ArchivDeutsches Ärzteblatt17/2019Elektronische Patientenaufklärung: Tablet statt Klemmbrett

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Elektronische Patientenaufklärung: Tablet statt Klemmbrett

Dtsch Arztebl 2019; 116(17): A-856 / B-704 / C-692

Krüger-Brand, Heike

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Mit Tablet-PCs lassen sich die Information und Aufklärung des Patienten in der medizinischen Routine erheblich erleichtern und verbessern. Ein Großteil des papierbasierten Dokumentationsaufwands erübrigt sich bei durchdigitalisierten Prozessen.

Foto: rogerphoto/stock.adobe.com
Foto: rogerphoto/stock.adobe.com

Viele Prozesse in Krankenhäusern und Arztpraxen sind noch papierbasiert. Dazu zählen in der Regel auch die Patientenaufnahme und die Aufklärung. Dabei bieten mobile Anwendungen ideale Voraussetzungen, diese Prozesse zu modernisieren und die Daten für weitere Prozesse der jeweiligen Einrichtung zu nutzen. Aber: „Die Workflows müssen stimmen“, meinte Alexander Wahl, Thieme Compliance, bei der Medizin-IT-Messe DMEA Mitte April in Berlin. Noch befänden sich die meisten Gesundheitseinrichtungen hierbei eher am Anfang, denn bisherige erlernte Prozesse würden häufig beibehalten. „Es wird nahe am Papierprozess digitalisiert.“ Auch sei beispielsweise die Patientenaufnahme häufig zwar bereits teildigitalisiert, aber spätestens bei der Unterschrift komme es dann zum Medienbruch.

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Dabei kann die Digitalisierung von Anamnese- und Aufklärungsbögen einschließlich der Einverständniserklärung der Patientin oder des Patienten in vielerlei Hinsicht dazu beitragen, den Praxis- oder Klinikbetrieb zu entlasten.

Formularbevorratung entfällt

Praxen und Krankenhäuser, die mit standardisierten Papierformularen arbeiten, müssen in der Regel eine Mindestmenge von jedem Formular abnehmen und lagern. Die Lagerung kostet Platz. Bei inhaltlichen Änderungen bleiben sie zudem auf den veralteten Formularen sitzen. Mit einer digitalen Lösung ist dagegen sichergestellt, dass ein Formular immer aktuell und direkt verfügbar ist. Eine Bevorratung von Vordrucken ist nicht mehr notwendig, was Material und Kosten einspart.

Die Vorteile für die Patienten: Sie können die digitalen Aufklärungsbögen Schritt für Schritt in ihrem Tempo ausfüllen und gehen besser vorbereitet in das Arztgespräch. Dadurch können sie den Erläuterungen der Ärztin oder des Arztes leichter folgen und gezielter nachfragen. Auch lassen sich etwa durch kurze Videos oder Computeranimationen Verhaltenshinweise beispielsweise vor einer CT- oder MRT-Untersuchung besser vermitteln.

Mit einer mobilen Tablet-Lösung kann der Patient zudem vorab im Wartebereich Fragen zur Anamnese beantworten, sodass der Arzt diese bereits vor dem Aufklärungsgespräch einsehen kann. Für das individuelle Gespräch bleibt dadurch mehr Zeit übrig. In größeren medizinischen Einrichtungen lassen sich die so erfassten digitalen Patienteninformationen zwischen den an der Behandlung beteiligten Abteilungen austauschen, sodass der Patient Anamnesefragebögen nicht mehrfach ausfüllen muss. Doppelbefragungen werden dadurch vermieden.

Darüber hinaus lassen sich mit dem Tablet auch Fragen im Rahmen des Qualitätsmanagements sowie statistische Auswertungen oder Studien besser managen. Denkbar sind etwa anonymisierte Befragungen zur Patientenzufriedenheit und zum Feedback der Patienten hinsichtlich der Serviceleistungen, um etwa Anregungen für Verbesserungsmöglichkeiten zu erhalten.

Inzwischen gibt es eine Reihe von Anbietern, die sich auf Lösungen für die digitale Patientenaufklärung spezialisiert haben. „Die Nachfrage wächst“, bestätigt Konrad Krug von der e.Bavarian Health GmbH, Erlangen, die seit 2015 die Software „MEDePort“ anbietet. Zwar wird es ihm zufolge noch eine Weile dauern, bis sich solche Lösungen breit durchsetzen, aber „die Offenheit für das Thema ist groß“. Die digitalen Patientenaufklärungsbögen des Unternehmens sind laut Krug juristisch geprüft und in bis zu acht Sprachen erhältlich. Darüber hinaus erstellt das Unternehmen auch computeranimierte Aufklärungsfilme – ebenfalls mehrsprachig beziehungsweise mit Untertiteln versehen.

