ArchivDeutsches Ärzteblatt15/2019TSVG und Digitalisierung: Wir sind selbst schuld
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Ich teile die Kritik, die Sie an den Handlungen des Ministers Spahn äußern, wenn Sie schreiben, er drücke zu sehr „auf die Tube“ oder bedenke eine adäquate und ressourcenschonende Patientensteuerung nicht ausreichend. Letztlich liegt es doch daran, dass die Organe der Selbstverwaltung, die nun bei einem „auf die Tube drückenden“ Ge­sund­heits­mi­nis­ter Spahn ihre Felle davonschwimmen sehen, seit Jahren selbst auf der Bremse standen und sich in Klientelpolitik und Pseudokompromissen ergingen, aber nichts voranbrachten. Wir schreiben das Jahr 2019 und arbeiten in einem Milliarden-Euro-verschlingenden System wie im vergangenen Jahrhundert. Es müssen immer noch Arztbriefe und Befunde auf Papier ausgetauscht werden, oft weiß in Notfallsituationen niemand, welche Medikamente ein Patient einnimmt, weil es aus Datenschutz-Gründen nicht auf der Gesundheitskarte hinterlegt sein darf. Es weiß ein medizinischer Laie nicht, ob er nun in die Notaufnahme oder die (im wahrscheinlichen Fall nicht geöffnete oder erreichbare) KV-Praxis gehen sollte (und entscheidet sich im Zweifelsfall für die Notaufnahme). Es werden so viele Ressourcen sinnlos „verbraten“ – und all das, wo doch die Selbstverwaltung diese Probleme seit Jahren kennt und debattiert.

Niemand findet den Mut, sich mit der Digitalisierung substanziell auseinanderzusetzen, bis eben mal im Gesetz eine Deadline festgesetzt wird. Erkennt denn niemand die Ursache? Die Organe der Selbstverwaltung ergehen sich darin, wer nun in wessen Budget wildert und kommen über Jahre zu keinem tragfähigen Kompromiss.

Dann kommt ein Ge­sund­heits­mi­nis­ter und sagt (den Wähler im Nacken): „Es reicht, es wird jetzt so und so gemacht“ – und dann schreien alle auf, dass man ihre Autonomie nicht beachte und dass die böse Politik sich nicht in Dinge einmischen solle, von denen sie nichts verstünde. Wir sind selbst schuld, wenn wir uns das Heft des Handelns aus der Hand nehmen lassen. Wir sollten als Ärzteschaft endlich aufwachen, denn nur wenn wir aufhören, uns um unseren eigenen Bauchnabel zu drehen, werden wir merken, was für die Patienten da draußen wichtig ist und so einer überbordenden staatlichen Ordnungspolitik oder gar einem staatlich organisierten Gesundheitssystem zuvorkommen.

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Dr. med. Vincent Schmidt, 80469 München

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