ArchivDeutsches Ärzteblatt17/2019Studium für Hebammen: Fatal
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Als ehemaliger Krankenpfleger und nun als Arzt in der Psychiatrie Tätiger stehe ich der zunehmenden Akademisierung klassischer Ausbildungsberufe wie Krankenpflege und z. B. Logopädie sehr kritisch gegenüber. Dies gilt auch für das Berufsbild der Hebamme. Besonders fatal ist die Aussage: ‚Neben dem Dualen Studium sind künftig keine anderen Ausbildungswege mehr vorgesehen. Das Nebeneinander verschiedener Ausbildungswege für Hebammen würde „zu einer Spaltung der ohnehin kleinen Berufsgruppe führen.“ Ein Abschluss der Mittleren Reife, also ein Realschulabschluss genügt dann nicht mehr für den Zugang zum Ausbildungsweg, notwendig wird eine zwölfjährige allgemeine Schulausbildung – auf deutsch heißt das: Abitur oder Fachhochschulreife. Die „unter bestimmten Voraussetzungen“ bestehende Möglichkeit, durch eine vorher schon abgeschlossene Krankenpflegeausbildung Zugang zur Hebammenausbildung zu erhalten wird sicher keine nennenswerte Zahl an Ausbildungskandidatinnen generieren.

 Begründet wird die Akademisierung oft mit dem Argument der dann besseren Bezahlung, wodurch man sich mehr Bewerber erhofft. Hier frage ich, warum man denn nicht primär an der Vergütungsverbesserung ansetzt, um genügend Mitarbeiter zu gewinnen, und stattdessen die Ausbildungswege künstlich aufbläht.

 Ich denke auch, dass manche glauben, dass der zunehmende Dokumentations- und Qualitäts-/Zertifizierungsirrsinn nur noch durch Akademiker zu bewältigen ist.

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... Wenn es in der Hebammenausbildung bald nur noch das Duale Studium gibt, sehe ich eine Gefahr, dass die „ohnehin kleine Berufsgruppe“ noch kleiner wird. Eigentlich müsste deshalb ein Aufschrei durch die Geburtsabteilungen der Republik gehen ... .

 Die Botschaft an die Schülerinnen mit
Realschulabschluss lautet somit auch ganz klar: Ihr seid nicht klug genug mit Eurem Abschluss, den Beruf der Hebamme zu erlernen. Nachdem man die Hauptschule als sinnvolles Glied im Schulsystem quasi abgeschafft hat, macht man nun der Realschule den Garaus.

 Die zunehmende Zahl der Gymnasiasten spiegelt aber keineswegs einen zunehmenden Bildungsgrad oder zunehmende Intelligenz in unserer Gesellschaft wider: vielmehr ist sie ein Produkt eines aus dem Ruder gelaufenen Bildungsfurors mit überhöhter und völlig unangemessener Überbewertung akademischer Bildung und Abwertung klassischer, auch handwerklicher Berufe. Wie sonst ist es zu erklären, dass mittlerweile in Deutschland über 18 000 (achtzehntausend) Studiengänge angeboten werden. ...

Der Hebammenberuf muss weiter auch für Realschülerinnen zugänglich sein. Ja: Ich spreche von Schülerinnen. Der männliche Entbindungspfleger ist meines Erachtens ein verzichtbares Berufsbild.

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