ArchivDeutsches Ärzteblatt15/2019Digitalisierung: Zu wenig offene Schnittstellen

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Digitalisierung: Zu wenig offene Schnittstellen

Dtsch Arztebl 2019; 116(15): A-723 / B-593 / C-581

Beerheide, Rebecca

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Die Kommunikation zwischen Arztpraxen, Kliniken, Pflegeeinrichtungen und mit Patientenakten der Krankenkassen wird ein großer Schritt für die Digitalisierung des deutschen Gesundheitswesens. Nach Vorgaben für Krankenkassen und Ärzte gibt es diese nun auch für die Softwarehersteller.

Foto: alexsi/iStockphoto
Foto: alexsi/iStockphoto

Das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium (BMG) hält bei der Digitalisierung von Arztpraxen, Krankenhäusern und anderen Gesundheitseinrichtungen das Tempo weiter hoch: Um voranzukommen, will das Haus von Minister Jens Spahn (CDU) im geplanten Digitalisierungsgesetz auch auf die Schnittstellenoffenheit bei Software setzen. So sollen beispielsweise die Anbieter von Praxis-Verwaltungssystemen (PVS) sowie den Krankenhausinformationssystemen (KIS) künftig „lebensnahe und pragmatische Lösungen“ liefern.

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„Die Schnittstellenoffenheit muss kommen und dabei setzen wir klar auf systematische Incentivierungen“, erklärte Gottfried Ludewig, Leiter der Abteilung fünf Digitalisierung und Innovation im BMG, auf dem 14. Kongress der Gesundheitsnetzwerker in Berlin. Dabei wolle er zwar nicht, wie kürzlich in den USA geschehen, mit finanziellen Strafen drohen. Dennoch forderte er zügig klare Regeln für die Gestaltung von Softwarelösungen. Möglicherweise könnte sonst ein Ausschluss von der Erstattungsfähigkeit der Produkte kommen.

Für ein Digitalisierungsgesetz, das bis Mitte des Jahres erwartet wird, kündigte Ludewig an, dass der Marktzugang für digitale Anwendungen geregelt werden soll. Ebenso sollen Regelungen zur Telemedizin nach dem Ende des Fernbehandlungsverbotes sowie die rechtliche Ausgestaltung einer Datenspende enthalten sein.

Digitalisierung auch ohne KI

Ludewig warb dafür, auch die vermeintlich kleineren Schritte bei der Digitalisierung der Versorgung nicht zu unterschätzen. „Ein einfaches elektronisches Rezept funktioniert ohne künstliche Intelligenz (KI) und würde dem System deutlich mehr Geschwindigkeit und den Patienten Vorteile bringen.“ Auch mahnte er die Akteure im Gesundheitswesen, sich nicht hinter der Argumentation zu verstecken, die neuen Technologien passen nicht in das aktuelle Sozialgesetzbuch. Auch hier werde daran gearbeitet, im Digitalisierungsgesetz Regelungen anzupassen. „Die Welt draußen wird nicht durch Faxgeräte oder Versichertenstammdatenmanagement aufgehalten.“ Sarkastisch merkte er an: „Wir sind das einzige Land, dass Versichertenstammdatenmanagement als ersten Schritt Richtung Digitalisierung im Gesundheitswesen vorgesehen hat.“

Gesundheitsversorgung werde immer stärker in das Blickfeld großer Internetkonzerne kommen, zeigte sich Ludewig überzeugt. „Irgendwann wird es schwer werden, Patienten zu erklären, warum sie nicht die toporganisierte Versorgung von Amazon mit datenbasierter Diagnose und angeschlossenem Krankenhaus bekommen können.“ Aber: „Es ist nicht unser Ziel, diesen Druck von außen auf unser System wirken zu lassen.“ Daher forderte er die Akteure auf, hier besser und zügiger zusammenzuarbeiten.

Mit der Entscheidung im Terminservice- und Versorgungsgesetz (TSVG), dass die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) künftig für die Standardisierung der Daten in den geplanten Akten zuständig ist, habe man nun auch „klare Verantwortlichkeiten mit klaren Entscheidungen“ eingeführt. Ebenso warb Ludewig dafür, nicht bei jedem Digitalprojekt immer das Höchstmögliche zu fordern, sondern in kleineren Schritten zu beginnen. „Es muss nicht immer die 190-prozentige Lösung sein.“ Künftige Projekte, die in der kommenden Zeit angeschoben werden sollen, müssten einen Mehrwert für den Patienten haben. Aus seiner Sicht müssten die 670 Millionen Rezepte, die jährlich ausgestellt werden, als elektronische Variante vorangebracht werden.

Pflege ohne „digitale Identität“

Bei der Anbindung weiterer Akteure im Gesundheitswesen an die Tele­ma­tik­infra­struk­tur (TI) nahm Ludewig das Tempo etwas heraus: „Wir sollten erst einmal die Basishausaufgaben machen und die Akteure, die seit Jahren hätten angeschlossen sein sollen, nun anschließen.“ Der Anschluss der Pflegekräfte an die TI könnte ein Teil des Digitalgesetzes sein.

