ArchivDeutsches Ärzteblatt16/2019Alkoholerkrankungen: Ein zu öffentliches Getränk

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Alkoholerkrankungen: Ein zu öffentliches Getränk

Dtsch Arztebl 2019; 116(16): A-784 / B-647 / C-635

Bühring, Petra

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Maßnahmen zur Prävention von Alkoholerkrankungen gibt es in Deutschland kaum. Vor allem im Hinblick auf Preisgestaltung, Verfügbarkeit und Werbung liegt Deutschland im europäischen Vergleich im untersten Bereich. Jugendliche müssen verstärkt über Risiken aufgeklärt werden.

Den meisten Jugendlichen ist nicht bewusst, dass eine hohe Alkoholtoleranz ein Symptom für eine Alkoholstörung ist. Foto: motortion/stock.adobe.com
Den meisten Jugendlichen ist nicht bewusst, dass eine hohe Alkoholtoleranz ein Symptom für eine Alkoholstörung ist. Foto: motortion/stock.adobe.com

Der Alkoholkonsum pro Kopf ist in Deutschland deutlich höher als in vielen anderen Ländern der Europäischen Union (EU) und sinkt langsamer als in Nachbarländern. Rund 18 Prozent der Männer und 14 Prozent der Frauen hierzulande weisen einen riskanten Alkoholkonsum auf, besagt der Drogen- und Suchtbericht 2018 der Bundesregierung. „Die Hälfte der Alkoholkranken wird nicht erkannt und nur zehn Prozent erhalten eine suchtspezifische Behandlung“, konstatierte Dr. rer. nat. Dietrich Munz, Präsident der Bundes­psycho­therapeuten­kammer (BPtK) bei einem Symposium der Kammer zum Thema „Prävention und Frühintervention bei Alkoholerkrankungen“ am 10. April in Berlin. „Wirksame Präventionsmaßnahmen gibt es aber kaum.“

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Ansatzpunkte für Maßnahmen der Verhaltensprävention und Frühintervention stellte Dr. rer. nat. habil. Silke Behrendt von der Süddänischen Universität in Odense vor, differenziert für Jugendliche und junge Erwachsene und für ältere Menschen ab 55 Jahren. Frühinterventionen für die Jüngeren sollten idealerweise im Alter zwischen 15 und 21 Jahren stattfinden, weil knapp 50 Prozent der Fälle von Alkoholmissbrauch in den ersten vier Jahren nach Erstkonsum erfolgten, der bei knapp der Hälfte der Jugendlichen im Alter von etwa 13 Jahren beginne. Präventiv sollte die Altersgruppe der 10- bis 15-jährigen Schüler über die Risiken von Alkoholkonsum aufgeklärt werden, empfahl die Epidemiologin. „Ein früher Erstkonsum ist ein robuster Prädiktor für die Entwicklung einer Alkoholstörung – je früher erste Symptome auftreten, desto höher das Abhängigkeitsrisiko“, betonte sie. Den meisten Jugendlichen sei nicht bewusst, dass eine hohe Alkoholtoleranz ein Symptom für eine Alkoholstörung ist. „Die meisten prahlen damit, dass sie viel trinken können“, sagte Behrendt. Weitere Risikofaktoren seien Nikotin- und Cannabismissbrauch sowie externalisierende Störungen. Weniger eindeutig sei das Risiko bei internalisierenden Störungen wie Phobien, bipolaren Störungen, Panikattacken und schwerer Depression.

