ArchivDeutsches Ärzteblatt17/2019Extrem Frühgeborene: Unterstützung der Spontanatmung durch Blähmanöver in klinischer Studie erfolglos

MEDIZINREPORT: Studien im Fokus

Extrem Frühgeborene: Unterstützung der Spontanatmung durch Blähmanöver in klinischer Studie erfolglos

Dtsch Arztebl 2019; 116(17): A-847 / B-697 / C-685

Meyer, Rüdiger

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Foto: Your Photo Today
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Die meisten Neugeborenen beginnen 10–30 Sekunden nach der Geburt spontan zu atmen. Extreme Frühgeborene haben dagegen aufgrund ihrer schwächeren Atemmuskulatur häufig Schwierigkeiten, die pränatal flüssigkeitsgefüllten Lungen zu belüften. Viele Zentren versuchen, den Beginn der Spontanatmung durch ein Blähmanöver zu unterstützen, in dem kurze Zeit mit Überdruck beatmet wird. Dadurch sollen sich die Lungen maximal entfalten. Die Intervention ist jedoch umstritten, da die Dehnung zu einem „Air-Leak“ mit Eindringen von Luft in die Pleura oder sogar in die Bauchhöhle führen kann.

Die SAIL-Studie (Sustained Aeration for Infant Lungs) hat das Blähmanöver in einer randomisierten Studie überprüft. Es beteiligten sich 18 Intensivstationen für Neugeborene in 9 Ländern, darunter die Unikliniken in Freiburg und Ulm. 460 extrem Frühgeborene mit einem Gestationsalter von 23 bis 26 Wochen bei Geburt, die Atemunterstützung benötigten, sollten auf eine konventionelle Maskenbeatmung mit oder ohne Blähmanöver randomisiert werden.

Erlaubt waren bis zu 2 Blähmanöver von je 15 Sekunden, das erste mit einem Spitzendruck von 20 cm H2O. Setzte dann keine Spontanatmung ein, durfte ein zweites Manöver mit einem maximalen Druck von 25 cm H2O durchgeführt werden. Beatmet wurde nicht invasiv über eine Gesichtsmaske. In der Kontrollgruppe erfolgte eine intermittierende Überdruckbeatmung ohne Blähmanöver.

Die Studie wurde im Januar 2018 nach Einschluss von 426 Frühgeborenen vorzeitig gestoppt. Grund war eine Häufung von frühen Todesfällen in der Blähmanövergruppe. Dort waren in den ersten 48 Stunden nach Geburt 16 Säuglinge (7,4 %) gestorben gegenüber 3 Säuglingen (1,4 %) in der Vergleichsgruppe. Die adjustierte Risikodifferenz (aRD) von 5,6 Prozentpunkten war mit einem p-Wert von 0,002 statistisch signifikant (95-%-Konfidenzintervall [95-%-KI] [2,1; 9,1]). Von den 16 Todesfällen nach dem Blähmanöver entfielen 11 auf Säuglinge, die in der 23. oder 24. Gestationswoche geboren wurden.

Auch der primäre Endpunkt der Studie, eine bronchopulmonale Dysplasie oder Tod des Säuglings bis zu 36 Wochen nach Geburt, trat nach dem Blähmanöver tendenziell häufiger auf: 137 Fällen (63,7 %) standen 125 Fälle (59,2 %) in der Kontrollgruppe gegenüber (aRD: 4,7 % [–3,8; +13,1]; p = 0,29). Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Vorteil des Blähmanövers übersehen wurde, wurde als gering eingeschätzt. Es gab auch eine deutlich erhöhte Rate von Bradykardien in der Blähmanöver-Gruppe.

Die Studie stellt eine häufige Praxis in der Erstversorgung von extrem Frühgeborenen infrage, liefert jedoch keinen Lösungsansatz. Offen ist, ob das Blähmanöver späteren Frühgeborenen nutzen oder eine kürzere Dauer vorteilhaft sein könnte. Angesichts der unvorhergesehenen Todesfälle müssten neue Strategien vor Einführung in die Klinik in randomisierten Studien geprüft werden, so die Autoren.

Fazit: Der Versuch, die Spontanatmung von extrem Frühgeborenen durch Blähmanöver zu unterstützen, hat in einer internationalen randomisierten Studie keinen klinischen Vorteil ergeben, sondern die Risiken sind erhöht.

Kirpalani H, Ratcliffe SJ, Keszler M, et al.: Effect of sustained inflations vs intermittent positive pressure ventilation on bronchopulmonary dysplasia or death among extremely preterm infants. The SAIL randomized Clinical Trial.
JAMA 2019; 321: 1165–75.

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