ArchivDeutsches Ärzteblatt15/2019Qualitätssicherung: Ärzte machen wenig Fehler

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Qualitätssicherung: Ärzte machen wenig Fehler

Dtsch Arztebl 2019; 116(15): A-718 / B-590 / C-578

Osterloh, Falk

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Jedes Jahr stellen die Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen der Ärztekammern die Ergebnisse ihrer Untersuchungen vor. Im Jahr 2018 ist die Zahl der Anträge weiter gesunken. Von den vermuteten Behandlungsfehlern wurde nur ein Viertel tatsächlich als Fehler bestätigt.

Bei drei Vierteln der von ihnen untersuchten Verfahren konnten Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen der Ärztekammern im Jahr 2018 keinen ärztlichen Behandlungsfehler feststellen. Das geht aus der Statistik der Organisationen hervor, die Anfang April in Berlin vorgestellt wurde.

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Konkret brachten die Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen im vergangenen Jahr 5 972 Fälle zu einem Abschluss. In 69 Prozent dieser Fälle wurde kein Fehler festgestellt. In sechs Prozent wurde ein Fehler festgestellt, der jedoch nicht kausal mit dem Antrag in Zusammenhang stand. In 25 Prozent wurde ein Behandlungsfehler bestätigt. Das waren 1 499 Fälle.

Der Vorsitzende der Ständigen Konferenz der Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen, Prof. Dr. med. Andreas Crusius, brachte diese Zahlen in Zusammenhang mit der Zahl aller Behandlungsfälle in Deutschland. „Für das Statistikjahr 2017 meldete das Statistische Bundesamt 19,5 Millionen Behandlungsfälle in den Krankenhäusern“, sagte er. „Hinzu kommen rund eine Milliarde Arztkontakte jährlich in den Praxen.“ Gemessen an dieser enormen Gesamtzahl der Behandlungsfälle liege die Zahl der festgestellten Fehler auch in diesem Jahr wieder im Promillebereich (siehe Grafik 1).

Die am häufigsten fehlbehandelten Krankheiten im Klinikbereich
Die am häufigsten fehlbehandelten Krankheiten im Klinikbereich
Grafik 1
Die am häufigsten fehlbehandelten Krankheiten im Klinikbereich

Wenn Patienten einen Behandlungsfehler vermuten, können sie sich an die Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen wenden, in denen Ärzte und Juristen überprüfen, ob tatsächlich ein Behandlungsfehler vorliegt. Die bestätigten Fehler wurden in der Statistik in sechs Schweregrade eingeteilt.

Für das Jahr 2018 wurde in 16 der 1 499 Fälle ein geringfügiger Schaden festgestellt, in 618 Fällen ein vorübergehender leichter bis mittlerer Schaden, in 188 Fällen ein vorübergehender schwerer Schaden, in 462 Fällen ein leichter bis mittlerer Dauerschaden, in 127 Fällen ein schwerer Dauerschaden, und in 88 Fällen verstarb der Patient nach dem Behandlungsfehler.

„Vorübergehende mittlere Schäden sind zum Beispiel Schmerzen, die infolge einer Behandlung auftreten“, sagte der Geschäftsführer der Schlichtungsstelle für Arzthaftpflichtfragen der norddeutschen Ärztekammern, Andreas Dohm. „Schwere Dauerschäden sind zum Beispiel Amputationen oder Lähmungen.“

Unfallchirurgie ist oft betroffen

Dohm erklärte, in welchen Fachbereichen am häufigsten Anträge auf eine Untersuchung eines Behandlungsfehlers gestellt werden. Im niedergelassenen Bereich seien vor allem die Unfallchirurgie und die Orthopädie beteiligt gewesen (in 402 Fällen), gefolgt von den hausärztlich tätigen Ärzten (229 Fälle) und den Allgemeinchirurgen (136 Fälle). Bei den Hausärzten sei allerdings zu beachten, dass die Gesamtzahl der Behandlungsfälle sehr hoch sei, erklärte Dohm. Im Krankenhaus seien die am häufigsten beteiligten Fachgebiete die Unfallchirurgie und Orthopädie (1 690 Fälle) gewesen, die Allgemeinchirurgie (680 Fälle) und die Innere Medizin (455 Fälle).

Der Ärztliche Vorsitzende der Schlichtungsstelle für Arzthaftpflichtfragen der norddeutschen Ärztekammern, Prof. Dr. med. Walter Schaffartzik, erklärte, weshalb so viele Verfahren in der Unfallchirurgie und der Orthopäde eröffnet werden: „Die Unfallchirurgie lebt von den Ergebnissen der bildgebenden Verfahren. Auch deshalb sieht man sofort, wenn es in diesem Bereich zu Fehlern gekommen ist.“ In der Kardiologie, zum Beispiel, sei ein Fehler hingegen nicht immer sofort ersichtlich. In der Orthopädie sei erfahrungsgemäß die Erwartungshaltung der Patienten besonders hoch. Auch das könne zu einer erhöhten Anzahl von Anträgen führen.

Dohm nannte zudem die Krankheiten, die am häufigsten zu einer Antragstellung führten: die Gonarthrose (198 Fälle), die Koxarthrose (185 Fälle) und die Femurfraktur (143 Fälle).

Die häufigsten Fehlerarten waren im niedergelassenen Bereich die bildgebenden Verfahren im Rahmen der Diagnostik (144 Fälle), die Anamnese im Rahmen der Diagnostik (64 Fälle) und die operative Therapie (63 Fälle). Im Krankenhaus waren die häufigsten Fehlerarten die Operationen (416 Fälle), die bildgebenden Verfahren im Rahmen der Diagnostik (323 Fälle) und die Indikation (160 Fälle).

