ArchivDeutsches Ärzteblatt16/2019Hitzewellen und Gesundheit: Praxis und Patienten vorbereiten

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Hitzewellen und Gesundheit: Praxis und Patienten vorbereiten

Dtsch Arztebl 2019; 116(16): A-808 / B-664 / C-652

Spielberg, Petra

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Die Hitzewelle 2018 hat die Gesundheit und das Leben vieler Menschen schwer beeinträchtigt. Arztpraxen und Krankenhäuser sollten daher für mögliche weitere Hitzeereignisse rechtzeitig Vorsorge treffen, da ihnen bei der Versorgung gefährdeter Personen eine Schlüsselrolle zukommt.

Foto: Liaurinko/stock.adobe.com
Foto: Liaurinko/stock.adobe.com

Extreme Wetterereignisse wie die Hitzewelle im vergangenen Jahr können für viele Menschen zur einer großen gesundheitlichen Belastung werden und das Risiko zum Beispiel für Schlaganfälle und Herzinfarkte erhöhen. Nach Informationen des Robert-Koch-Instituts erhöht sich bei jedem Grad Celsius mehr die Mortalität um ein bis sechs Prozent. Ursachen sind neben Herzinfarkten und Schlaganfällen auch Erkrankungen der Nieren und der Atemwege sowie Stoffwechselstörungen aufgrund der Hitze.

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Eine aktuelle Studie unter Federführung des Münchener Helmholtz-Zentrums kommt zudem zu dem Schluss, dass sich in den vergangenen Jahren das Herzinfarktrisiko hitzebedingt signifikant erhöht hat. Menschen, die durch Diabetes oder erhöhte Blutfettwerte vorbelastet sind, seien dabei besonders anfällig. Die Forscherinnen und Forscher vermuten, dass dies einerseits an der Klimaerwärmung liegt, andererseits aber auch daran, dass Risikofaktoren für einen Herzinfarkt, wie Diabetes oder Hyperlipidämie, zugenommen haben und die Betroffenen somit anfälliger für Hitze sind.

Risikogruppen ausmachen

Der Kreis derer, bei denen extreme Hitzeereignisse zu gesundheitlichen Beeinträchtigungen führen können, umfasst nach Angaben der WHO neben Menschen mit starkem Übergewicht sowie chronischen Erkrankungen auch ältere, isoliert lebende und pflegebedürftige Menschen, Personen mit fieberhaften Erkrankungen, Menschen mit Demenz oder solche, die bestimmte Medikamente, wie Diuretika und blutdrucksenkende Mittel, einnehmen, sowie Säuglinge und Kleinkinder.

Niedergelassene aber auch Klinikärztinnen und -ärzte sollten sich daher rechtzeitig Gedanken machen, wie sie ihre Praxisräume beziehungsweise stationären Einrichtungen auf mögliche Hitzewellen vorbereiten und mit welchen Maßnahmen sie ihren Patientinnen und Patienten helfen können, über die heißen Tage hinwegzukommen. Denn Ärzten kommt eine zentrale Bedeutung bei der Vermeidung gesundheitlicher Auswirkungen von Hitzeereignissen zu.

Anders als in einigen anderen europäischen Staaten existiert in Deutschland allerdings kein nationaler Hitzeaktionsplan mit konkreten Vorgaben, sondern es gibt lediglich Handlungsempfehlungen des Bundesumweltministeriums (BMU) aus dem Jahr 2017. Das BMU rät Einrichtungen des Gesundheitswesens darin unter anderem, sich für mögliche Hitzeperioden zu wappnen, indem sie solche Ereignisse frühzeitig im Rahmen ihres Personalkräfteeinsatzes sowie bei der Urlaubsregelung berücksichtigen. Arztpraxen und Klinken sollten ferner in der Lage sein, kühle Räume zur Verfügung zu stellen und gegebenenfalls Maßnahmen zum Schutz vor Hitze in Angriff nehmen, wie Verschattungen oder Raumventilatoren.

Denn auch für Arztpraxen gilt die Arbeitsstättenverordnung, wonach Praxisinhaber ab einer Raumtemperatur von über 26 Grad Celsius geeignete Maßnahmen einleiten müssen, die für eine Abkühlung sorgen. Bei über 35 Grad Celsius dürfen in den Praxisräumen indes gar keine Sprechstunden mehr abgehalten werden (siehe Kasten).

Hitzeaktionspläne erstellen

Der im Auftrag des Hessischen Landesamtes für Umwelt und Geologie erstellte Hessische Aktionsplan zur Vermeidung hitzebedingter Gesundheitsbeeinträchtigungen der Bevölkerung verweist zudem darauf, dass der ambulante vertragsärztliche Bereich aufgrund seiner Schlüsselrolle bei der Versorgung potenziell gefährdeter Personen wesentlich zur Prävention hitzeassoziierter Erkrankungen beitragen könne.