Für ein solches Vorhaben – oder auch den Anschluss von Sanitätshäusern oder auch Gesundheitshandwerkern – sieht allerdings der Geschäftsführer der gematik – Gesellschaft für Telematikanwendungen der Gesundheitskarte noch rechtliche Hürden: Um an der TI teilnehmen zu können, muss man nachweisen, dass man eine „digitale Identität“ hat – dies können Ärzte über ihre elektronischen Heilberufeausweise. Bei anderen Gesundheitsberufen wie Pflegekräften oder auch Fachleuten in Sanitätshäusern fehle für eine Legitimierung allerdings ein Vertragspartner, der die Verantwortung für die „Identität“ sowie die Ausgabe der elektronischen Berufsausweise übernimmt, erklärte Alexander Beyer bei einem Gespräch mit Journalisten.

Für klare und offene Strukturen bei der künftigen Interoperabilität der Systeme und Daten warb auch Prof. Dr. med. Sylvia Thun, Direktorin der Core Unit E-Health & Interoperability des Berlin Institute of Health der Charité. „Ohne Community und Transparenz werden wir die Standardisierung im Gesundheitswesen nicht schaffen“, sagte sie auch in Richtung KBV, die im TSVG dafür den entsprechenden Auftrag bekommen hat. Thun beklagte auch, dass die Softwarehersteller im ambulanten sowie im stationären Bereich die vergangenen Jahre nicht viel entwickelt hätten. „Auch auf dem Markt der KIS-Systeme für Krankenhäuser wurde in den vergangenen Jahren geschlafen“, so Thum. Dies nun aufzuholen, sei ein großer Kraftakt, „der auch Geld koste“, so Thun.

Der KBV-Vorsitzende Dr. med. Andreas Gassen betonte auf dem Kongress erneut, warum die KBV den Auftrag zur Standardisierung bei den niedergelassenen Ärzten bekommen hat: „Es ist sinnvoll, dass diejenigen, die mit einer Milliarde Patientenkontakte im Jahr den meisten Traffic generieren, hier auch die Vorgaben machen.“ Aus der Sicht der Ärzte mache eine Patientenakte dann Sinn, wenn Daten ärztlich erhoben und nicht gelöscht oder verändert werden können. Die aktuelle Impfdebatte nahm Gassen zum Anlass, die Vorteile für Ärztinnen und Ärzte, aber auch Patientinnen und Patienten herauszuarbeiten: „Ein digitaler Impfpass wäre eine Anwendung, die alle Patienten betrifft und damit als Massenanwendung auch für Softwarehersteller interessant ist.“ Im Gegensatz dazu stehen Anwendungen für Patientengruppen wie Diabetiker, die deutlich kleiner sind. Bei diesen Patientengruppen sieht Gassen auch gute Chancen für kleinere und innovativere Unternehmen, in den Markt zu kommen.

Für Uwe Eibich, Mitglied des Vorstandes der CompuGroup, ist es aus der Erfahrung der vergangenen 15 Jahre mit der gematik – Gesellschaft für Telematikanwendungen der Gesundheitskarte eher schwierig, in den heutigen agilen Entwicklungsprozessen zu arbeiten. „Wir brauchen andere Entwicklungschroniken als bei anderen Digitalprojekten“, so Eibich. Es sei viel Arbeit, die Standards zu setzen und mit allen ins Gespräch zu kommen. Dass es bislang wenig Standards gab, erklärte Eibich so: „Bisher gab es nur wenige Anwendungsmöglichkeiten. Standardisierung zum Selbstzweck kann ein Hobby sein, nur ohne Anwendungsbeispiele bringt es nichts.“

Krankenkassen starten Akten

Obwohl einige Krankenkassen sich momentan skeptisch äußern, dass der vom BMG vorgegebene Einführungstermin der Patientenakten ab 2021 nicht gehalten werden könne, zeigten sich die drei Vertreter der großen Projekte sehr optimistisch: So habe die Akte der TK, die TK-Safe, derzeit 138 000 Registrierungen mit weiter steigender Tendenz, erklärte Dr. Susanne Ozegowski, Beauftragte bei der TK für die elektronische Gesundheitsakte. Die TK hat 10,4 Millionen Versicherte. Hier werde gerade an den weiteren Spezifikationen gearbeitet. Die TK plant dem Vernehmen nach demnächst den offiziellen Start ihrer Akte.

Bei „Vivy“, die als Akte für inzwischen 21 Krankenkassen und vier private Kran­ken­ver­siche­rungen und damit 17,7 Millionen Versicherte angeboten wird, sehe man die Anwendung momentan als digitale Assistentin, die die Nutzer bei Gesundheitsfragen unterstützt. Hier habe man mehr als 100 000 Abrufe, erklärte Vivy-Gründer Christian Rebernik. Die AOKen haben bislang auf dezentrale Datenprojekte gesetzt: Beispielsweise hat die AOK Nordost derzeit zwei Projekte mit Klinikkonzernen. Allerdings arbeite man an neuen Lösungen, kündigte Daniela Teichert, Beauftragte des Vorstandes der AOK Nordost an. Rebecca Beerheide

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