ArchivDeutsches Ärzteblatt16/2019Hebammen: Ärzte kritisieren Akademisierungspläne

POLITIK

Hebammen: Ärzte kritisieren Akademisierungspläne

Dtsch Arztebl 2019; 116(16): A-783 / B-646 / C-634

Osterloh, Falk

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Das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium plant eine Vollakademisierung des Hebammenberufes. Während der Plan von den Hebammen begrüßt wird, befürchten Ärzte eine Zerfaserung der Zuständigkeiten sowie einen zusätzlichen Mangel an Hebammen im Krankenhaus während der Übergangszeit.

Hebammen sollen künftig ein Studium absolvieren. Foto: picture alliance
Hebammen sollen künftig ein Studium absolvieren. Foto: picture alliance

Heute absolvieren Hebammen eine dreijährige Ausbildung an Hebammenschulen. Auf der Basis der EU-Richtlinie 2005/ 36/EG hat das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium im März einen Gesetzentwurf vorgelegt, der eine Umstellung auf eine vollständige Akademisierung der Ausbildung vorsieht – inklusive einer Ausweitung der beruflichen Befugnisse. „Hebammen sollen den Anforderungen des komplexer werdenden Gesundheitssystems durch eine anspruchsvolle, stärker wissenschaftlich ausgerichtete und gleichzeitig berufsnahe Ausbildung begegnen können“, heißt es in dem Entwurf.

Der Deutsche Hebammenverband begrüßt dieses Vorhaben. Der hohe Stellenwert von Hebammen als den Expertinnen für Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett werde für die gesundheitliche Versorgung anerkannt und die flächendeckende Versorgung mit Hebammenhilfe als wichtige Aufgabe bestätigt, heißt es in einer Stellungnahme des Verbandes.

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Unklare Formulierungen

Auch der Deutsche Evangelische Krankenhausverband (DEKV) befürwortet die geplante Akademisierung. Auf einem parlamentarischen Frühstück Anfang April in Berlin betonte Jochen Vennekate, Vorstandsmitglied im DEKV, dass eine akademische Ausbildung von Hebammen eine Begegnung auf Augenhöhe mit anderen Berufsgruppen im Krankenhaus unterstütze.

Die Ärzteschaft sieht die Ausgestaltung des Gesetzentwurfs hingegen kritisch. So betont die Bundes­ärzte­kammer (BÄK) in ihrer Stellungnahme: „Für die insgesamt niedrige Kinder- und Müttermorbidität und -mortalität in Deutschland trägt entscheidend die hervorragende Zusammenarbeit von Ärzten und Hebammen in der Geburtshilfe bei.“ Vor diesem Hintergrund seien unklare Formulierungen im Gesetzentwurf problematisch. „Die BÄK setzt sich für eine klare und rechtlich eindeutige Abgrenzung der Verantwortungs- und Tätigkeitsbereiche von Ärzten einerseits und Hebammen andererseits in der Geburtshilfe ein“, heißt es in der Stellungnahme. Im Gesetzentwurf gebe es allerdings Auslegungsspielräume, vor deren Hintergrund sich die Frage nach der Letztverantwortung für Mutter und Kind je nach Betreuungssetting stelle.

Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) gibt in ihrer Stellungnahme ein Beispiel: Im Gesetzentwurf sei vorgesehen, dass Hebammen in Zukunft „selbstständig und eigenverantwortlich über Fragen der Familienplanung aufklären und beraten“. Hier bedürfe es einer Abgrenzung von den ärztlichen Beratungsleistungen, um Überschneidungen und Doppelerbringung von Leistungen zu vermeiden. „Im Rahmen der Hebammentätigkeit sollte diese Beratung sinnvollerweise auf die Phase des Wochenbetts begrenzt werden“, schreibt die KBV. „Aufklärung und Beratung zu verschreibungspflichtigen Kontrazeptiva sind der ärztlichen Profession vorbehalten.“

