ArchivDeutsches Ärzteblatt PP4/2019Interview: Entfernt von Berufswirklichkeit
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Wieder einmal erlaubt sich jemand, die Behauptung aufzustellen, dass Psychotherapeuten/-innen sich die Patienten/-innen danach „aussuchten“, wo sie sich einen „therapeutischen Erfolg“ versprächen. Womit kann er diese Behauptung belegen? Diese geht in die Richtung à la Spahn nach Lütz, welche uns unterstellen, wir suchten uns die „leichten“ Fälle heraus und ließen die wirklich leidenden Menschen vor der Türe stehen. All dies entbehrt jeder Wahrheit und Berufswirklichkeit. Abgesehen davon, dass wir schon laut unserer Berufsordnung nur behandeln dürfen, wenn wir auch mit einem Therapieerfolg rechnen, gibt es weder die Möglichkeit noch die Neigung in der Psychotherapeutenschaft, es sich gemütlich zu machen. Sie negieren damit all die hohe Fachkompetenz und das Engagement, das wir in schwerst leidende, oft komplex traumatisierte, oft schwer chronifizierte Menschen investieren. Sie negieren damit, dass den Menschen nicht an der Stirn anzusehen ist, was sich hinter ein paar Schlafstörungen oder depressiven Symptomen verbergen kann. Sie negieren damit auch den harten Kampf, den Patienten sich für ihre Genesung mit unserer Hilfe aussetzen. Sie negieren damit auch, dass wir hoch anspruchsvolle Beziehungs- und Bindungsarbeit leisten und niemanden rauswerfen, wenn sich dann doch nach einigen Sitzungen Abgründe aufzeigen. Und Sie negieren damit auch die Wirklichkeit der Psychotherapierichtlinien, die uns auch in schwersten Fällen zwingt, die Therapie in aller Regel völlig unabhängig von der akuten Symptomatik und der therapeutischen Erreichbarkeit nach einer manchmal im Verhältnis erbärmlich geringen Stundenzahl für zwei Jahre zu unterbrechen. Zeigen Sie mir den Gutachter, bei dem man nicht an die Decke des Genehmigungsfähigen stößt! Sie negieren damit auch, dass unsere ausführlichen und nahezu unbezahlt erstellten Befunde, Diagnosen und Therapieempfehlungen von Krankenkassen und Kliniken in aller Regel ignoriert werden. (...)

Stattdessen dann sollen wir laut Stefan Weinmann auch noch aus unseren Therapiezimmern raus, um Netzwerkarbeit zu betreiben etc. Wir müssten dafür noch weniger Sitzungen in unserem Wochenplan haben und sind dafür auch nicht qualifiziert. Wie sinnvoll ist das denn? Niemand bezahlt uns für fachfremde Sozialarbeit. Dafür gibt es absolut kompetente Stellen vom sozialpsychiatrischen Dienst über Soziotherapie bis zu Jugendämtern und Betreuungsanbietern. Auf diese weisen wir tatsächlich hin. Und viele von uns sind tatsächlich neben den Therapiesitzungen und der Praxisarbeit noch bei runden Tischen, Koordinierungstreffen und gemischten Inter- und Supervisionsgruppen aktiv. Den hohen Bedarf an Psychotherapie werden wir ganz sicher nicht besser dann erfüllen, wenn wir uns darüber hinaus mit zeitraubender und fachfremder Arbeit aus unseren Therapiezimmern entfernen.

Natürlich könnte der Austausch noch besser funktionieren. Dafür müsste aber auch endlich einmal unsere Berufswirklichkeit mit unseren fantastischen Möglichkeiten ebenso wie ihren grauenvollen Begrenzungen endlich einmal gesehen und begriffen werden.

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Stephanie Shirazi, 56566 Neuwied

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