ArchivDeutsches Ärzteblatt16/2019Digitale Medizin: KIS – ein halboffenes Datengrab
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Eine sehr treffende Beschreibung der frustrierenden Realität: Das Wort „dysfunktional“ beschreibt die fehlende Effizienz, die von einer Sanduhr begleitete Zeitverschwendung, die Unübersichtlichkeit und den Charakter eines KIS (Krankenhaus-Informationssystem) als halboffenes Datengrab. Einmal eingegebene Daten werden oft nicht wieder zur Verfügung gestellt. Erzwungene Doppeleingaben werfen Fragen nach der Funktionalität auf. 

Das Niveau des Rechners überschreitet die Ebene des Datenspeichers nur zaghaft. „One click to information“ ist im Alltag weiterhin eine Fiktion. Auch wenn KIS mit KI anfängt, so ist künstliche Intelligenz etwas, was wir im Zusammenhang mit einem KIS vergeblich suchen. Die Abbildung eines Workflows (AAS – Arbeitsablaufsteuerung) im KIS hat dabei nichts mit künstlicher Intelligenz zu tun. AAS ist nichts anderes als die digitale Verkettung von Routinearbeitsschritten. Selbst ein Hinweis oder eine Reaktion des KIS auf eine Abweichung ist nicht mit Intelligenz gleichzusetzen. Es würde niemand auf die Idee kommen, eine industrielle Produktionsstraße, bei der ein Programm abgespult wird, um Roboter arbeiten zu lassen, als intelligent zu bezeichnen. Auch der Abbruch eines Prozesses, das Band wird angehalten, hat nichts mit Intelligenz zu tun. Das Ereignis beruht ausschließlich auf der Messung von Parametern, die dann außerhalb der Norm liegen.

Warnungen aus dem KIS zur Risikominimierung sind nicht weit entwickelt und müssen teils gesucht werden. Beim KIS geht es immer noch um viel banalere, bislang nur rudimentär entwickelte Dinge wie z. B. fokussierte und damit übersichtliche Darstellungen, einfache Handhabung, Fehlererkennung und -vermeidung, Beschleunigung von Eingabeprozessen, Hinweise auf risikobehaftete Situationen und (Teil-)Automatisierung von redundanten zeitkonsumierenden Arbeitsschritten.

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Wie schön wäre es, die Behandlungsunterlagen von einem Patienten aus den abrechnungstechnischen Zerlegungen im KIS zu einem zusammengehörigen medizinischen Fall zu verknüpfen. Heute klauben wir die Daten gezwungenermaßen aus unterschiedlichen Fällen wieder zusammen.

Hier drückt der Schuh. Wir träumen natürlich auch gerne. Vorher gilt es aber die Hausaufgaben zu machen. Treffend wurde vor Kurzem der durchaus pragmatische Vorschlag gemacht, Entwickler und Programmierer von „Zalando“ in die weitere KIS-Entwicklung zu involvieren. Auch wenn eine bessere Funktionalität des KIS dann keine „kreischende Freude“ auslöst, weil schon „Bestellen“, in unserem Fall „Arbeiten“, Spaß macht. ...

Warum so viel Sarkasmus? Der Endanwender wird, wie im Artikel beschrieben, von der Entwicklung ferngehalten, muss aber mit jedem Blick auf die Sanduhr beim Arbeiten mit dem KIS erkennen, dass er wieder weniger Zeit für seine Patienten hat, Zeit „wasted“ und das Ganze auf unerwünschte Überstunden hinausläuft.

Für die Anbieter ist „face the truth“ und damit ein Umdenken angesagt. Nicht nur Ärzte, sondern auch Pflegende, also echte Anwender, müssen umfassend beteiligt werden.

Prof. Dr. med. Michael Schnabel, 33615 Bielefeld

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