ArchivDeutsches Ärzteblatt15/2019Fehlerprävention: Am Anfang steht die Arbeitszeit

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Fehlerprävention: Am Anfang steht die Arbeitszeit

Dtsch Arztebl 2019; 116(15): A-709 / B-581 / C-569

Schmedt, Michael

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Michael Schmedt, Stellv. Chefredakteur
Michael Schmedt, Stellv. Chefredakteur

Behandlungsfehler gleich Ärztepfusch. Diese Gleichung hat der Boulevard gerne genutzt. Und damit den Eindruck erweckt, Ärzte hätten fahrlässig und im schlimmsten Fall wissentlich Fehler in Kauf genommen. In diesem Jahr war die Berichterstattung über die Behandlungsfehlerstatistik der Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen der Ärztekammern angenehm „pfuschlos“. Das liegt auch daran, dass die Anzahl der Fehler weiterhin sehr gering ist. Unbestritten ist jeder Fehler einer zu viel, dennoch ist es falsch, Ärztinnen und Ärzten pauschal an den öffentlichen Pranger zu stellen. Dies führt zwangsläufig dazu, dass immer weniger von ihnen zu ihren Fehlern stehen. Stattdessen muss der Fokus auf der Fehlerprävention liegen.

Kommunikation ist dabei eine wichtige Voraussetzung. Das machen die Gutachterkommissionen- und Schlichtungsstellen seit Jahren vor, wenn sie offensiv ihre Statistiken vorstellen. Vergangene Woche sogar in der Bundespressekonferenz in Berlin, wo die Aufmerksamkeit der Hauptstadtjournalisten garantiert ist. Auch in Krankenhäusern müssen Angestellte aktiv ermutigt werden, die bestehenden Angebote zur Fehlervermeidung zu nutzen. Berichtssysteme über kritische Vorkommnisse wie CIRS (Critical Incident Reporting System) oder Peer-Review-Verfahren, bei denen speziell weitergebildete Ärzte in die Krankenhäuser fahren, um mit den Kollegen vor Ort über Maßnahmen zur Verbesserung der Patientensicherheit zu sprechen, sind zentrale Werkzeuge dafür. Und sie werden immer mehr – aber noch nicht ausreichend – genutzt.

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Damit sich dies ändert, müssen Krankenhäuser eine Fehlerkultur vermitteln, die nach dem Motto „Jeder Fehler zählt“ deutlich macht, wie wichtig es ist, kritische Ereignisse zu dokumentieren. Gerade die Meldung und Analyse von Beinahe-Schäden ist die beste Fehlerprävention. Das kann aber nur in einem vertrauensvollen Arbeitsklima gelingen. Eine gute Fehlerkultur erfordert im zweiten Schritt eine detaillierte Analyse der gemeldeten Vorfälle. Wichtig ist, dass daraus geeignete Änderungen in Prozessen und Strukturen oder in Handlungsempfehlungen resultieren, die im Krankenhaus veröffentlicht werden. So sieht jeder Beteiligte, dass sein Engagement zu einer Verbesserung der Qualität führt. Fehleranalyse hinter verschlossenen Türen nützt nichts und niemandem.

Melden und kommunizieren sind das eine, die zunehmende Arbeitsverdichtung im Arbeitsalltag der Ärzte das andere. Denn dokumentieren kostet Zeit. Und die ist in den Krankenhäusern mehr als rar. So lauten Schlagzeilen eben nicht mehr „Ärztepfusch in Deutschland“, sondern „Dringende Personalnot begünstigt Fehler“. Deutlich wird: Behandlungsfehler und Ärztemangel hängen eng zusammen.

Die Fehlerprävention muss folglich ganz am Anfang beginnen: bei den Arbeitsbedingungen. Unter hoher Arbeitsbelastung und damit verbundenem Stress passieren mehr Fehler. Dass diese Binsenweisheit immer noch nicht in den Köpfen angekommen ist, machen zum Beispiel die derzeitigen Verhandlungen des Marburger Bundes mit den kommunalen Arbeitgebern deutlich. Die Arbeitgeber wollen zwei freie Wochenenden pro Monat nicht zugestehen – dafür aber eine arbeitsfreie Zeit an 20 Wochenenden im Jahr „ab Samstag zehn Uhr“. Schlechte Voraussetzungen für eine gute Fehlerprävention.

Michael Schmedt
Stellv. Chefredakteur

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