ArchivDeutsches Ärzteblatt15/2019Aufgebrachte Patienten: Gewalt nicht einfach hinnehmen

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Aufgebrachte Patienten: Gewalt nicht einfach hinnehmen

Dtsch Arztebl 2019; 116(15): A-752 / B-616 / C-604

Spielberg, Petra

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Eine zunehmende Gewaltbereitschaft und Respektlosigkeit machen auch vor Arztpraxen nicht halt. Ärztinnen und Ärzte sind dem Problem jedoch nicht hilflos ausgeliefert. In Deeskalationskursen können sie und ihre Mitarbeiterinnen lernen, mit gewaltbereiten Patienten adäquat umzugehen.

Im Rahmen von Deeskalationsschulungen lernen die Teilnehmenden, Konfliktsituationen verbal zu entschärfen und sich, wenn nötig, selbst zu schützen. Foto: dpa
Im Rahmen von Deeskalationsschulungen lernen die Teilnehmenden, Konfliktsituationen verbal zu entschärfen und sich, wenn nötig, selbst zu schützen. Foto: dpa

Aggressives Verhalten von Patientinnen und Patienten gegenüber Ärztinnen, Ärzten und ihren Mitarbeitenden ist leider inzwischen keine Seltenheit mehr. Dabei reicht die Spanne von Beleidigungen, Bedrohungen bis hin zu tätlichen Angriffen.

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„Der Ton ist rüde geworden. Es wird gepöbelt, beschimpft und beleidigt“, weiß auch die Pforzheimer Frauenärztin Katrin Annette Stockert-Schäfer aus leidvoller Erfahrung. Die meisten ihrer Patientinnen benähmen sich zwar anständig. Aber die Zahl derer, die ausfällig würden, habe in den vergangenen Jahren eindeutig zugenommen.

Exakte Zahlen zum Ausmaß von Gewalt in Arztpraxen liegen bundesweit nicht vor. Hinweise auf die gewachsene Gewaltbereitschaft liefert aber der gemeinsam von Kassenärztlicher Bundesvereinigung und dem NAV-Virchowbund herausgegebene Ärztemonitor 2018. Demnach wird jeder vierte Vertragsarzt in seinem Berufsleben mit körperlicher Gewalt konfrontiert. Darüber hinaus kommt es zu rund 2 900 verbalen Ausfällen von Patienten und Angehörigen gegenüber Ärzten und Mitarbeitern pro Jahr.

„Hinzu kommt, dass wir eine hohe Dunkelziffer vermuten, da viele Ärztinnen und Ärzte den Gang zur Polizei scheuen“, sagt der hessische Ärztekammerpräsident Dr. med. Edgar Pinkowski (siehe Kasten).

Wachsendes Anspruchsdenken

Dr. med. Wolfgang Miller, Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie und Präsident der Lan­des­ärz­te­kam­mer (LÄK) Baden-Württemberg, hat ebenfalls den Eindruck, dass das Thema einen immer größeren Stellenwert bekommt. Auch in seiner Praxis tauchten zusehends häufiger Patienten auf, die ihm und seinem Praxisteam Angst machten.

„Immer mehr Patienten haben heute ein wachsendes Anspruchsdenken und Forderungen, denen wir medizinisch und in unserem Praxisablauf nicht immer nachkommen können“, so Miller. Vor allem längere Wartezeiten und das Verwehren von zum Beispiel Rezeptwünschen oder Krankschreibungen führten dazu, dass Patienten ihrer Unzufriedenheit Luft machten, bis hin zur Androhung von Gewalt. Auch kulturelle oder sprachliche Probleme könnten zu einer Eskalation beitragen. „Die unsägliche politische Diskussion um die Erweiterung der Sprechstundenzeiten befeuert diese Haltung zusätzlich“, ist Miller überzeugt.

Um möglichen Angriffen künftig besser begegnen zu können, hat der LÄK-Präsident im Dezember des vergangenen Jahres an einem vom MEDI-Verbund angebotenen Deeskalationstraining teilgenommen. „Ich kann nur jeden ermuntern, sich dem Thema zu stellen und entweder selbst an einer Deeskalationsschulung teilzunehmen beziehungsweise seine Mitarbeiterinnen hinzuschicken“, sagt Miller.

Neben MEDI bieten auch zahlreiche Ärztekammern Deeskalationskurse, Meldebögen, konkrete Beratungsleistungen sowie Sicherheits- und Kommunikationstrainings an (siehe Kasten). Ziel der Seminare ist es, Gewaltprävention zu schulen, über gesetzliche Hintergründe aufzuklären und in Form von Rollenspielen verbale Deeskalationsstrategien und Verteidigungstechniken einzuüben.

Miller hat als eine wichtige Botschaft aus seinem Kurs mitgenommen, dass es Lösungen für das Problem gibt und Ärztinnen, Ärzte und ihre Mitarbeiterinnen gewaltsamen Ausbrüchen von Patienten nicht hilflos gegenüber stehen müssen.

Verbale Intervention

Auch Stockert-Schäfer hat bereits positive Erfahrungen bei einem Deeskalationstraining gesammelt, angefangen mit der Erkenntnis, dass sie mit dem Problem nicht allein dasteht, bis hin zu praktischen Tipps, die den Umgang mit Gewalt erleichtern helfen. „Wir haben in unserer Praxis zum Beispiel inzwischen ein Signalwort vereinbart, mit dem wir uns verständigen, wenn eine Situation aus dem Ruder zu laufen droht“, berichtet Stockert-Schäfer.