„Der öffentliche Gesundheitsdienst weiß gar nicht, wo zum Beispiel die Personen sind, die alt und hitzeanfällig sind und Hilfe brauchen in diesen Tagen. Diese Menschen haben aber in der Regel Hausärzte“, sagt Prof. Dr. med. Henny Annette Grewe vom Fachbereich Pflege und Gesundheit an der Hochschule Fulda, die den hessischen Plan mitentwickelt hat.

Als eine wesentliche wirksame Intervention zur Prävention von Gesundheitsschäden durch Hitzewellen erachtet die gelernte Chirurgin die regelmäßige Überprüfung des Arzneimittelregimes und die Anpassung des Medikamentenplans an die individuellen physiologischen Belastungskonstellationen gefährdeter Patienten durch niedergelassene Ärztinnen und Ärzte. Dies erhöhe zugleich die Arznei­mittel­therapie­sicherheit insgesamt.

Die WHO empfiehlt darüber hinaus, dass Hausärzte bereits im Vorfeld heißer Tage diejenigen ihrer Patienten mit einem besonderen gesundheitlichen Risiko identifizieren sollten, um bei einer auftretenden Hitzewelle gegebenenfalls schnell und gezielt Maßnahmen ergreifen zu können. Ferner sollten Hitzeberatungen in die Routineversorgung chronisch Kranker integriert werden, so die WHO.

Dazu gehört der Deutschen Gesellschaft für Nephrologie (DGfN) zufolge, die Patienten auf eine vernünftige Flüssigkeitszufuhr hinzuweisen. „Gerade ältere Menschen sollten ausreichend trinken. 1,5 bis zwei Liter am Tag sind normal, bei starkem Schwitzen kann es auch gut ein halber Liter mehr sein“, sagt Prof. Dr. med. Jan C. Galle von der DGfN. Eine weit darüber hinausgehende Flüssigkeitszufuhr bringe jedoch nichts.

Die Getränke sollten außerdem genügend Mineralstoffe enthalten. Statt Leitungswasser könnten Ärzte ihren Patienten empfehlen, an heißen Tagen lieber mal eine Apfelschorle oder ein alkoholfreies Bier zu trinken. Von mit Zucker versetzten Limonaden rät Galle ab. Von Cola sei insbesondere Patienten mit vorgeschädigten Nieren abzuraten, denn bei chronischer Nierenerkrankung führe Cola zum Anstieg von Phosphat im Blut, was wiederum die Erkrankung beschleunigen könne.

Lebensstil anpassen

Auch die Deutsche Herzstiftung (DHS) hat Tipps parat, die einer Überwärmung des Körpers vorbeugen helfen. Körperliche Aktivitäten sollten beispielsweise auf die kühleren Morgenstunden oder den späten Abend verlegt werde. Auch rät die Stiftung dazu, lockere, luftige Kleidung aus Naturmaterialien, wie Baumwolle oder Leinen, zu tragen und die Ernährung auf kleinere, leichte Mahlzeiten umzustellen.

Nicht empfehlenswert sei es dagegen, sich an heißen Tagen in Räumen mit zu kalt eingestellten Klimaanlagen aufzuhalten. „Wenn man wieder in die Hitze hinaustritt, wird die körpereigene Regulation überfordert“, so Dr. med. Karl Eberius von der DHS. Petra Spielberg

Symptome für Hitzestress

  • Müdigkeit und Schwindel
  • Blutdruckabfall bis hin zum Kreislaufkollaps
  • Herzrhythmusstörungen
  • Muskelkrämpfe
  • geschwollene Beine/„dicke“ Füße
  • Krampfanfälle
  • gestörte Thermoregulation, vor allem bei chronisch Kranken und Adipösen
  • Wahrnehmungs- und Anpassungsstörungen bei psychischen Erkrankungen/Demenz
  • Neigung zur Hyperventilation und Dehydrierung bei Patienten mit Atemwegserkrankungen
  • Störungen des Wasser- und Elektrolythaushalts bei Nierenkranken

Risikomedikamente bei Hitze

Starke Hitze kann die Wirkung und Nebenwirkungen von Medikamenten beeinflussen. Informationen dazu, auf welche Medikamente das zutrifft, stellt das Robert-Koch-Institut zur Verfügung.

http://daebl.de/EL81

Arbeitsstättenverordnung

Wenn die Außenlufttemperatur über 26 Grad Celsius beträgt, sollten wirksame Maßnahmen ergriffen werden, um die Beanspruchung der Beschäftigten zu reduzieren.

Bei Überschreitung der Lufttemperatur im Raum von 30 Grad Celsius müssen geeignete Maßnahmen ergriffen werden. Beispiele sind die effektive Steuerung des Sonnenschutzes, indem Jalousien auch nach der Arbeitszeit geschlossen bleiben, eine Reduzierung der inneren thermischen Lasten, indem zum Beispiel elektrische Geräte nur bei Bedarf betrieben werden, die Lüftung der Räume in den frühen Morgenstunden, eine Lockerung der Bekleidungsregelungen sowie die Bereitstellung geeigneter Getränke.

Steigt die Raumtemperatur auf über 35 Grad Celsius, muss der Arbeitsraum für die Zeit der Überschreitung geschlossen werden.

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