ArchivDeutsches Ärzteblatt18/2019Nichtübertragbare Krankheiten: Prävention könnte einfach sein

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Nichtübertragbare Krankheiten: Prävention könnte einfach sein

Dtsch Arztebl 2019; 116(18): A-867 / B-715 / C-703

Schmedt, Michael

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Michael Schmedt, Stellv. Chefredakteur
Michael Schmedt, Stellv. Chefredakteur

Wie weit sollte der Staat in das Gesundheitswesen eingreifen? Diese Frage beschäftigt aktuell viele Betroffene. Das liegt nicht zuletzt an Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn (CDU), der zunehmend durchregiert wie bei der Erhöhung der Sprechstundenzeiten oder der Übernahme der Mehrheitsanteile der gematik (Gesellschaft für Telematik-anwendungen der Gesundheitskarte). So engagiert der Minister seine gesundheitspolitischen Vorstellungen durchsetzt, so zurückhaltend sind seine CDU-Kollegen bei einfachen Regelungen zur Gesund­heits­förder­ung der Bevölkerung. Zur Erinnerung: Nichtübertragbare Krankheiten, zu denen Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs, chronische Atemwegserkrankungen und psychische Störungen gehören, sind der Welt­gesund­heits­organi­sation (WHO) zufolge für 86 Prozent aller Todesfälle und 77 Prozent der Krankheitslast in der Europäischen Region der WHO verantwortlich.

Ein zentrales Thema dabei ist die Ernährung. Das weiß auch die Regierung. Sie hat es schließlich in den Koalitionsvertrag geschrieben: Die Deutschen sollen sich gesünder ernähren, Lebensmittel weniger Zucker, Salz und Fett enthalten. Verantwortlich dafür ist Bundesernährungsministerin Julia Klöckner (CDU). Bislang hat Klöckner allerdings nur unverbindliche – für die Industrie freiwillige – Vereinbarungen geschlossen. Konkrete Angaben darüber, in welchen Größenordnungen die genannten Inhaltsstoffe reduziert werden sollen, fehlen. „Viel zu industriefreundlich“, lautete im vergangenen Jahr die Kritik von Krankenkassen, Verbraucherverbänden und Ärzten.

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Jetzt forderte die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) erneut eine wirkungsvolle Verhältnisprävention, die es den Menschen erleichtert, gesünder zu leben. Dazu gehöre „eine Steuerentlastung gesunder Lebensmittel bei gleichzeitig erhöhter Steuer auf hochkalorische Produkte.“ Wohin eine ungesunde Ernährung führen kann, zeigt der Rückgang der Lebenserwartung in den USA, den die WHO auch auf den hohen Bevölkerungsanteil an Adipösen zurückführt.

Rauchen ist ein weiterer großer Risikofaktor für nichtübertragbare Krankheiten. Auch hier haftet der Regierung der Vorwurf an, viel zu industriefreundlich zu sein. Jahrelang hatte die Union ein Tabakwerbeverbot blockiert und es sogar aus einem Entwurf des Koalitionsvertrags gestrichen. Jetzt schien sich die Union zu bewegen – mit einem Haken: Für E-Zigaretten und auch Tabakerhitzer solle das Verbot wohl nicht gelten. Es wäre ein Unding, wenn die Industrie weiter für E-Zigaretten werben dürfe, kritisierte Bundes­ärzte­kammerpräsident Prof. Dr. med. Frank Ulrich Montgomery. Zu Recht. Denn positive Werbebotschaften wie „better“ oder „Elektrisieren statt stänkern“ verharmlosen die gesundheitlichen Gefahren der Produkte, mit denen die Tabakindustrie ihre Marktverluste bei klassischen Zigaretten ausgleichen will. Zudem ist es ein Taschenspielertrick, Werbung für diese „gesünderen“ Produkte weiter zuzulassen, weil sie in der Tabakrahmenkonvention der WHO von 2005 (!) nicht genannt sind.

Ernährung und Rauchen sind nur zwei Beispiele, bei denen ein staatlicher Eingriff à la Spahn sinnvoll wäre. Der Ge­sund­heits­mi­nis­ter verantwortet diese Regelungen aber nicht. Warum eigentlich nicht? Er muss die Folgen der mangelnden Präventionsbemühungen in der Krankenversorgung ausbügeln und bedient sich dabei staatlicher Interventionen, die viel zielführender bei der Prävention aufgehoben wären.

Michael Schmedt
Stellv. Chefredakteur

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