„Über die Risikofaktoren bei älteren Erwachsenen weiß man wenig, weil der Fokus bisher auf den Jüngeren lag“, sagte die Wissenschaftlerin. Auch epidemiologische Daten zu Alkoholkonsum und -störungen müssten noch weiter erforscht werden. Man wisse aber, dass es keinen Hinweis auf psychische Störungen als Risikofaktor für Alkoholstörungen bei Menschen über 55 gebe. Ebenso wenig ließen sich Zusammenhänge mit Schmerzstörungen finden. Derzeit alterten Generationen, für die der Alkoholkonsum zur Lebensführung gehöre, insbesondere bei Männern, sagte Behrendt. Aus dem Drogen- und Suchtbericht geht hervor, dass die Prävalenz des Risikokonsums bei Frauen mit hohem Sozialstatus am höchsten ist. Die Wissenschaftlerin verwies schließlich noch auf gute Ergebnisse zur Prävention bei psychisch unauffälligen älteren Männern, wenn sie ein Feedback zum Trinkverhalten in Hausarztpraxen erhalten, wenn notwendig mit anschließender Kurzeitintervention.

Die Verhältnisprävention werde von der Welt­gesund­heits­organi­sation als wichtigste Maßnahme gesehen, um Alkoholerkrankungen zu vermeiden, erklärte Prof. Dr. Jürgen Rehm, Klinische Psychologie und Psychotherapie an der Technischen Universität Dresden. Solche Maßnahmen sind die Besteuerung von Alkoholprodukten, um die Preise zu erhöhen, die Beschränkung der Verfügbarkeit und das Verbot von Werbung, Marketing und Sponsoring. „Die Implementation dieser Maßnahmen ist grundsätzlich noch viel zu wenig verbreitet in der EU – Deutschland liegt im Vergleich sogar im unteren Bereich“, betonte Rehm. In Deutschland gebe es keine anderen Verfügbarkeitshindernisse als die altersbeschränkte Abgabe ab 16 Jahren für Bier und Wein sowie für Spirituosen ab 18 Jahren. Hierbei seien andere EU-Länder deutlich konsequenter, die meisten schränkten die Werbung ein, erlaubten die Abgabe nicht überall oder hätten höhere Preise für Alkohol. „Bei Discountern in Deutschland kann jeder für 20 Cent einen halben Liter Bier kaufen“, kritisierte der Wissenschaftler.

Vorbildhafte Politik in Litauen

Als Beispiel für eine vorbildhafte Drogenpolitik führte Rehm Litauen an. In dem Land seien in den vergangenen zwei bis drei Jahren 15 verschiedene Gesetze verabschiedet worden, um den Alkoholkonsum einzuschränken: unter anderem seien die Steuern auf Alkohol stark erhöht worden, Werbeverbote gelten für Fernsehen, Radio und Internet. Zudem gebe es starke Anstrengungen, die neuen Gesetze auch durchzusetzen. „In der Folge ist beispielsweise die Lebenszeit von Männern in Litauen um fünf Jahre angestiegen“, erläuterte der Wissenschaftler.

Um den politischen Handlungsbedarf zur Verhältnisprävention zu diskutieren, hatte die Bundes­psycho­therapeuten­kammer die drogenpolitischen Sprecher der Bundestagsparteien eingeladen. Die Oppositionsfraktionen waren der Einladung gefolgt. „Warum muss Alkohol rund um die Uhr auch an Tankstellen verfügbar sein?“, kritisierte Dr. med. Kirsten Kappert-Gonther, Sprecherin für Drogenpolitik und für Gesund­heits­förder­ung von Bündnis 90/Die Grünen. Gerade der Zusammenhang zwischen Straßenverkehr und Alkoholkonsum sei nicht erklärbar. Auch das Alkoholangebot „in den Quengelzonen vor der Supermarktkasse“ hält die Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie gerade für Suchtkranke für schädlich. Darüber hinaus sollte die Werbung für Alkoholprodukte eingeschränkt werden und insbesondere auch das Sponsoring im Fußball. „Es geht gar nicht, dass Kinder und Jugendliche mit Alkoholwerbung auf ihren Trikots laufen“, sagte Kappert-Gonther. Dass mit höheren Preisen der Alkoholkonsum sinkt, ist für sie ausgemacht.

