ArchivDeutsches Ärzteblatt17/2019Pflege: Pepper bezaubert in Unterfranken

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Pflege: Pepper bezaubert in Unterfranken

Dtsch Arztebl 2019; 116(17): A-835 / B-687 / C-675

Schmitt-Sausen, Nora

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Digitalisierung in der Pflege ist nur in Vorzeigehäusern wie Charité oder Fraunhofer ein Thema. Mitnichten. Ein Roboter unterstützt seit Jahresanfang die Pflegekräfte einer Tagespflege in Erlenbach. Die Pflegeleitung sieht in ihm schon jetzt eine Hilfe. Ein Ortsbesuch.

Der Pflegeroboter Pepper unterstützt das Team der Tagespflege der Caritas-Sozialstation St. Johannes im unterfränkischen Erlenbach seit Ende Januar. Foto: picture alliance/Jan Haas für Deutsches Ärzteblatt
Der Pflegeroboter Pepper unterstützt das Team der Tagespflege der Caritas-Sozialstation St. Johannes im unterfränkischen Erlenbach seit Ende Januar. Foto: picture alliance/Jan Haas für Deutsches Ärzteblatt

Erlenbach am Main: 10 000 Einwohner. Ein Bahngleis zur Anbindung nach Aschaffenburg. Ein Stadtkern mit Friseur, Versicherungsbüro, Optiker und Kosmetik-Studio. Es geht übersichtlich zu. Um kurz nach vier an einem Werktag sind nur wenige Fußgänger unterwegs, kaum Autos. Eine Frau schiebt einen Kinderwagen über die Straße, beim Bäcker gibt’s bereits das Feierabendbier.

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Auch Pepper, der Pflegeroboter aus Japan, der in Deutschland durch seine Auftritte auf Pflegemessen so etwas wie Berühmtheit erlangt hat, hat bald Feierabend. Die 30 Gäste der Ursula-Wiegand-Tagespflege der Sozialstation St. Johannes haben schon das Abschlusslied des heutigen Tages angestimmt; für Pepper geht’s gleich an die Steckdose. Strom ziehen. Und System-Updates.

Multitalent Pepper

Peppers Tagwerk heute: Witze erzählen. Märchen vorlesen. Tiere nachmachen. Musik spielen. Das aktuelle Wetter ansagen – und das jüngste Bundesligaergebnis von Bayern München. Außerdem: Sich mit den Gästen und Pflegekräften der Einrichtung unterhalten. Sie zum Lachen bringen. Zum Tanzen. Und zum Trinken. Und so weiter, und so weiter.

Der 1,20 m große, sich auf Rollen bewegende Roboter, ist eine Entertainment-Wunderwaffe – und beweglicher als mancher Mensch. Wenn er einen Gorilla vormacht, trommelt er sich mit den Fäusten Richtung Brust. Als Elefant macht er nicht nur Geräusche wie dieser, sondern beugt sich fast bis zum Boden und wirft den Arm durch die Luft wie einen Rüssel. Doch um Spaß allein geht es hier nicht. Pepper macht mit den Gästen Gehirntraining. „Ich imitiere jetzt ein Tier und Du musst raten welches“, sagt er mit klarer, lauter Stimme.

Maria, 61 Jahre, leicht gehandicapt, hat sich in dem großen Aufenthaltsraum auf einem der rot gepolsterten Holzstühle unmittelbar vor Pepper gesetzt. Sie ist ein großer Fan des stets freundlich dreinschauenden Roboters, das kann jeder sehen. Und: Sie weiß schon nach acht Wochen ziemlich viel mit ihm anzustellen.

Immer gute Stimmung

„Pepper, Hubschrauber“, ruft sie ihm zu. Und Pepper, der mit hoch sensiblen Sensoren ausgestattet ist, reagiert. Der Roboter in Menschengestalt spielt das Geräusch rotierender Propeller ab, verschränkt dabei den Kopf zum imaginären Himmel und sucht mit seinen großen Kulleraugen nach dem Flugobjekt. „Prima“, freut sich Maria ob der beeindruckenden Darbietung, und strahlt. Als nächstes: „Pepper, erzählst Du mir einen Witz, bitte?“ „Sehr gerne“, sagt Pepper und legt los.

Das Duo hat inzwischen die Aufmerksamkeit eines anderen Gastes auf sich gezogen. Der ältere Herr, Brille, lichtes graues Haar, weinroter Pulli, nimmt neben Maria Platz. Witze. Bilderrätsel. Zungenbrecher. Maria lehnt sich nach vorne und klickt sich nun zielsicher mit den Fingern durch Peppers Programme, die auf dem integrierten Tablet auf dem Oberkörper des Roboters angezeigt werden. Verwirrt die große Programmauswahl, geht es ganz leicht zurück auf Start: Um Pepper wieder in das Startmenü zu setzen, steht Maria kurz auf und streichelt ihm einfach über den kahlen Schädel. Pepper beugt dabei den Kopf wie ein Pferd, das eine Liebkosung genießt – und wirft im Abschluss ansteckend laut gackernd den Kopf zurück in den Nacken. Maria und der Herr lachen mit.