Zahl der Anträge geht zurück

Dohm erklärte, dass sich 76 Prozent der Fälle, die 2018 geprüft wurden, auf das Krankenhaus bezogen und 24 Prozent auf den ambulanten Bereich, inklusive Medizinischer Versorgungszentren. Er wies darauf hin, dass nicht jeder Antrag auch zu einem Schlichtungsverfahren führt. Wenn die beteiligten Ärzte der Eröffnung eines Verfahrens, zum Beispiel aus haftungsrechtlichen Gründen, nicht zustimmten, könne kein Verfahren durchgeführt werden. In Norddeutschland seien bei circa 4 000 Anträgen etwa 2 500 Verfahren eröffnet worden.

Die Zahl der Anträge auf eine Untersuchung eines möglichen Behandlungsfehlers ging im vergangenen Jahr weiter leicht zurück. Sie sank von 11 100 Anträgen im Jahr 2017 auf 10 839 im Jahr 2018 (siehe Grafik 2). 2012 waren es noch 12 232 Anträge. Schaffartzik nannte Gründe für diesen Rückgang. Zum einen habe es im Jahr 2012 infolge des Patientenrechtegesetzes einen Höhepunkt gegeben. „Durch das Gesetz sind die Behandlungsfehler mehr in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt“, sagte er. Und zum anderen habe die Ärzteschaft in den vergangenen Jahren viel unternommen, um die Patientensicherheit zu stärken (siehe voriger Artikel).

Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen Antragsentwicklung 2014–2018
Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen Antragsentwicklung 2014–2018
Grafik 2
Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen Antragsentwicklung 2014–2018

Crusius betonte, dass eine gute Kommunikation Behandlungsfehlern entgegenwirke. „Eine gute Kommunikation zwischen Ärzten und Patienten kann Fehldiagnosen, mangelhafter Compliance und Missverständnissen hinsichtlich des Behandlungsziels vorbeugen“, sagte er. „Beispielsweise sollte vor einem Eingriff detailliert geklärt werden, was die Patienten erwarten und was medizinisch machbar ist. Denn nicht alles, was sich der Patient wünscht, ist tatsächlich machbar.“ Allein dadurch ließen sich spätere Behandlungsfehlervorwürfe aufgrund überzogener Erwartungen an den Behandlungserfolg vermeiden.

Gespräch mit Patienten suchen

Crusius riet den Ärzten zudem, nach einem Behandlungsfehler das Gespräch mit den Patienten zu suchen: „Wenn Ärzte mit ihren Patienten über unerwünschte Ergebnisse sprechen, kommt von den Patienten oftmals auch nicht gleich eine Klage.“ Zudem sei es gut, die Patienten über die Existenz der Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen aufzuklären.

Crusius kritisierte hingegen viele politischen Vorgaben der Vergangenheit. „Die über Jahrzehnte von der Politik geschaffenen ökonomischen Rahmenbedingungen sind nicht auf maximale Patientensicherheit ausgerichtet, sondern auf maximale Effizienz“, betonte er. „Behandlungsdruck kann Behandlungsfehler begünstigen. In den Rettungsstellen und auf den Stationen müssten Ärzte mitunter in Sekunden über möglicherweise lebensrettende Maßnahmen entscheiden – manchmal bei ihnen völlig unbekannten Patienten. „Bemerkenswert ist“, so Crusius, „wie selten sie dabei irren.“ Falk Osterloh

Beispiel: Fehlerhaftes Schnittstellenmanagement

Ein häufiger Grund für einen vermuteten Behandlungsfehler liegt im fehlerhaften Schnittstellenmanagement zwischen dem stationären und dem ambulanten Bereich, erklärte der Ärztliche Vorsitzende der Schlichtungsstelle für Arzthaftpflichtfragen der norddeutschen Ärztekammern, Prof. Dr. med. Walter Schaffartzik. Er nannte ein Beispiel aus der Praxis: Bei einem 63-jährigen Patienten wurde nach einer Bauchoperation die Harnleiterschiene bereits im Krankenhaus wieder entfernt. Im Entlassbrief an den Urologen wurde dennoch um die Entfernung der Harnleiterschiene gebeten. So versuchte der Urologe, die Schiene endoskopisch zu entfernen. Als er sie nicht fand, ließ er ein Röntgenbild machen. In der Folge klagte der Patient über Blutungen und starke Schmerzen. Und auch eine Röntgendiagnostik stelle eine Körperverletzung dar, wenn sie ungerechtfertigt vorgenommen wird, erklärte Schaffartzik.

Das Urteil der Schlichtungsstelle der norddeutschen Ärztekammern lautete: Es lag ein Behandlungsfehler vor, da die fehlerhafte Information im Arztbrief unnötig und vermeidbar zu einem endoskopischen Entfernungsversuch und einer radiologischen Untersuchung geführt habe. Der Patient hat Anspruch auf Schadenersatz. „Der Schaden ist vergleichsweise gering“, sagte Schaffartzik. „Es geht aber nicht um die Schwere des Schadens, sondern um die Frage, ob er auf einen Behandlungsfehler zurückzuführen ist oder nicht.“

Die am häufigsten fehlbehandelten Krankheiten im Klinikbereich
Die am häufigsten fehlbehandelten Krankheiten im Klinikbereich
Grafik 1
Die am häufigsten fehlbehandelten Krankheiten im Klinikbereich
Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen Antragsentwicklung 2014–2018
Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen Antragsentwicklung 2014–2018
Grafik 2
Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen Antragsentwicklung 2014–2018

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