ArchivDeutsches Ärzteblatt15/2019Von schräg unten: Genial

SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Genial

Dtsch Arztebl 2019; 116(15): [72]

Böhmeke, Thomas

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Genialität zeichnet sich dadurch aus, mittels einfachster Ideen komplexe Probleme zu lösen, um die Menschheit glücklich zu machen. Wo es blutet, da muss man draufdrücken! So lautet beispielsweise eine medizinische Weisheit, die an Scharfsinnigkeit und Strahlkraft über Jahrtausende mit Gültigkeit glänzt.

Genau einen solch genialen Einfall hatte auch unser Ge­sund­heits­mi­nis­ter, als er den gordischen Knoten der langen Wartezeiten in den Praxen zu lösen hatte: Wir sollen einfach mehr arbeiten! Erst mal 25 statt 20 Stunden und wenn das klappt, könnten auch 40, 50 oder 60 draus werden. Fantastisch, nicht wahr? Nur – die Sache hat einen winzigen Haken: Wenn wir das Doppelte und Dreifache arbeiten, laufen wir Gefahr, auch mehr Geld zu verdienen.

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Dies wiederum könnte dazu führen, dass wir ins gesellschaftliche Abseits geraten, denn nichts in unserem schönen Sozialstaat ist toxischer als jemand, der durch Engagement, Eifer und unendliche Arbeit Geld verdient, somit davon bedroht ist, wohlhabend zu werden.

Bevor jetzt die Stimmung Empörungsbeseelter ins Ekstatische kippt, muss ich die Frage klären: Hat unser Ge­sund­heits­mi­nis­ter diese schwere Komplikation bedacht? Ich muss das mal durchrechnen: Von jedem Euro, den ich zusätzlich verdiene, geht die Hälfte für die Steuer und die Rentenversicherung drauf. Meine Fachangestelltinnen in der Praxis arbeiten schon am Limit, daher muss ich mindestens zwei zusätzliche Kräfte einstellen, macht mindestens 10 Cent minus. Zusätzliches Verbrauchsmaterial, rasche Abnutzung medizinischer Geräte: Der eine Euro schwindet weiter. Höhere Kosten für Versicherungen, Strom und Heizung: wieder was weg vom Euro. Wenn ich von superfrüh bis dunkelabend arbeite, werde ich zu Hause für alltägliche Arbeiten nicht mehr zur Verfügung stehen, also muss ich eine Haushaltshilfe einstellen. Und schon verschlankt sich der eine Euro weiter.

Ja, das ist doch einfach genial, sogar das hat unser Minister bedacht: Auch wenn wir die 60-Stunden Woche einführen, können wir uns nicht bereichern!

Stolz wie ein Koronarstent, der gerade einen Herzinfarkt hinter Gitter verbannt hat, zeige ich der besten aller Ehefrauen meine Aufstellung. „Tatsächlich! Je mehr Du arbeitest, desto mehr näherst Du Dich dem Mindestlohn!“ Wunderbar, nicht wahr? „Einen Moment mal ... ich glaube, Du hast Dich verrechnet.“ Wie bitte?! Ich, verrechnet? Ich bin so sprachlos wie eine in Formalin fixierte Probeexzision. „Du hast Folgendes nicht bedacht: Wenn Du doppelt so viel arbeitest, wirst Du abgestaffelt, wenn Du dreimal so viel leistest, kriegst Du gar nichts mehr.“ Gar nichts mehr?! „Ja.“ Das ... das heißt, ich zahle am Ende drauf?! „So sieht’s aus.“ Oh. Das hatte ich nicht bedacht. Aber so ist es heutzutage: Der Durchschnitt ist das Dogma, Leistung wird grade mal toleriert, außergewöhnliche Arbeit abgestraft.

„Du bleibst lieber zu Hause.“ Das ist wohl vernünftiger. „Und lässt den Herrn Ge­sund­heits­mi­nis­ter das Problem selbst lösen.“ Genau. Ich bin gespannt wie ein Rippensperrer, wie er uns Ärzten verkaufen will, dass es erstrebenswert ist, durch Mehrarbeit rote Zahlen zu schreiben.

Also, ich warte erst mal ab und schaue mir an, was unser genialer Ge­sund­heits­mi­nis­ter als Nächstes macht. Aber Du darfst niemandem verraten, dass ich zu Hause bleibe!

Dr. med. Thomas Böhmeke
ist niedergelassener Kardiologe in Gladbeck.

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