegende Gesetzentwurf ist geeignet, die Weiterbildungsteilnehmer/-innen auszubeuten und die künftigen Weiterbildungsinstitute in den Ruin zu treiben. Eigentlich hatte die Reform ursprünglich das Ziel, die unhaltbaren Zustände an den Psychologischen Fakultäten (55 von 56 sind verhaltenstherapeutisch orientiert) zu verändern und die wirtschaftliche Situation der Ausbildungsteilnehmer (insbesondere während der praktische Tätigkeit) zu verbessern … qui bono?

Dr. phil. Jürgen Thorwart, 85375 Neufahrn

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