ArchivDeutsches Ärzteblatt PP4/2019Euthanasie: Erinnerungskultur unverzichtbar

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Euthanasie: Erinnerungskultur unverzichtbar

PP 18, Ausgabe April 2019, Seite 185

Goddemeier, Christof

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Das Denkmal der „Grauen Busse“ im Zentrum für Psychiatrie Emmendingen in Baden-Württemberg erinnert an die Krankenmorde während des Nationalsozialismus.

Zwei originalgroße Nachbildungen der Busse, mit denen die Patienten in die Tötungsanstalten gebracht wurden, ziehen Aufmerksamkeit auf sich. Foto: picture alliance
Zwei originalgroße Nachbildungen der Busse, mit denen die Patienten in die Tötungsanstalten gebracht wurden, ziehen Aufmerksamkeit auf sich. Foto: picture alliance

Der Schriftsteller Robert Musil hat 1927 sein Unbehagen gegenüber Denkmälern ausgedrückt: „Sie werden doch zweifellos aufgestellt, um gesehen zu werden, ja, geradezu um die Aufmerksamkeit zu erregen; aber gleichzeitig sind sie (…) gegen Aufmerksamkeit imprägniert, und diese rinnt (…) an ihnen ab, ohne auch nur einen Augenblick stehen zu bleiben. (…) Mit einem Wort, auch Denkmäler sollten sich heute, wie wir es alle tun müssen, etwas mehr anstrengen!“

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Am grauen Bus der Künstler Horst Hoheisel und Andreas Knitz rinnt die Aufmerksamkeit nicht ab, er zieht sie immer wieder aufs Neue an. 2006 hatten die beiden die Idee eines Denkmals für die Opfer der sogenannten „Euthanasie“Aktion „T4“ 1940/41. Im Rahmen einer Ausschreibung entschieden sich das Zentrum für Psychiatrie Weißenau (heute Teil des Zentrums für Psychiatrie Südwürttemberg) und die Stadt Ravensburg für Hoheisels und Knitz‘ Entwurf. Ihr „zweigeteiltes Erinnerungszeichen“ besteht aus zwei identischen, originalgroßen Nachbildungen der Busse der „Gemeinnützigen Krankentransport GmbH“ (GeKraT), mit denen die Patienten in die Tötungsanstalten gebracht wurden. Jeder der 70 Tonnen schweren Busse ist aus Beton gegossen und in Längsrichtung in zwei Hälften zerschnitten. Das erlaubt eine enge Passage durch den Bus. In seinem Innern befindet sich die Inschrift „Wohin bringt Ihr uns? 1940/ 1941“. Einer der Busse blockiert seit dem 27. Januar 2007 dauerhaft das alte Tor des Klinikgeländes Weißenau. Von hier fuhren die Busse in das Vernichtungslager Grafeneck. Der zweite, mobile Bus trägt das Gedenken in die Region und darüber hinaus. Er wechselt seine Standorte entlang den Verwaltungswegen der „T4“-Aktion und den historischen Fahrstrecken der Busse. Drei Tieflader haben ihn inzwischen 6 500 Kilometer weit und an zwanzig verschiedene Orte transportiert. Der graue Bus stand vor Schlössern und Schulen, Kliniken und Kirchen, Konzerthäusern und Museen, auf Plätzen in Städten, am Rhein und am Bodensee. Vorträge, Diskussionen, Musik, Film und Theater begleiten seinen jeweiligen Aufenthalt.

Nach dem ersten Standort in Ravensburg stellte man ihn vor der Philharmonie in Berlin auf. In den 30er- und 40er-Jahren stand hier das Hauptquartier der „Euthanasie“-Aktion „T4“. Sein Grundriss überschneidet sich zum Teil mit dem des heutigen Konzerthauses, „T4“ steht für Tiergartenstraße 4. Am Anfang der „T4“-Aktion benutzte die „GeKraT“ die roten Busse der Reichspost, später strich man sie zur militärischen Tarnung grau an.