Das Entscheidende an einem Deeskalationstraining, so Thomas Ganter, Polizeihauptkommissar und Einsatztrainer beim Polizeipräsidium Karlsruhe, sei, die Teilnehmer dafür zu sensibilisieren, Warnsignale rechtzeitig zu erkennen. „Wenn ich in der Lage bin, eine mögliche Gewaltbereitschaft frühzeitig zu erkennen, habe ich bessere Chancen, eine Eskalation zu vermeiden“, betont der Trainer. Dabei gelte der Grundsatz: Lieber eine halbe Stunde reden, als sich körperlich auseinanderzusetzen.

„Die meisten Situationen lassen sich durch eine geschickte verbale Intervention entschärfen“, sagt Ganter. Wesentlich dabei sei es, einen aufgebrachten Patienten grundsätzlich ernst zu nehmen, ihm Wertschätzung entgegenzubringen, egal wie er sich benimmt, und vor allem sachlich zu bleiben.

Auch sei es hilfreich, schon im Vorfeld auf mögliche Verstärker zu achten, wie psychische Auffälligkeiten, ein bekannter Drogenkonsum, starke Schmerzen oder ein psychischer Ausnahmezustand bei Patienten oder ihren Angehörigen, beispielsweise nach einem Unfall. Dazu gehöre auch, das Umfeld im Blick zu behalten, also zu schauen, ob jemand in der Nähe ist, der im Zweifel helfen könnte. Ferner sei es sinnvoll, Abstand von gewaltbereiten Patienten zu halten, sich nicht in eine Ecke zu stellen und keine frontale Position einzunehmen.

„Man muss zudem zwischen verschiedenen Arten von Gewalt unterscheiden, nämlich zwischen der berechnenden und der impulsiven“, so Ganter weiter. Bei impulsiven Patienten lasse sich eine zunehmende Entgleisung vor allem dadurch erkennen, dass diese auf sachliche Argumente nicht mehr reagierten, jedwede Logik vermissen ließen oder anfingen, Sachen vom Tresen zu fegen und Ähnliches mehr. „Je weiter ein solch impulsiver Ausbruch fortschreitet, umso weniger Chancen habe ich, den Betreffenden zu beruhigen“, sagt Ganter.

Sollte es zu einem körperlichen Angriff kommen und es besteht keine Möglichkeit, auszuweichen, helfe nur noch, sich im Sinne einer Notwehrhandlung zu wehren. „Vorrangig ist es dann, sich selbst zu schützen, ungeachtet des Vertrauensverhältnisses zwischen Arzt und Patient“, betont Ganter. Der Polizeihauptkommissar rät zudem, in solchen Fällen die Polizei zu rufen und gewalttätige Angriffe grundsätzlich anzuzeigen.

Körperliche Gegenwehr

Eine Gegenwehr sei rechtlich durch § 32 Strafgesetzbuch gerechtfertigt, bestätigt Dr. jur. Christian Halm, Rechtsreferent bei der Ärztekammer Westfalen-Lippe. Der Angegriffene sei lediglich verpflichtet, das mildeste Mittel zu wählen, um einen rechtswidrigen Angriff gegen sich oder andere abzuwehren. „Auch darf er einem Angreifer Hausverbot erteilen, sofern es sich nicht um einen Notfall handelt“, so Halm.

Stockert-Schäfer würde sich inzwischen zutrauen, sich körperlich zu wehren, sollte sie jemand angehen. Ebenso wie Miller hält sie es allerdings für sinnvoll, ein Deeskalationstraining regelmäßig zu wiederholen. Die Nachfrage scheint entsprechend groß zu sein. Allein in Baden-Württemberg werden Miller zufolge pro Monat rund 10 bis 15 zertifizierte Kurse zu dem Thema angeboten. Petra Spielberg

Eine Reportage über ein
Seminar zu Gewalt gegen Ärzte:
www.aerzteblatt.de/181524

Hilfsangebote

Die Lan­des­ärz­te­kam­mer Hessen hat Mitte März einen Meldebogen eingeführt, in dem Praxisinhaberinnen und -inhaber Gewalttaten der letzten zwei Monate gegen sich oder ihr Team dokumentieren können. Die Auswertung der Meldungen, die auch dazu dienen soll, aussagekräftige Zahlen zu erhalten, erfolgt anonym. Die ausgefüllten Bögen werden entweder postalisch an die Lan­des­ärz­te­kam­mer Hessen (Stabstelle Qualitätssicherung, Im Vogelgesang 3, 60488 Frankfurt) oder per Fax gesendet (069 97672-247).

In aktuellen Fällen können sich Betroffene auch an die Ombudsstelle für Fälle von Missbrauch in ärztlichen Behandlungen (E-Mail: ombudsstelle@laekh.de) oder an die Rechtsabteilung der LÄKH (E-Mail: rechtsabteilung@laekh.de) wenden.

http://daebl.de/QL33

Die Lan­des­ärz­te­kam­mer Baden-Württemberg informiert in einem sechsseitigen Merkblatt über Entstehungsfaktoren von Gewalt und Maßnahmen zum Schutz vor beziehungsweise nach erlittener Gewalt.

http://daebl.de/BH73

Resolution der BÄK

In einer im August des vergangenen Jahres verabschiedeten Resolution fordert die Bundes­ärzte­kammer Respekt und Unterstützung für die Arbeit von Ärztinnen und Ärzten sowie den Schutz vor jeglicher Form verbaler und körperlicher Gewalt. Aufklärungskampagnen müssten verdeutlichen, dass die Sicherheit von Ärzten und anderen Angehörigen von Gesundheitsberufen unverzichtbare Voraussetzung der Gesundheitsversorgung der Bevölkerung ist. Jede und jeder Einzelne sei gefordert, jeglicher Form von verbaler oder körperlicher Gewalt in Praxen, Rettungsambulanzen oder im öffentlichen Raum, soweit es die Situation und die eigene Sicherheit zulässt, entgegenzutreten.

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