ArchivDeutsches Ärzteblatt16/2019BMG-Haushalt: Nicht gerechtfertigte Kritik
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Überrascht hat mich in den letzten Wochen die mehrfach geäußerte Kritik an der vom Ge­sund­heits­mi­nis­terium geplanten Studie zu den gesundheitlichen Auswirkungen von Schwangerschaftsabbrüchen von Ihrer Seite, zuletzt begründet durch die Kosten. Sie sind damit auf die Position, die auch von der Mehrzahl der Parteien im deutschen Bundestag vertreten wird, eingeschwenkt, dass zu diesem Thema bereits alles geforscht worden sei, was es zu erforschen gibt, und dass die Ergebnisse eindeutig seien, dahingehend, dass es ein Post-Abtreibungs-Syndrom nicht gebe. Die Vehemenz, mit der die Debatte geführt wird – es wird stellenweise von einem Skandal gesprochen, eine solche Studie zu machen – hat auch mich dazu veranlasst, mich ein wenig näher mit dem Thema zu befassen. Eine kurze Suche bei PubMed mit den Stichworten „induced abortion mental health“ ergab eine für mich sehr heterogen wirkende Studienlage. So gibt es unzählige Studien, die nach Abtreibungen erhöhte Suizidraten und auch generell mehr psychische Erkrankungen bei betroffenen Frauen sehen, wobei hierbei in unterschiedlichem Ausmaß auf Confounder (vorbestehende psychische Erkrankungen, soziales Umfeld, soziokultureller Hintergrund, Beziehungsstatus, Abtreibungsgründe etc.) adjustiert wurde. Eben diese Confounder sowie die Auswahl der richtigen Kontrollgruppen scheinen die Ergebnisse maßgeblich zu beeinflussen. An dieser Stelle überzeugt mich die vorliegende Datenlage – gerade auch für Deutschland – keineswegs. Als Hausarzt, der beinahe jeden Tag Frauen und Männer mit psychischen und/oder psychosomatischen Erkrankungen vor sich hat, hat es für mich fernab jeglicher ideologischer Diskussionen eine durchaus große Relevanz, ob es Sinn macht, in der Anamnese das Tabu zu brechen und nach Abtreibungen in der Biografie zu fragen. Leiden manche meiner Patientinnen vielleicht doch unter einem Post-Abtreibungs-Syndrom und müssten eigentlich von mir als besonders gefährdet für die Entwicklung psychischer/psychosomatischer Erkrankungen identifiziert werden? Welchen Patientinnen werde ich vielleicht aktuell nicht gerecht, weil es ein Post-Abtreibungs-Syndrom als Diagnose derzeit nicht gibt – und – so gewinnt man zumindest den Eindruck – politisch auch nicht geben darf, weil dies weitreichende Konsequenzen für unseren Umgang mit Abtreibungen hätte? Und wer denkt an die beteiligten, nicht zu Vätern werdenden Männer?

Ich für meinen Teil wünsche dem Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium viel Erfolg für die Studie und hoffe, dass das Studiendesign so klug gewählt wird, dass am Ende wirklich valide Daten stehen.

 Dr. med. Johannes Weiffenbach, 70567 Stuttgart

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