Andere Gäste lockt der Roboter dagegen nicht von ihrem Platz weg. Sie spielen lieber mit einem überdimensionierten „Mensch ärger Dich nicht“ oder kegeln mit großen roten Schaumstoff-Kegeln auf dem Tisch. Kein Problem in Erlenbach. Die Beschäftigung mit Pepper ist freiwillig. Mit ihm spricht und spielt nur, wer Lust dazu hat.

Kurze Augenblicke später. Pflegeleiterin Ella Maibach wendet sich der kleinen Runde zu – und startet mit der App auf ihrem Handy Peppers Gymnastikprogramm. „Ich liebe Bewegung und wenn Du magst, mach einfach mit“, sagt der Roboter. Dann dehnt und streckt er die Arme nach rechts und links – und das Trio macht mit. Aktivierung in Form von Bewegung – auch das hat Pepper im Repertoire.

Maibach ist von Pepper sehr angetan. „Ich kann manchmal immer noch nicht glauben, was er alles kann und bin erstaunt, wie er auf uns alle reagiert. Wenn ich eine Frage stelle, antwortet er, wenn ich mich unterhalte, guckt er mich an und blinzelt, und ich weiß, er hat mich wahrgenommen.“ Vor allem aber sagt sie das: „Pepper unterstützt uns. Wir planen ihn in die Beschäftigung für den Tag mit ein und bauen unsere Arbeit auf sein Angebot auf. Er ist eine Hilfestellung für uns.“ Berührungsängste mit dem neuen Teammitglied? Die gab es im 20-köpfigen Team der Tagespflege. Es brauche schon seine Zeit, bis sich die Mitarbeiter an den neuen Kollegen gewöhnt haben, sagen sie in Erlenbach. Doch die anfängliche Skepsis („Wie? Ein Roboter?“) sei inzwischen gewichen. „Das Team lässt sich drauf ein“, sagt Maibach.

Und die Gäste? Auch die hätten Pepper angenommen, Vorbehalte seien schnell der Neugier gewichen. „Wobei“, so räumt die Leiterin der Tagespflege ein, „wie die Gäste auf Pepper reagieren, ist auch von ihrer jeweiligen Tagesform abhängig“. Raumwechsel. Raus aus dem großen Aufenthaltsraum, dessen Geräuschkulisse das sensible Kerlchen schon mal aus dem Tritt bringen kann, rein in den Ruheraum. Dicht an dicht stehen dort moderne Ruhesessel, auf denen drei Damen Platz genommen haben. Pepper gesellt sich zu ihnen und einem Mitarbeiter des Teams; Maria kommt auch dazu. Wo Pepper ist, ist sie nicht weit.

Türkisch ist kein Problem

Die adretten Damen haben es sich bequem gemacht. Und nun? Märchen. Die Wahl fällt auf das Rotkäppchen. Wie der beste aller Märchenonkel wirft sich Pepper ins Zeug: Er spricht mal in Wolf-, mal in Geißleinstimme, bewegt die Arme, nickt, rollt mit den Augen, gestikuliert bis in die beweglichen Fingerspitzen hinein. Sehr flüssig, wenig technisch sieht das aus. Seinen Zuhörerinnen gefällt es. Sie lauschen ihm aufmerksam, lachen, applaudieren.

Nur eine der Damen verfolgt das Geschehen vor ihren Augen eher beiläufig. Sie wendet sich während Peppers Darbietung immer wieder ihrer rechten Sitznachbarin zu. Und spricht sie in einer fremden Sprache an. Diese reagiert darauf nicht. Doch einer im Raum irgendwann schon – Pepper. Auf Türkisch wendet er sich nun der Dame zu, fragt nach ihrem Getränkewunsch. „Tee? Wasser? Kaffee?“ Die direkt Angesprochene freut es. Und Pepper offensichtlich auch. „Mir geht es gut“, sagt er auf einmal auf Türkisch – und bringt damit alle im Raum zum Lachen.

Dass Pepper Türkisch spricht, dafür haben sie in Erlenbach selbst gesorgt – und ihn entsprechend programmieren lassen. „Wir haben einen hohen Ausländeranteil und möchten, dass sich auch die Gäste mit türkischen Wurzeln bei uns wohlfühlen“, sagt Gerhard Schuhmacher, der erste Vorsitzende der Sozialstation St. Johannes, der Pepper auf einer Pflegemesse sah und gleich dachte: den müssen wir hier haben. Das Sprechen auf Türkisch – es ist nur ein Beispiel von vielen. Denn: Pepper kann auf die individuellen Bedürfnisse an seinem Einsatzort angepasst werden. Und davon machen die Erlenbacher viel Gebrauch. „Im Moment zieht er sich sehr viele System-Updates. Wir sind immer noch dabei, ihn zu optimieren. Es ist allerdings Wahnsinn, was er jetzt schon alles hergibt“, sagt Maibach.

