ArchivDeutsches Ärzteblatt17/2019Änderungen im Geburtenregister: Bescheinigungen nur für Personen mit Varianten der Geschlechtsentwicklung

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Änderungen im Geburtenregister: Bescheinigungen nur für Personen mit Varianten der Geschlechtsentwicklung

Dtsch Arztebl 2019; 116(17): A-860 / B-708 / C-696

Hillienhof, Arne

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Mehr als nur zwei Optionen: Intersexuelle Menschen können seit Ende 2018 ihren Geschlechtseintrag und Vornamen im Geburtenregister ändern lassen. Foto: fotohansel/stock.adobe.com
Mehr als nur zwei Optionen: Intersexuelle Menschen können seit Ende 2018 ihren Geschlechtseintrag und Vornamen im Geburtenregister ändern lassen. Foto: fotohansel/stock.adobe.com

Ärztinnen und Ärzte dürfen zur Änderung des Eintrages im Geburtenregister nur Personen mit Varianten der Geschlechtsentwicklung eine Bescheinigung ausstellen. Auf die entsprechende Regelung im „Gesetz zur Änderung der in das Geburtenregister einzutragenden Angaben“ weist die Bundes­ärzte­kammer (BÄK) hin.

Am 22. Dezember 2018 ist das „Gesetz zur Änderung der in das Geburtenregister einzutragenden Angaben“ in Kraft getreten. Seitdem ermöglicht § 45 b des Personenstandsgesetzes Menschen, bei denen sowohl männliche als auch weibliche Geschlechtsmerkmale angelegt sind, durch eine Erklärung gegenüber dem Standesamt ihren Geschlechtseintrag und ihre Vornamen im Geburtenregister ändern zu lassen. Voraussetzung hierfür ist die Vorlage einer ärztlichen Bescheinigung, in der bestätigt wird, dass eine Variante der Geschlechtsentwicklung vorliegt. Varianten der Geschlechtsentwicklung stellen eine heterogene Gruppe von Abweichungen der Geschlechtsdeterminierung oder -differenzierung dar, die nach der bei der Konsensuskonferenz in Chicago 2005 international festgelegten Definition unter dem Begriff „Differences/Disorders of Sex Development (DSD)“ zusammengefasst werden. Die BÄK weist daraufhin, dass nur in diesen Fällen durch Vorlage einer ärztlichen Bescheinigung gegenüber dem Standesamt nachzuweisen ist, dass eine Variante der Geschlechtsentwicklung vorliegt.

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Nähere Informationen zu dem Thema DSD hat die BÄK in ihrer Stellungnahme „Versorgung von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen mit Varianten der Geschlechtsentwicklung“ vorgelegt. Auch die S2k-Leitlinie „Varianten der Geschlechtsentwicklung“, die über die Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften verfügbar ist, gibt Handlungsempfehlungen für die Bereiche Psychologie/Psychotherapie (Diagnostik/Therapie), Medizin (Diagnostik/Therapie) und Selbsthilfe (Kontakt/Kooperation) für Menschen mit einer Variante der Geschlechtsentwicklung zum Zeitpunkt der Geburt und im weiteren Lebensverlauf.

http://daebl.de/VE54

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dr.med.thomas.g.schaetzler
am Freitag, 26. April 2019, 09:59

Intersexualität

In Deutschland sind etwa 10.000 bis 20.000 Menschen von verschiedenen Intersexualitäts-Formen betroffen. Die Ursachen sind chromosomal, monogenetisch oder multifaktoriell schwer einzuschätzen

Das Bundesverfassungsgericht (BVerfG) hatte dem Gesetzgeber aufgegeben, im Personenstandsregister ein drittes Geschlecht für intersexuelle Menschen einzuführen, um "die geschlechtliche Identität jener Personen, die weder dem männlichen noch dem weiblichen Geschlecht zugeordnet sind" zu ermöglichen.

Paul Martin Holterhus, Professor für Pädiatrische Endokrinologie an der Universität zu Kiel: "Intersexualität ist eine fehlende Übereinstimmung von genetischem Geschlecht, gonadalem Geschlecht sowie körperlichem Geschlecht." Der Chromosomensatz passt z.B. nicht zu den Genital-Manifestationen, die Genitalorgane sind uneindeutig, die Gonaden sind fehlangelegt oder sowohl Hoden- als auch Eierstockgewebe sind vorhanden.

Aber auch das psychische Geschlecht, die bio-psycho-soziale Identität und die im Alltag angenommenen Geschlechterrollen sind bei vielen Menschen nicht nur mit Intersexualität "variabel aufgespannt mit männlichen und weiblichen Elementen, und nicht streng bipolar". Die bio-psycho-sozial-sexuellen Manifestationen, Entwicklungen, Identitäts-Findungen und Ausprägungen sind im übrigen auch im sozialpsychologischen bzw. biografischen Kontext aller Menschen variabel ausgebildet. 