Der drogenpolitische Sprecher der Bundestagsfraktion Die Linke unterstützt auch Werbe- und Sponsoringverbote für Alkoholprodukte. Niema Movassat forderte darüber hinaus Warnhinweise zu den Folgen von Alkoholmissbrauch auf den Flaschen, wie auf Tabakprodukten üblich. „Verfügbarkeitseinschränkungen finde ich jedoch problematisch, denn das gelegentliche Glas Wein ist doch unproblematisch“, sagte er. Sinnvoll findet er jedoch die Einführung einer räumlichen Trennung von Alkoholprodukten mit den übrigen Waren in Supermärkten. Auf die Frage, ob er eine höhere Besteuerung für Alkoholprodukte sinnvoll finde, antwortete der Linken-Politiker: „Niedrige Preise sind durchaus in Ordnung, weil man sonst die Armen benachteiligt.“ Deutlich höhere Preise könnten gar zu Beschaffungskriminalität und Schwarzbrennerei führen. Darüber hinaus würden Menschen dann nicht mehr in Gaststätten gehen, um zu trinken, sondern „einsam und ohne soziale Anbindung zu Hause sitzen“, befürchtete Movassat.

Preiserhöhungen durch Besteuerung hält auch der drogenpolitische Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion, Dr. Wieland Schinnenburg, für angemessen, wenngleich „in Grenzen“. Seiner Ansicht nach halten höhere Preise Suchtkranke nicht davon ab zu konsumieren. „Wir brauchen stattdessen mehr gesellschaftliches Bewusstsein für die Gefahren von Alkoholkonsum – warum werden beispielsweise auf jedem Empfang zuerst alkoholische Getränke angeboten?“ Unterstützung erhielt Schinnenburg von wissenschaftlicher Seite: „In Dänemark halten die hohen Alkoholpreise Jugendliche nicht vom Rauschtrinken ab“, berichtete Wissenschaftlerin Behrendt.

Kaum Bewusstsein für Problem

Die Grünen-Politikerin Kappert-Gonther sprach sich dafür aus, vermehrt darüber aufzuklären, dass „auch ein Glas am Abend nicht immer schädlich, aber auch nicht gesund ist“. Ein Dorn im Auge ist ihr, dass „man sich überall dafür rechtfertigen muss, wenn man keinen Alkohol trinken will“. Hier müsse sich das gesellschaftliche Bewusstsein noch stark verändern. Das findet auch BPtK-Präsident Munz: „Alkohol ist ein öffentliches Getränk – der Umgang damit ist wenig vorbildhaft für Kinder und Jugendliche.“ Doch gerade diese müssten verstärkt über die Risiken von Alkoholkonsum aufgeklärt werden. Diskutiert werden sollte deshalb die Einführung flächendeckender evaluierter Präventionsprogramme an Schulen.

Die drogenpolitischen Sprecher der anwesenden Bundestagsparteien versprachen ihre Unterstützung für die Implementierung solcher Programme. Psychiaterin Kappert-Gonther war wichtig zu betonen, dass Alkoholpräventionsprogramme mit Selbstwirksamkeitskursen kombiniert werden sollten, weil Alkoholkonsum auch „als Ausgleich von nichterlebter Selbstwirksamkeit eingesetzt wird“. Diese müsse dann entsprechend gestärkt werden.

Hinsichtlich der Prävention von Alkoholstörungen bei Erwachsenen sehen die Experten aus der Wissenschaft ein Kurz-Screening in Form von drei bis zehn Fragen in Hausarztpraxen als hilfreich an. Wichtig sei dabei, dass jeder Erstpatient befragt werde, da die Betroffenen sich sonst stigmatisiert fühlten. Petra Bühring

Leitlinien im Internet:
S3-Leitlinie „Alkoholbezogene Störungen: Screening, Diagnose und Behandlung“: http://daebl.de/VM37
Leitlinien-Info Alkoholstörungen der BPtK (Schwerpunkt auf psychotherapeutische Behandlung): http://daebl.de/RP15

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