Die bisher weiteste Entfernung legte der Bus ins polnische Poznań (Posen) zurück. 2014 stand er dort vor dem Kulturzentrum Zamek und erinnerte als Teil einer Ausstellung an den Beginn des fabrikmäßigen Mordens der Nationalsozialisten im Posener Fort VII. Am 28. Januar 2019 gelangte das Denkmal aus dem hessischen Hadamar ins Zentrum für Psychiatrie Emmendingen. Im Eingangsbereich der Klinik wird es voraussichtlich bis März 2020 an die Krankenmorde während des Nationalsozialismus erinnern.

1920 erschien die Schrift „Die Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens“ des Psychiaters Alfred Hoche und des Juristen Karl Binding. Darin bezeichneten sie Behinderte und psychisch Kranke als „Ballastexistenzen“, „leere Menschenhülsen“ und „geistig Tote“, die „auszumerzen“ seien. Doch zu dem Zeitpunkt war ihr Gedankengut bereits geläufig. Seit der Verbreitung sozialdarwinistischer Ideen zog man das „Ausmerzen“ von Geisteskranken und Behinderten kaum noch in Zweifel. Ende Oktober 1939 verfügte Adolf Hitler, dass psychisch Kranke mittels Meldebögen zu erfassen seien. Die meisten psychiatrischen Anstalten kamen der Aufforderung nach, auf den Meldebögen eine Entscheidung für oder gegen die „Euthanasie“ zu treffen. Grafeneck, Brandenburg, Bernburg, Hadamar, Sonnenstein und das oberösterreichische Hartheim wurden als Tötungsorte festgelegt. Von Januar 1940 bis August 1941 wurden hier mehr als 70 000 psychisch Kranke sowie geistig und körperlich Behinderte ermordet, die meisten von ihnen durch Kohlenmonoxid. Mehr als 1 000 Patienten aus der Heil- und Pflegeanstalt Emmendingen waren unter ihnen. Die Leichen wurden verbrannt, den Angehörigen teilte man eine natürliche Todesursache mit. Kirchliche Proteste blieben ohne Erfolg; doch als Anfang August 1941 Bischof Galen in einer öffentlichen Predigt die „Euthanasie“ als Mord bezeichnete, stoppte Hitler die Aktion „T4“. Unter der Hand ging das Morden jedoch weiter, der Medizinhistoriker Prof. Dr. med. Thomas Müller schätzt die Zahl der „Euthanasie“Toten allein im Gebiet des deutschen Reiches auf 300 000. Etwa 400 000 Menschen wurden zwangssterilisiert.

Müller leitet den Forschungsbereich Geschichte und Ethik der Medizin am Zentrum für Psychiatrie Südwürttemberg. Am Tag der Eröffnung des Denkmals der Grauen Busse in Emmendingen setzte er sich in einem Vortrag damit auseinander, wie psychiatrische Kliniken mit ihrer Vergangenheit während des Nationalsozialismus umgehen und aus ihr lernen können. Müller verwies auf den ehemaligen Bundespräsidenten Roman Herzog, der 1996 den 27. Januar, den Tag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz, als Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus ausrief. Müller zufolge haben viele Familien ein Mitglied durch „Euthanasie“ verloren. Auch heute gebe es noch pro Woche eine Anfrage nach dem Verbleib von Angehörigen, Müller und seine Mitarbeiter sind bei der Suche behilflich.

Scham über die Morde, von denen Ende 1940 wohl weite Teile der Bevölkerung gewusst hätten, dauern Müller zufolge an. Dabei sei die Kenntnis historischer Details gering. Nach Beendigung der „T4“-Aktion ließ man 230 000 Menschen in den Kliniken absichtlich verhungern oder an Epidemien sterben. Verweise auf einen Befehlsnotstand hält Müller nicht für glaubwürdig: „Für diese Tötungen gab es keinen Befehl, die Ärzte und Pflegekräfte handelten freiwillig entlang dem Willen der NS-Führung.“

