ArchivDeutsches Ärzteblatt16/2019Rechtsreport: Nachbehandlung eines transplantierten Patienten

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Rechtsreport: Nachbehandlung eines transplantierten Patienten

Dtsch Arztebl 2019; 116(16): A-811 / B-667 / C-655

Berner, Barbara

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Übernimmt eine Rehaklinik die Nachbehandlung eines Patienten, dem ein Organ transplantiert wurde, so muss sie den erforderlichen Facharztstandard sicherstellen. Das hat das Oberlandesgericht (OLG) Hamm entschieden. Im vorliegenden Fall hatte sich ein Patient einer kombinierten Nieren- und Pankreastransplantation unterzogen. Zur Vermeidung von Abstoßungsreaktionen erhielt er ein Immunsuppressivum mit dem Wirkstoff Tacrolimus, für das im Entlassschreiben der Transplantationsklinik ein Zielwert von zunächst 10 bis 15 ng/ml Blut angegeben wurde. Aufgrund einer erheblichen Tremor-Symptomatik wurde die Dosis auf täglich 8 ng/ml gesenkt. Vier Monate später begab sich der Patient in eine stationäre Rehabilitationsbehandlung. Dort wurde zur Bestimmung des Tacrolimus-Talspiegels Blut entnommen und an ein Labor geschickt. Das Ergebnis mit einem Wert von nur 8,1 ng/ml Blut lag in der Rehaklinik erst nach 14 Tagen vor. Eine weitere Untersuchung unterblieb. Nach der Entlassung aus der Rehaklinik wurde ein Tacrolimus-Wert von 6 ng/ml Blut festgestellt. Der Patient verlor trotz Nachbehandlungen die Bauchspeicheldrüse, die Niere wurde geschädigt.

Das OLG billigte dem Mann nach §§ 630 a, 630 h, 611, 280, 823, 831, 249 ff., 253 Abs. 2 BGB einen Anspruch auf Schmerzensgeld in Höhe von 85 000 Euro zu. Der Rehaklinik sei es als grober Befunderhebungsfehler anzulasten, dass der Tacrolimus-Spiegel nicht angemessen überwacht worden sei. Sie sei verpflichtet gewesen, dafür zu sorgen, dass sich dieser im medizinisch fachgerechten Rahmen bewegte, um das Abstoßungsrisiko der Transplantate zu verringern. Wie ein Sachverständiger ausführte, hätte die Klinik besonderes Augenmerk auf den weiteren Verlauf richten müssen, zumal die Blutwerte bei jedem Patienten schwankten, sodass der Tacrolimus-Spiegel tatsächlich noch niedriger hätte liegen können. Es seien zumindest 14-tägige Laborkontrollen erforderlich gewesen. Dass über einen Zeitraum von etwa drei Wochen jegliche Kontrolle des Tacrolimus-Spiegels gefehlt habe, entsprach nicht dem medizinischen Standard. Nach Meinung des OLG ist der Befunderhebungsfehler als grob einzustufen. Denn es sei eindeutig gegen bewährte ärztliche Behandlungsregeln und gesicherte medizinische Erkenntnisse verstoßen worden. Ein solcher Fehler sei aus objektiver ärztlicher Sicht nicht mehr verständlich.

OLG Hamm, Urteil vom 23. November 2018, Az.: I-26 U 149/17 RAin Barbara Berner

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