Die mobile Software „E-ConsentPro“ (Thieme) beispielsweise enthält mehr als 2 000 Aufklärungsbögen für alle Fachrichtungen in bis zu 20 Sprachen. Die Bögen können direkt aus dem Praxisverwaltungssystem (PVS) oder dem Krankenhausinformationssystem (KIS) heraus aufgerufen und ausgefüllt werden. Die Software enthält dafür Schnittstellen zu führenden KIS und PVS. So hat etwa das Arztsoftwarehaus medatixx die Lösung tief in seine Arztprogramme integriert. Dadurch lassen sich die Basisstammdaten automatisch aus der Praxissoftware in die Aufklärungsbögen übernehmen. Patienten können beim Ausfüllen Rückfragen an den Arzt mit einem Extra-Button markieren. Der Arzt kann den Eingriff zudem mit individuellen Anmerkungen und Einzeichnungen veranschaulichen. Innerhalb der Karteikarte der Praxissoftware kann zudem nachvollzogen werden, dass für einen Patienten ein Aufklärungsbogen hinterlegt wurde. Am häufigsten werden nach Angaben des Arztsoftwarehauses Aufklärungsbögen aus der Anästhesie verwendet, da diese bei vielen Eingriffen notwendig sind.

Weitere Beispiele sind die Softwarelösungen „AnaBoard“ (Antelope Systems) sowie „AmbulApps“ (perimed) zur mobilen digitalen Anamnese und Patientenaufklärung mit Formularen für viele verschiedene medizinische Fachbereiche.

Neben den „Allroundern“ gibt es auch Anbieter, die sich auf ein spezielles Fachgebiet spezialisiert haben. Beispiele dafür sind „DigiConsent“ für die Strahlentherapie (Elekta/Intarsys) oder „aycan consent“ (aycan) speziell für die Radiologie.

Digitale Unterschrift

Dokumente und Formulare können Patient und Arzt bei den beispielhaft genannten mobilen Lösungen in der Regel auch direkt auf dem Tablet rechtssicher unterschreiben. Dabei wird die elektronische Unterschrift verschlüsselt und fest mit dem jeweiligen Dokument verbunden, sodass Letzteres nachträglich nicht mehr verändert werden kann (sogenannter PDF/A-Standard). Nach der Übertragung der Daten auf den Praxis- oder Klinikserver werden sämtliche Einträge und Dokumente auf dem Tablet aus Datenschutzgründen unwiderruflich gelöscht.

Der Nachweis einer ordnungsgemäßen Aufklärung wird dabei in der Regel mittels fortgeschrittener digitaler Signatur und Zeitstempel erbracht. Auch die handschriftlichen Anmerkungen und Einzeichnungen des Arztes auf dem Bogen werden zusammen mit der Signatur automatisch im Archiv gespeichert. Jedes Dokument kann vor der Ablage im Archiv ausgedruckt oder auch per E-Mail versandt werden.

Für die in ein KIS oder PVS integrierten Aufklärungsmodule fallen Lizenzgebühren sowie eine Softwarepflegegebühr an. Die Bögen zum Download werden meist einzeln nutzungsabhängig berechnet.

Patientenaufklärung

Das gilt es zu beachten:

Setzt eine Praxis oder ein Krankenhaus digitale Medien zur Patientenaufklärung ein, können diese nur zur Vorinformation des Patienten und zur Vorbereitung auf das Aufklärungsgespräch mit dem Arzt dienen. Digitale Medien ersetzen keinesfalls das persönliche Gespräch. Darauf weisen die Anbieter digitaler Lösungen für die Patientenaufklärung ausdrücklich hin.

Das liegt am hohen rechtlichen Stellenwert des ärztlichen Aufklärungsgesprächs im Behandlungsgeschehen. Zu den Sorgfaltspflichten des ärztlichen Handelns gehören die sorgfältige Anamnese sowie umfassende Informations- und Aufklärungspflichten. So muss der Arzt im Gespräch mit dem Patienten den Krankheitsverlauf erfragen und eingriffsrelevante Anamnesedaten erfassen. Zudem muss er alle wesentlichen behandlungsrelevanten Umstände erläutern wie Diagnose- und Therapiemaßnahmen, Risiken et cetera.

Vor jeder medizinischen Maßnahme muss der Arzt die Einwilligung des Patienten einholen und dies in der Regel schriftlich dokumentieren (Ausnahme: Notfälle). Die Schriftform dient dem Arzt als Beweis im Schadensfall.

Anwender-Studie

Eine Studie zur mobilen Aufklärung mit „E-ConsentPro“ in drei Universitätsklinika ergab*:

  • Die Mehrheit der Nutzer – Patienten und Mitarbeiter – bewertete den digitalen Prozess positiv.
  • Es gab deutlich weniger inhaltliche Rückfragen. Die Qualität der Antworten stieg deutlich.
  • Die Bedienung wurde als einfach empfunden, auch von den älteren Patienten.
  • Den Zeitaufwand für das Arbeiten mit den digitalen Bögen im Vergleich zur Papierversion blieb laut Mitarbeiter in etwa gleich.

*Quelle: https://thieme-compliance.de/de/software-e-consentproerfahrungswerte

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