Schließungen von Kreißsälen

Kritik kommt auch von der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG) sowie dem Berufsverband der Frauenärzte (BVF). Der Vizepräsident der DGGG, Prof. Dr. med. Frank Louwen, kritisiert, dass Ärzte dem Gesetzentwurf zufolge bei jeder Geburt Hebammen hinzuziehen müssten – auch bei einem Kaiserschnitt oder einer Frühgeburt, während parallel vielleicht Frauen im Kreißsaal zu betreuen seien. Zudem befürchten DGGG und BVF, dass es infolge der Akademisierung zu weiteren Schließungen von Kreißsälen kommt, weil es in Deutschland nicht ausreichend Studiengänge gibt, um die Anfängerzahlen in den Hebammenschulen auszugleichen. Falk Osterloh

Fünf Fragen an Prof. Dr. med. Frank
Louwen, Vizepräsident der DGGG:
www.aerzteblatt.de/n102471
oder über QR-Code

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Avatar #651910
thyriris
am Dienstag, 30. April 2019, 23:32

noch eine Anmerkung

zur Hinzuziehungspflicht, also der Pflicht, dass bei jeder Geburt eine Hebamme anwesend sein muss: Ich weiß nicht, warum Dr. Louwen das moniert. Das ist der Stand der Dinge, lt. Sozialgesetzbuch muss bei jeder Geburt, auch bei Frühgeburt oder KS, eine Hebamme anwesend sein. Wenn das in manchen Krankenhäusern anders gehandhabt wird, ist dies jedenfalls nicht rechtskonform. Und es macht auch Sinn, in der Geburtsphase zwei Leute da zu haben: denn einer kann das kind betreuen, der andere die Frau.
Avatar #651910
thyriris
am Dienstag, 30. April 2019, 23:29

Ärzte wollen aufhalten, was in ganz Europa gängig ist:

die Akademisierung der Hebammen. Warum nur? Hier geht es in erster Linie um die Hoheits- und Deutungswahrung sowie um einen großen finanziellen Topf. Wenn Hebammen eine akademisch höherwertige Ausbildung als jetzt haben, werden Eltern u.U. vermehrt die Vorsorgeuntersuchungen bei Hebammen machen lassen - die diese auch leisten können, abgesehen vom Ultraschall. Das könnte den Frauenärzten viele, viele Euros vorenthalten. Dabei ist es durch internat. Studien belegt, dass Schwangere mit niedrigem und mittlerem Risiko am besten durch die sog. "kontinuierliche Hebammenbetreuung" versorgt werden: dh. eine oder mehrere Bezugs-Hebammen betreuen die Schwangere in der Vorsorge, während d. Geburt und im Wochenbett. Natürlich unter Hinzuziehung der FÄ, wenn nötig. Was haben wir in Deutschland? Eine völlige "Zerfaserung der Betreuung": Vorsorge machen niedergelassene FÄ, Geburt Hebammen und FÄ im KH, die die Schwangere in der Regel nicht/kaum kennen, Nachsorge wieder andere Hebammen. Was wir hier an Informations- und Reibungsverlusten haben, ist heller Wahnsinn. Es ist auch für Geburtshelfer eine Herausforderung, in wenigen Stunden eine Vertrauensbeziehung aufzubauen. Diese ist aber für eine gelingende Geburt nötig, da Geburt archaischen, unterbewussten Vorgängen unterliegt, die wir nicht rationell beeinflussen können. Deswegen ist die kontinuierliche Hebammenbetreuung auch diejenige mit den geringsten Frühgeburten, weniger Kaiserschnitten, geringerem Schmerzmittelverbrauch, etc. etc. Liebe Gynäkologen: Es ist nur eine Frage der Zeit, dass wir diese kontinuierliche Hebammenbetreuung in D haben werden. Und ich werde dafür eintreten, bis es endlich soweit ist, damit Frauen bestmöglich versorgt sind.
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