ArchivDeutsches Ärzteblatt PP4/2019Körper und Psychoanalyse: Vom Glanz der analytischen Orthodoxie

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Körper und Psychoanalyse: Vom Glanz der analytischen Orthodoxie

PP 18, Ausgabe April 2019, Seite 184

Moser, Tilmann

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Zwei Spitzenstars der britischen Psychoanalyse, die Autorin Alessandra Lemma und Donald Campbell in seinem langen Vorwort, schreiben verheißungsvoll über den in der Analyse immer präsenten Körper. Dieser erhält derzeit weltweit in der Analyse zunehmend Beachtung, wenn auch nur in der Modeform der Theorie des Embodiments. Campbell rühmt an der Autorin mit Recht zuerst, wie offen sie in ihren oft überlangen, drei bis fünfstündigen Analysen von ihrer auch körperlichen Gegenübertragung spricht. Die meisten ihrer Patienten gehen eine Verschmelzungsübertragung mit ihr ein, die anfangs noch gar keine Unterscheidung zwischen ihr und ihnen zulässt. Deshalb gehört auch der Körper der Therapeutin zum Setting, oder bildet es mit. Die Übertragungsanalyse bleibt trotzdem der Hauptzugang, obwohl sie lange nicht greift. Sie dient trotzdem zur Förderung der mangelhaften Introspektion, sie nennt die Vorarbeit bis dahin „Repräsentationsarbeit“, bis eine Innenschau des Patienten allmählich gelingt und sich Symbolisierungsansätze bilden. „Der Körper der Therapeutin wird somit auch zum Schicksal der Patientin.“ Es braucht aber den „dyadischen Körper“, eins mit der Analytikerin.

Auch die Verwandlung der Toilette („Toilettenbrust“) durch die Patientin in einen Körperteil der Therapeutin muss diese analysieren, ebenso die Trennungs-Katastrophe einer Veränderung ihres Haarschnitts. „Sie bedeutet die Gefahr einer Durchtrennung der symbiotischen Verbindung zu mir.“ Diese Durchtrennungen bilden ein Hauptmaterial für die deutende Wiederverknüpfungen der Symbiose. Von weiteren Reifungsphasen wird nicht berichtet. Die Autorin erlebt immer wieder, wie sich Patientinnen „in eine Art sinnlichen narzisstischen Cocon“ zurückzogen. „Es würde den Rahmen dieses Buches sprengen, auf die Fülle an alternativen Deutungen einzugehen.“ Sie kannte aber kaum Alternativen: von Berührung als einem neuen analytischen Zugangsweg für solche Störungen kein Wort.

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Faszinierend bleiben die ausführlichen Fallberichte, die auch den Leser das Leid der Autorin mitfühlen lassen. Neben dem großen Glanzstück „Von der Couch auf die Tablette“ sind Kapitel über Filme, Körperleben in der Pubertät und dem Nutzen der virtuellen Welt als Flucht vor dem Körper, Transsexualität und Sendungen im Reality-TV rühmend hervorzuheben – auch sie in orthodoxer Disziplin glänzend gedeutet. Ein Berichts- und Lehrbuch, unerhört lesenswert, ein Gesundbrunnen für klassisch arbeitende Analytiker. Tilmann Moser

Alessandra Lemma: Der Körper spricht immer: Körperlichkeit in psychoanalytischen Therapien und jenseits der Couch. Brandes und Apsel, Frankfurt 2018, 296 Seiten, kartoniert, 29,90 Euro

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