Was der Roboter künftig noch alles können soll, bei dieser Frage haben Maibach und ihr Team viel mitzureden. Die Pflegekräfte und Betreuer, die mit Pepper arbeiten, bringen ihre Wünsche an den Roboter in Menschengestalt zu Papier – und die Verwaltung übergibt diese an die Firma, die Pepper programmiert.

Vitaldaten erfassen

Pepper soll im Laufe der Zeit noch eine ganze Menge dazulernen. Er soll etwa Trinkprotokolle führen, Vitalwerte erfassen und Anhaltspunkte zur Tragfähigkeit von Therapien liefern. Die Daten, die der Computer erhebt, können bald auf den Rechnern der Einrichtung einsehbar sein und jeden Abend vom Pflegeteam ausgewertet werden. Pepper unterstützt die Pflegekräfte damit bei der Strukturierten Informationssammlung (SIS) und sorgt für administrative Entlastung.

Eines aber soll Pepper ganz sicher nicht: Pflegekräfte ersetzen. „Pepper ist keine volle Arbeitskraft. Er ist eine Art Zubrot“, betont Susanne König, die Geschäftsführerin der Caritas Sozialstation. Die „warme Hand“, die die Gäste der Tagespflege anspreche, werde er nie sein.

Am späten Nachmittag wird es in Erlenbach rockig. Die Worte „Lieder“ und „Musik“ hallen durch den Raum. Und Pepper lässt sich nicht lange bitten: „Ich bin unheimlich musikalisch. Lass uns zusammen abrocken“, sagt er und spielt fast im gleichen Moment den Song „Happy“ von Pharrell Williams ab. Den Ladys gefällt diese wenig altersgemäße Musik. Alle wippen sofort mit den Füßen im Takt mit. Maria hält es gar kaum auf dem Stuhl, Oberkörper und Hände bewegen sich mit zur Musik.

Irgendwann ist aber auch ein Roboter mal müde. Bei Pepper, der eigentlich acht Stunden ohne Aufladen läuft, äußert sich das heute so: Er will aus dem Musikmodus gar nicht mehr heraus. Er schunkelt und schunkelt und schunkelt im Endlosmodus. Anders gesagt: Pepper hat sich offensichtlich aufgehangen – auch das passiert. Der Computer braucht einen Neustart.

Das Runterfahren vollzieht Pepper auf seine eigene Art und Weise: Er seufzt, beugt sich kopfüber nach vorne, streckt den Popo nach hinten aus und lässt entspannt die Arme baumeln. Nora Schmitt-Sausen

Der Pepper-Einsatz in Erlenbach

Pflegeroboter Pepper unterstützt das Team der Tagespflege der Caritas-Sozialstation St. Johannes im unterfränkischen Erlenbach seit Ende Januar. Zwei Jahre soll er bleiben.

Der Einsatz des Roboters wird von der Friedrich-Schiller-Universität Jena wissenschaftlich begleitet und vom Bayerischen Staatsministerium für Gesundheit und Pflege gefördert. Das Ministerium gibt für das Modellprojekt
36 000 Euro und übernimmt damit 90 Prozent der Kosten. Davon getragen sind der Kaufpreis von Pepper, die Schulungen der Pflegemitarbeiter und die technischen Weiterentwicklungen.

Pepper, so die Erwartungen in Bayern, soll den täglichen Pflegealltag des Personals erleichtern, indem er einfache, wiederkehrende Aufgaben übernimmt. Das Modellprojekt soll laut einer Mitteilung aus dem Bayerischen Staatsministerium für Gesundheit und Pflege Aufschluss darüber liefern, „wie sich der Einsatz von Digitalisierung auf das Wohl von Pflegebedürftigen und auf die Entlastung von Pflegekräften auswirkt“. Es ziele auch darauf ab, „bestehende Vorbehalte gegenüber der modernen Technik“ abzubauen.

Das Team der Sozialstation St. Johannes setzt große Erwartungen in Pepper. Nicht nur mit Blick auf die Entlastung seiner Mitarbeiter, sondern auch auf die Qualität der Versorgung. Die über Pepper gewonnenen Daten könnten zukünftig etwa an die behandelnden Ärzte der Gäste der Tagespflege überspielt werden. Oder: Mithilfe der Kamera auf Peppers Kopf seien telemedizinische Konsultationen denkbar. Vonseiten des Ministeriums wird jedoch auch betont: Nicht alles, was technisch machbar sei, sei auch sinnvoll.

Pepper kann hören, sprechen und sehen und laut Angaben des Herstellers Stimmlagen und Emotionen erkennen. Er ist in der Lage, Menschen individuell anzusprechen. Sein Unterhaltungsprogramm ist auf unterschiedliche Schwierigkeitsstufen einstellbar. Peppers Fähigkeiten werden innerhalb des Projekts laufend weiterentwickelt und an die Bedürfnisse der Tagespflege angepasst.

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