Nach 1945 hat die Psychiatrie laut Müller dreißig Jahre gebraucht, bis eine Auseinandersetzung mit der NS-Zeit möglich war. Erst seit Anfang der 80er-Jahre des 20. Jahrhunderts finden Untersuchung und Aufarbeitung statt. „Wir schützen heute Minderheiten, gerade weil Minderheiten in einer Zeit unserer Geschichte schutzlos waren“, sagt Müller. Für den Erhalt dieser Rechte ist ihm zufolge eine Erinnerungskultur unverzichtbar. Mit Blick auf Martin Walsers Rede in der Frankfurter Paulskirche 1998 plädiert er dafür, die Entscheidung darüber, wie der Verbrechen des Nationalsozialismus zu gedenken sei, den Opfern und ihren Angehörigen zu überlassen.

Den Aufenthalt des grauen Busses in Emmendingen begleiten Lesungen und Vorträge sowie eine Wanderausstellung (siehe Kasten). Am 13. Februar las Dr. med. Manfred Lütz, Köln, aus seinem Buch „Solange wir leben, müssen wir uns entscheiden“. Es dokumentiert Lütz‘ Gespräche mit dem israelischen Künstler Jehuda Bacon, der 1942 im Alter von dreizehn Jahren mit seiner Familie nach Theresienstadt und ein Jahr später nach Auschwitz deportiert wurde. In berührender Weise kommt hier die Weisheit eines Menschen zur Sprache, der Schreckliches erlebt hat und darüber nicht zerbrochen ist: „Denn ich wollte nicht, dass es den Nazis gelingt, aus mir einen kleinen Nazi zu machen, einen Menschen, der voller Hass ist.“

In ihrem Roman „Die Stunde der Spezialisten“ gibt Priv. Doz. Dr. Barbara Zoeke den Opfern der „Euthanasie“ ihre Identität zurück. Der Text erzählt aus der Perspektive eines erkrankten Altertumsforschers und eines SS-Arztes. Kommentare und Anmerkungen der Autorin ergänzen die bewegende Geschichte.

Solange der Bus in Bewegung bleibt, bleibt die Erinnerung lebendig, sagt Horst Hoheisel. Einrichtungen und Kliniken bewerben sich als neuer Standort, finanziert wird der Transport aus öffentlichen und Spendengeldern. „Dieses Denkmal in Bewegung ist zum Vehikel der Erinnerungsarbeit geworden“, sagt Medizinhistoriker Müller. Christof Goddemeier

Rahmenprogramm zur Ausstellung

  • DGPPN-Wanderausstellung „Erfasst, verfolgt, vernichtet“ – Kranke und behinderte Menschen im Nationalsozialismus vom 13. Mai bis 7. Juni
  • Vorträge am Zentrum für Psychiatrie Emmendingen:

– „Euthanasie – Die Perspektive der Überlebenden“ von Gabriel Richter am 15. Mai

– „Nachkrieg in der Psychiatrie. Deutschland 1945–49“ von Cornelia Brink am 26. Juni

– „Von der Psychiatrie-Enquête zur Gegenwart. Vom PLK Emmendingen zur Zukunft der ZfP-Gruppe“ von Stephan Schieting am 24. Juli

http://daebl.de/PF86

1.
Müller T, Schmidt-Michel P-O, Schwarzbauer F (Hg.): Vergangen? Spurensuche und Erinnerungsarbeit – Das Denkmal der Grauen Busse. Zwiefalten: Verlag Psychiatrie und Geschichte, ZfP Südwürttemberg 2017.
2.
Schott H, Tölle R: Geschichte der Psychiatrie. München: Verlag C.H. Beck 2006.
1. Müller T, Schmidt-Michel P-O, Schwarzbauer F (Hg.): Vergangen? Spurensuche und Erinnerungsarbeit – Das Denkmal der Grauen Busse. Zwiefalten: Verlag Psychiatrie und Geschichte, ZfP Südwürttemberg 2017.
2. Schott H, Tölle R: Geschichte der Psychiatrie. München: Verlag C.H. Beck 2006.

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