ArchivDeutsches Ärzteblatt PP4/2019Pseudogesunde Patienten: Weitere Forschung notwendig

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Pseudogesunde Patienten: Weitere Forschung notwendig

PP 18, Ausgabe April 2019, Seite 180

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Im Rahmen von Psychotherapien werden Selbstbeurteilungsinstrumente eingesetzt, um die psychische Symptombelastung des Patienten festzustellen. Es gibt jedoch eine Gruppe an Patienten, die ihre Symptombelastung genauso einschätzen wie Probanden aus der Allgemeinbevölkerung. Da über diese „Pseudogesunden“ oder „Testnormalen“ nur wenig bekannt ist, haben deutsche und Schweizer Psychotherapeuten und Psychiater um Carsten Spitzer vom Asklepios Fachklinikum Tiefenbrunn 6 585 stationäre Psychotherapiepatienten untersucht und klassifizierten 16 Prozent als „pseudogesund“. Diese Teilnehmer gaben signifikant weniger interpersonale und strukturelle Schwierigkeiten an und waren geringfügig jünger als die „belasteten“ Patienten. Weitere Unterschiede bestanden jedoch nicht, was es erschwert, Pseudogesunde von anderen Patienten zu differenzieren.

Nach den Autoren können Pseudogesunde ihren Zustand mithilfe von Selbstbeurteilungsskalen nicht adäquat wiedergeben. Gründe dafür können eine ausgeprägte Alexithymie, eine verzerrte Selbstwahrnehmung, ein Mangel an Introspektionsfähigkeit oder Verleugnung und ein repressiver Bewältigungsstil sein. Da aus diesem Grund ihre Behandlungsbedürftigkeit nicht ausreichend abgebildet wird, drohen eine unzureichende Versorgung und die Verfälschung von Psychotherapiestudien. „Wenn Psychotherapiepatienten in Selbstbeurteilungsverfahren, die im klinischen Alltag und in der Psychotherapieforschung zur Statusdiagnostik häufig eingesetzt werden, eine geringe Symptombelastung angeben, ist Skepsis geboten“, sagen die Autoren. Sie empfehlen den ergänzenden Einsatz von Fremdbeurteilungsinstrumenten und halten weitere Forschung für nötig, um Pseudogesunden diagnostisch und therapeutisch besser begegnen zu können. ms

Spitzer C, Masuhr O, Jaeger U, Euler S: Pseudogesunde. Psychotherapeut 2018; 63 (6): 483–490.

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