ArchivDeutsches Ärzteblatt1-2/2000Sierra Leone: Klinikalltag im Krisengebiet - Die etwas anderen Schwierigkeiten

THEMEN DER ZEIT: Blick ins Ausland

Sierra Leone: Klinikalltag im Krisengebiet - Die etwas anderen Schwierigkeiten

Dtsch Arztebl 2000; 97(1-2): A-27 / B-24 / C-24

Falk, Ariane

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LNSLNS Eigentlich ist man gut vorbereitet. Über den Einsatz in einem Krisengebiet wie Sierra Leone informiert die Hilfsorganisation ausführlich: in meinem Fall zum Beispiel über die Kapazität des örtlichen Krankenhauses, die Art und Anzahl der Verletzungen, über aktuelle Kriegshandlungen und die allgemeine politische Lage, über die Notwendigkeit persönlicher Sicherheitsvorkehrungen. Im Klinikalltag vor Ort muss man sich dennoch mit Problemen befassen, die im zentraleuropäischen Arztdasein keine Rolle spielen.
In die Kitteltasche gehören neben Stethoskop und Kugelschreiber auch Funkgerät und Mobiltelefon auf stand-by. Für die eigene Sicherheit ist es wichtig, ständig erreichbar zu sein. Vorratskisten mit haltbaren Lebensmitteln im Medikamentenlager erinnern daran, dass man im Fall einer Kriseneskalation im Stadtgebiet einige Tage und Nächte in der Klinik wird verbringen müssen. Also werden die Trockenkekse ebenso regelmäßig auf ihr Verfalldatum überprüft wie die Medikamente.
Recht schnell gewöhnt man sich an die häufigen Stromausfälle im OP. Entweder geht es mit der Taschenlampe weiter, oder der Patient wird aus dem OP-Saal auf den helleren Gang geschoben, oder man wartet einfach, bis das Licht wieder angeht. Es versteht sich von selbst, dass unter solchen Umständen EKG-Monitoring, Beatmungsmaschine oder Elektrokoagulation ineffektiv und deshalb gar nicht vorhanden sind: also, manuelle Druck- und Pulsüberwachung, sämtliche OPs in Spontanatmung mit Ketamin, spinaler oder lokaler Anästhesie. Vor allem die Laparatomie in Spontanatmung verlangt ein inniges Verhältnis zwischen Chirurg und Anästhesist.
Kaum gewöhnen kann man sich an die Kriegsverletzungen und die persönlichen Schicksale der Opfer. Die meisten weisen Schusswunden, Verbrennungen, Granatsplitter- oder Machetenverletzungen auf. Die Konfrontation mit den für den Bürgerkrieg in Sierra Leone so typischen Amputationsverletzungen ist hart, vor allem, weil zahlreiche Kinder betroffen sind. Viele Patienten haben Angehörige verloren, sind mittellos, haben kein Zuhause mehr.
Das beeinflusst das Arzt-Patienten-Verhältnis entscheidend. Während Patienten hierzulande ihre Entlassung mit größter Erleichterung aufnehmen, bewirkt diese Nachricht bei den Kriegsopfern in Sierra Leone das Gegenteil. Es bedeutet, die sichere Bleibe und regelmäßiges Essen aufzugeben. Deshalb versuchen einige Patienten verständlicherweise, ihren Aufenthalt in der Klinik möglichst auszudehnen. Dann gilt es, echte klinische Symptome von "Möchte-gern-bleiben-Symptomen" zu unterscheiden, denn auch hier sind Betten knapp. Eine Entlassung erforderte mithin viel Diplomatie oder, falls erfolglos, die Androhung des Versorgungsstopps mit Essen und Bettwäsche.
Viel Geduld verlangt die Überwachung der Medikamenteneinnahme. In Sierra Leone herrscht ein reger Schwarzmarkthandel mit Medikamenten. So ist es nicht außergewöhnlich, wenn Patienten oder deren Angehörige die verordneten Antibiotika oder die beliebten "painkiller" auf den Märkten in der Stadt verkaufen. Von den einheimischen Krankenschwestern darf man kaum Hilfe erwarten; sie zeigen sich solidarisch mit den Patienten. Am besten ist es, seine Taktik zu ändern: statt dreimal zwei Tabletten p. o. einmal eine Ampulle i. m. Dies führt man möglichst selbst aus, ansonsten hört man nicht auf, sich zu wundern, dass das Fieber nicht sinkt. Dabei war man doch gut vorbereitet. Ariane Falk
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