Ursachen für Intersexualität "sind chromosomal, monogenetisch oder multifaktoriell":

- Die 45,X/46,XY Gonadendysgenesie ist z.B. eine numerische Anomalie der Geschlechtschromosomen mit einem Y-chromosomalen Mosaik.

- Die Androgenresistenz führt bei Menschen mit XY-Geschlechtschromosomen und  nicht ausreichend funktionierendem Androgenrezeptor zu uneindeutigen primären und sekundären Geschlechtsmerkmalen.

Zwei numerische Abweichungen der Geschlechtschromosomen, das Turner-Syndrom (45,X0) und das Klinefelter-Syndrom (47/XXY) führen i.d.R. nicht zur Intersexualität. Zwei meiner Patienten in meiner Praxis Existieren, Denken, Fühlen, Wollen und Handeln eindeutig weiblich (45,X0) und männlich (47/XXY).
 
Das Mayer-Rokitansky-Küster-Hauser-Syndrom (MRKHS) ist eine angeborene Fehlbildung des weiblichen Genitals durch Hemmungsfehlbildung der Müller-Gänge im zweiten Embryonalmonat. Die Ovarialfunktion (Östrogen- und Gestagensynthese) ist nicht gestört, was die normale Entwicklung der weiblichen sekundären Geschlechtsmerkmale ermöglicht. Das MRKH-Syndrom bedeutet als angeborene Fehlbildung, die nur Frauen betrifft, ebenfalls keine Intersexualität.

Klitoris-Hypertrophie, Penis-Hypoplasie, Hypospadie und Epispadie belegen für sich allein genommen auch keine Intersexualität, sind jedoch Hinweise auf mögliche endokrinologische Störungen mit Auswirkungen auf die sexuelle Identität.

Damit sind Fehl- oder Missbildungen der Genitalorgane ohne zweifelbehaftete Zuordnung der Geschlechtsidentität keine Intersexualität. Auch Transsexualität-, “Wrong-Body-” oder “Gender-Dysphorie-Syndrom”-Betroffene, wie ich sie in 10-jähriger Beratungs-Arbeit und in meiner hausärztlichen Praxis gesehen habe, fallen nicht darunter. Hier steht das Erreichen einer anderen, "richtigeren" männlichen oder weiblichen und sehr selten einer "Zwischenstation" als Zielvorstellung einer bio-psycho-sozial-sexuellen Identitätsbildung dahinter.

82 Millionen Einwohner in Deutschland und eine Prävalenz der Intersexualität von 1 auf 5.000 Geburten bedeutet 16.400 betroffene Personen. Für diesen Personenkreis mit einem “Dritten Geschlecht” hatte das Bundesverfassungsgericht (BVerfG) in seiner Entscheidung 1 BvR 2019/16 vom 10.10./8.11.2017 entschieden, war allerdings irrtümlich von 160.000 Betroffenen in Deutschland ausgegangen.

Erstaunlich bleibt, dass die Forderung nach einem ärztlichen Attest zur Feststellung einer Intersexualität und der Konsequenz einer Personenstandsregister-Änderung von Beginn an von den Interessenverbänden kritisiert wurde. Die Intergeschlechtlichkeit wird dadurch ebensowenig pathologisiert oder als eine Krankheit behandelt, wie die Feststellung von männlich/weiblich durch Hebammen, ärztliche Geburtshelfer, Krankenhausabteilungen oder Standesbeamte/-innen/-divers.

Weshalb so viele der betroffenen Menschen durch Ärzte/Ärztinnen/divers angeblich traumatisiert seien, dass sie sich nun keine Bescheinigung holten, erschließt sich mir nicht. Die Forderung der "Deutschen Gesellschaft für Transidentität und Intersexualitität", eine reine Selbsterklärung ohne medizinische Begutachtung solle genügen, entwertet und diversifiziert alle Bestrebungen, Intersexualität in die Mitte unserer Gesellschaft zu bringen. Von einer "gefühlten" Intersexualität ohne jegliche körperlich verifizierbaren Zwischenstufen zwischen "männlicher" oder "weiblicher" Physiognomie war im Gegensatz zu Erklärungen von Selbsthilfegruppen bei der Entscheidung des BVerfG juristisch nicht die Rede. Das erklärt nur die Bandbreite der divergierenden Schätzungen von 10.000 bis 160.000 Betroffenen in Deutschland. 

Mf + kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund (z.Zt. Bergen aan Zee/NL)

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