ArchivDeutsches Ärzteblatt PP4/2019Kinder und Schule: Häufigere ADHS-Diagnose nach früher Einschulung

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Kinder und Schule: Häufigere ADHS-Diagnose nach früher Einschulung

PP 18, Ausgabe April 2019, Seite 180

Meyer, Rüdiger

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Wird bei einigen Kindern die Diagnose einer Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) nur deshalb gestellt, weil sie im falschen Monat geboren wurden? Eine Studie im New England Journal of Medicine zeigt, dass die ADHS in den USA bei August-Kindern zu einem Drittel häufiger diagnostiziert wird als bei Kindern, die einen Monat später geboren werden. Der Grund ist der Stichtag für die Einschulung, in vielen US-Staaten der 1. September.

Die Zahl der ADHS-Diagnosen bei Kindern ist in den USA in den letzten Jahrzehnten dramatisch angestiegen. Nach einer Umfrage aus dem Jahr 2016 werden mehr als 5 Prozent aller Kinder im Alter von 2 bis 17 Jahren irgendwann einmal ADHS-Medikamente verordnet. Die Initiative für die Medikation geht häufig von den Lehrern aus. ADHS ist jedoch nicht der einzige Grund, warum manche Kinder in der Grundschule nicht still sitzen können. Eine fehlende Schulreife könnte ebenfalls dazu führen, dass die Kinder kein Interesse am Unterricht entwickeln. Der relative Altersunterschied in der Grundschule ist groß. Ein Kind, dass am 31. August, einen Tag vor dem Stichtag geboren wurde, ist bis zu ein Jahr jünger als seine Mitschüler.

Timothy Layton von der Harvard Medical School in Boston und Mitarbeiter haben jetzt bei 407 846 Grundschülern der Geburtsjahrgänge 2007 bis 2009 den Geburtsmonat mit der Zahl der ADHS-Diagnosen in Verbindung gesetzt. Von den 36 319 Kindern, die im August geboren wurden, hatten 309 die Diagnose einer ADHS erhalten. Das ergibt eine Prävalenz von 85,1 auf 10 000 Kinder. Von den 35 353 Kindern, die im September geboren wurden, hatten nur 225 eine ADHS-Diagnose erhalten. Die Prävalenz betrug 63,6 auf 10 000 Kinder. Kinder, die im August geboren wurden, hatten damit zu 34 Prozent häufiger eine ADHS-Diagnose. Ähnliche Unterschiede gab es bei der Medikation: Die Prävalenz betrug beim Geburtsmonat August 52,9 auf 10 000 und im Geburtsmonat September 40,4 auf 10 000 Kinder. Das ist ein Unterschied von 32 Prozent.Vor der Einschulung war die Rate der Diagnosen nicht vom Geburtsmonat abhängig und in US-Staaten, die keine festen Stichtage für die Einschulung haben, war der Unterschied deutlich geringer.

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Layton schließt aus den Ergebnissen, dass eine zu frühe Einschulung ein häufiger Grund für die Diagnose ADHS und die Verordnung von Medikamenten ist. Ähnliche Phänomene gibt es auch in anderen Bereichen. So wurde festgestellt, dass kanadische Profi-Eishockeyspieler auffällig häufig in den ersten Monaten des Jahres geboren wurden. Der Grund ist vermutlich, dass in den Jugendhockey-Ligen der 1. Januar der Stichtag für die Aufnahme ist. Kinder, die im Dezember geboren wurden, müssen ein Jahr länger warten, bis sie aufs Eis dürfen. Im Januar Geborene haben einen Trainingsvorteil, der später bei der Bewertung für die Elite-Ligen den Ausschlag geben kann. rme

Layton TJ, Barnett ML, Hicks TR, Jena AB, et al.: Attention Deficit–Hyperactivity Disorder and Month of School Enrollment. N Engl J Med 2018; 379: 2122–2130; DOI: 10.1056/NEJMoa1806828.

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