ArchivDeutsches Ärzteblatt17/2019Metabolische Azidose bei Niereninsuffizienz: Überschüssige Säure durch neuartiges Wirkprinzip entfernt, nicht nur neutralisiert

MEDIZINREPORT: Studien im Fokus

Metabolische Azidose bei Niereninsuffizienz: Überschüssige Säure durch neuartiges Wirkprinzip entfernt, nicht nur neutralisiert

Dtsch Arztebl 2019; 116(17): A-847 / B-697 / C-685

Siegmund-Schultze, Nicola

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Foto: decade3d /stock.adobe.com
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Die chronische metabolische Azidose ist eine bekannte Komplikation bei chronisch niereninsuffizienten Patienten. Sie ist in höheren Stadien einer chronischen Nieren-
insuffizienz (CKD) häufiger, kann aber auch im CKD-Stadium 2 auftreten. Eine Ursache ist die verminderte renale Exkretion von Wasserstoffionen, die beim Proteinabbau entstehen. Als Folge akkumuliert Säure. Die Säureansammlung wiederum kann einen Progress der Nierenerkrankung fördern, aber auch Störungen des Protein-, Muskel- und Knochenstoffwechsels hervorrufen. Das häufigste Mittel, eine Übersäuerung zu behandeln, sind basische Nahrungsergänzungsmittel wie Natriumbicarbonat oder Natriumcitrat. Sie erhöhen den pH-Wert. Allerdings vertragen nicht alle Patienten die zusätzliche Natriumzufuhr. Deshalb wird nach alternativen Wirkprinzipien gesucht.

In klinischer Entwicklung ist das Polyamin Veverimer. Es bindet Salzsäure (HCl) im Gastrointestinaltrakt, sodass sie ausgeschieden werden kann. Effektivität und Sicherheit sind in einer multizentrischen, randomisierten, doppelblinden und placebokontrollierten Phase-3-Studie untersucht worden. 217 Patienten mit nicht-dialysepflichtiger CKD (geschätzte glomeruläre Filtrationsrate: 20–40 ml/min) und metabolischer Azidose (Serum-Bicarbonat-Konzentrationen: 12–20 mmol/L) wurden im Verhältnis 4 : 3 randomisiert: 124 zu Veverimer
(6 g/Tag) und 93 in den Placeboarm. Primärer Endpunkt war die Erhöhung der Bicarbonat-Konzentration im Serum um ≥ 4 mmol/L nach 12 Wochen Therapie oder eine Normalisierung des Bicarbonats auf 22–29 mmol/L. Mindestens 4 Stunden vor den Bicarbonat-Messungen fasteten die Teilnehmer.

Den primären Endpunkt erreichten 59 % im Verumarm und 22 % unter Placebo. Der Unterschied von 37 Prozentpunkten war mit einem 95-%-Konfidenzintervall von 23– 49 % und einem p-Wert < 0,0001 statistisch hoch signifikant. Die meisten unerwünschten Effekte waren gastrointestinal (Diarrhöe, Flatulenz, Übelkeit; 13 % im Verum-, 5 % im Placeboarm), sie waren aber nicht behandlungslimitierend.

Fazit: Bei Patienten mit CKD und metabolischer Azidose hat sich das Polyamin Veverimer als wirksam und sicher erwiesen. Veverimer lagert nach oraler Aufnahme zunächst Protonen an. Die dann positiven elektrischen Ladungen des Polymers werden durch Anlagerung von Anionen neutralisiert. Dies sind vor allem Chlor-Anionen im oberen Gastrointestinaltrakt. Das HCl-beladene Polymer wird über den Darm ausgeschieden. Das Wirkprinzip könnte physiologischer sein als die herkömmliche Neutralisierung der Säure durch Nahrungsergänzungsmittel, so die Autoren.

„Die effektive Therapie der metabolischen Azidose bei CKD ist für die Patienten wichtig“, kommentiert Prof. Dr. med. Lorenz Sellin, Klinik für Nephrologie der Heinrich-Heine-Universitätsklinik Düsseldorf. „Veverimer verspricht, eine effektive Alternative zu Natriumbicarbonat zu werden. Von Vorteil wäre eine spürbar geringere Natriumbeladung des CKD-Patienten. Wünschenswert wären nun klinische Studien, die Veverimer direkt gegen Natriumbicarbonat testen, außerdem Studien mit Dialysepatienten. Auch wäre wichtig zu belegen, dass Veverimer durch intestinale Adsorption keine Mangelerscheinungen oder eine Adsorption von Pharmaka verursacht.“

Wesson DE, Mathur V, Tangri N, et al.: Veverimer versus placebo in patients with metabolic acidosis associated with chronic kidney dis-
ease: a multicentre, randomised, double-blind, controlled, phase 3 trial. Lancet 2019; 393: 1417–27.

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