ArchivDeutsches Ärzteblatt16/2019Berühmte Entdecker von Krankheiten: Paul Ehrlich machte das Unsichtbare sichtbar

SCHLUSSPUNKT

Berühmte Entdecker von Krankheiten: Paul Ehrlich machte das Unsichtbare sichtbar

Dtsch Arztebl 2019; 116(16): [56]

Schuchart, Sabine

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Patienten interessierten ihn weniger, umso mehr aber Bakterien und die Arbeit im Labor: Der Arzt Paul Ehrlich (1854 bis 1915) verknüpfte in seinen serologischen und immunologischen Forschungen Medizin, Chemie und Biologie. 1908 erhielt er dafür den Nobelpreis.

Seine naturwissenschaftliche Neugierde stieß anfangs nicht auf Begeisterung: weder am humanistischen Gymnasium in Breslau, wo er sich mehr für Chemie als für Deutsch und Latein interessierte, noch im Elternhaus, wenn er etwa die beiden weißen Lieblingstauben der Mutter in Anilinblau einfärbte. Lediglich von seinem Cousin, dem Chemiker Carl Weigert, der Paul Ehrlichs Experimentierfreude förderte, und von seinem gebildeten Großvater, einem Likörfabrikanten, dessen Bibliothek viele naturwissenschaftliche Bücher enthielt, erhielt der Gastwirtssohn Zuspruch. Später promovierte er als Arzt, aber schon im Studium erkannte er die ungeheuren Möglichkeiten, die aus der Anfärbung biologischer Gewebe und der Verbindung von Medizin, Chemie und Biologie resultieren.

1878 wird er Assistenzarzt und später Oberarzt an der Berliner Charité. Sein Chef, der berühmte Internist Theodor von Frerichs, lässt dem ebenso fleißigen wie hochintelligenten Jungmediziner Freiraum für dessen Experimente. Ehrlich, über den seit dem Studium das geflügelte Wort „Ehrlich färbt am längsten“ kursiert, macht seinem Motto alle Ehre: Er findet einen Weg zur Anfärbung lebender Nervensubstanz, die Startstunde der intravitalen Färbung. Ab 1882 erforscht er die Säurefestigkeit des von Robert Koch gerade entdeckten Tuberkuloseerregers und entwickelt daraufhin eine Färbemethode zum Nachweis des Mykobakteriums. Koch und Frerichs sind für Ehrlich wichtige Förderer, die ihm – obwohl er mit seiner Eigenwilligkeit und selbstkritischen Reserviertheit nicht prädestiniert für den Wissenschaftsbetrieb scheint – die Entfaltung seines Genies ermöglichen. Als Frerichs 1885 stirbt, geht diese fruchtbare Phase zu Ende. 1887 habilitiert sich Ehrlich noch in Berlin, aber er ist beruflich unzufrieden und infiziert sich zudem im Labor mit einer leichten Lungentuberkulose.

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Mit Hedwig Pinkus, Tochter eines schlesischen Industriellen, die er gerade geheiratet hat, geht er für einige Zeit nach Ägypten. 1890 ist er zurück in Berlin und wird kurz darauf von Koch an das neu gegründete Institut für Infektionskrankheiten berufen. Seine wegweisenden Arbeiten zur Immunitätsforschung und die Zusammenarbeit mit Emil von Behring, dem Begründer der Serumtherapie, beginnen. Mit Behring kommt es zu einem zermürbenden, auch finanziellen Streit, weil dieser die Entwicklung des Diphterieserums allein für sich in Anspruch nimmt und Ehrlichs maßgeblichen Anteil daran unterschlägt. Ein Ausweg bietet sich dem jüdischen Wissenschaftler, als ihm 1896 in Berlin die Leitung des neuen Instituts für Serumforschung angeboten wird. 1899 zieht er mit dem Institut nach Frankfurt am Main. Hier entstehen seine brillantesten theoretischen und praktischen Studien zur Immunologie und Krebsforschung sowie die Entwicklung des Syphilis-Therapeutikums Salvarsan. 1908 erhält er den Nobelpreis für Medizin. Salvarsan, bei dem es durch unsachgemäße Anwendung zu Zwischenfällen kommt, überschattet jedoch seine letzten Lebensjahre. Trotz oder gerade wegen seines immensen internationalen Ruhms wird Ehrlich Opfer einer antisemitischen Hasskampagne. Anfeindungen und ständige Überarbeitung führen zu einem zweiten Schlaganfall, an dem er 1915 mit 61 Jahren stirbt.

Die Nationalsozialisten versuchten, Ehrlichs Namen und Werk auszulöschen, was nur zeitweise gelang. Heute tragen außer dem Bakterium Ehrlichia eine Krankheit, wissenschaftliche Institute und Preise, Kliniken und Straßen seinen Namen. Auch der Mondkrater Ehrlich und der Asteroid 65708 Ehrlich erinnern an den leidenschaftlichen Forscher, der Gesetzmäßigkeiten erkannte, die anderen verborgen blieben. Sabine Schuchart

Foto: Deutsches Historisches Museum, Berlin
Foto: Deutsches Historisches Museum, Berlin

1945 änderte der sowjetische Parasitologe Schabsai D. Moshkovski die Bezeichnungen von zwei tierpathogenen Rickettsien-Bakterien zu Ehren von Paul Ehrlich (Bild) in Ehrlichia canis und phagocytophila – das war die Geburtsstunde der neuen Bakteriengattung Ehrlichia. Wenige Jahre später entdeckten japanische Forscher, dass Ehrlichien auch den Menschen befallen können. Inzwischen sind mehrere humanpathogene Arten bekannt, sie werden in der Regel von Zecken übertragen. Die Ehrlichiose gehört zu den sogenannten neu aufgetretenen Infektionskrankheiten. Seit 1986 wurden Einzelfälle in den USA, kurz darauf auch in Europa diagnostiziert. Die Erkrankung kann zu Fieber, Schüttelfrost, Kopfschmerzen, Myalgien, Arthralgien, Leber- und Nierenfunktionsstörungen führen, verläuft oft aber auch asymptomatisch. Co-Infektionen von Ehrlichien und weiteren von Zecken übertragenen Erregern wie Borrelien sind möglich.

1979 wurde das Kawasaki-Syndrom in die 11. Auflage des „Nelson Textbook of Pediatrics“

– das US-Standardwerk der Pädiatrie – aufgenommen und war damit als Begriff international etabliert. Tomisaku Kawasaki (* 1925) hatte 1961 einen vierjährigen Jungen behandelt, dessen Fieber, geschwollene Lymphknoten, Himbeerzunge und Ganzkörperexantheme nicht auf Antibiotika reagierten. Er vermutete eine bis dahin unbekannte Krankheit, die – wie er später erkannte – mit einer Vaskulitis einhergeht und zu lebensgefährlichen kardialen Komplikationen führen kann. 1967 publizierte er seine Erkenntnisse anhand von 50 Patientenfällen in seiner Muttersprache, 1974 auch in Englisch. Die Ursache der Erkrankung, die Kleinkinder vor allem in Asien, seltener auch in Europa und den USA betrifft, ist bis heute unklar. Neben genetischen Faktoren werden infektiöse Trigger und Umweltaspekte wie Schwermetalle und Mykotoxine diskutiert.

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